Komm mal Runter!

Aktualisiert am 03.06.2020Sandra LangmannSandra Langmann

Nach nichts sehnt man sich in der digitalen Wohlstandsgesellschaft mehr als nach totaler Ruhe und Frieden. Aber wie erreicht man das? Unsere Autorin fährt hoch in die Berge, um herauszufinden, wie und wo sie am besten runterkommt. Auspowern? Meditation? Nervenkitzel? Ein Testbericht.

Eigentlich halte ich mich ja für einen entspannten Menschen. Auf der Couch liegen und Fernsehen? Kann ich. Ziemlich gut sogar. Lange Zeit habe ich deshalb darüber gelacht, dass es heute schon Apps gibt, die den Nutzern beim Runterkommen helfen sollen. Dann fiel mir auf der Couch auf, dass ich selbst die ganze Zeit über To-do-Listen und die Arbeit nachgrüble. Laptop zu, Hirn aus – das funktioniert nicht. Nicht mehr. Aber wann genau habe ich das bitte verlernt? Als Kinder kamen wir von der Schule nach Hause, ein kurzes „Hallo und Tschüss, Mama!“, und ab nach draußen, wo die Nachbarskinder schon mit dem Fahrrad warteten. Den ganzen Nachmittag waren wir draußen unterwegs, haben nicht an den nächsten Tag gedacht. Aber das ist lange her. Deshalb fahre ich hoch in die Berge, um mal richtig runterzukommen.

Station 1: In der Kraft liegt die Ruhe

Mein Ziel: die Bärenbadalm auf 1.457 Höhenmetern. Mein Fahrzeug: ein topmodernes Mountainbike, das ich mir direkt an der Karwendel-Bergbahn in Pertisau ausleihe – inklusive Helm. Ungewohnt, normalerweise bin ich mit einem quietschenden Hollandrand unterwegs.

Es ist noch Vormittag und der Nebel hängt am Achensee fest. Sollte aber sonnig werden. Vor dem Start radle ich noch am kühlen See entlang. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, einfach unten im Tal zu bleiben, so schön ist es. Aber das ist nicht die Challenge.

Gleich hinter der Gondelstation biegt links eine Straße ab: Der Asphalt wird zum Schotterweg und es geht leicht bergauf. Ok, denk ich mir, los geht’s. Links und rechts der Wald, über mir strahlend blauer Himmel, vor mir die Berge. Es duftet so frisch und die Luft wird langsam wärmer.

Ich halte mich jetzt nicht gerade für unsportlich, aber langsam fangen die Oberschenkel an zu brennen. Toll, gerade mal 15 Minuten unterwegs. Zu meiner Verteidigung: Es wird immer steiler. Also bleib’ ich stehen und trinke einen großen Schluck. Hab’s ja nicht eilig und genieße die Aussicht. Dann weiter. Außer ein paar „Servus“ und „Griaß di!“ ist hier nicht viel los. „Ohne E-Bike? Nicht schlecht“, lobt eine Wanderin. Schau ich echt schon so fertig aus?

Immer wieder muss ich schieben und stehen bleiben. Aber ich komme voran. Und dann hör’ ich auch schon Stimmengewirr. Die Alm hier oben ist gut voll – und das passt mir ehrlich gesagt gar nicht. Ich war so schön alleine. Also schiebe mein Rad noch ein Stück den Weg rauf. Da unten ist er, der Achensee, an dem ich vor eineinhalb Stunden noch entlanggefahren bin. Da bin ich schon ein bisschen stolz. Auch wenn sich meine Füße wie Wackelpudding anfühlen, das T-Shirt klebt, meine Kopfhaut unter dem Helm juckt und ich so ausschaue, also ob ich drei Mal so lange unterwegs gewesen wäre. Aber ich bin einfach zufrieden und entspannt. An die Arbeit habe ich auf dem Weg nach oben nicht gedacht.

Runterkomm-Faktor: 8/10
Fürs Leben gelernt: Oben ist es besser als unten.

Station 2: Nackt im Wald

Die kleine Straße über Feistenau im Kaiserwinkl führt in den Wald hinein. Wohnt hier oben wirklich jemand? Tatsächlich. An einer Kurve unterhalb sitzt Sebastian Schrödl auf seinem Moped und wartet auf uns. Weißer Bart, Hut, gutmütige, weise Augen. „Wir bleibn do herunten.“ Einen Holzstab hat er auch dabei. „Die gaunzn Energien brauch auf meim Hof net.“ Alles, was wir an diesem Spätsommer Nachmittag vorhaben, gibt es hier: Schwitzhütte, Heustadel und viele Bäume.

Sebastian ist Waldpädagoge. Kein Schamane! Den Ausdruck verbittet er sich. „Bei mir gibt’s kan Hokuspokus.“ Er bietet hier in seinem Zuhause, dem Wald, „nur eine Schulter zum Anlehnen“, wie er sagt. Was das heißt? Sebastian erklärt seinen Kursteilnehmern, Managern, Sportlern, Hausfrauen, wie die Natur funktioniert und wie man lernt, auf sich selbst zu hören. Jeder Baum, so Schrödl, strahle eine besondere Energie aus, die auf den Menschen übertragen werde. Ein Ahorn sei ganz ruhig – „Depressive sollten sich fernhalten. Für die ist Birke besser“, so Schrödl. Weil ich stabil wirke, darf ich mich an den Ahorn lehnen – und spüre erstmal nichts.

Dann bleiben wir vor einer Hütte stehen. Ohne Tür, nur mit Vorhang. Dafür mit jeder Menge Heu. Sebastian schaut mich an, grinst. „Jo, do wirst heute gut schlafen.“ Ich schlucke. Schwer vorstellbar.

Vorher geht’s aber noch in die Schwitzhütte. Eine Art Sauna am Waldrand. Neben mir sind noch ein paar Neugierige und alte Fans heute Abend zum Nicht-Schamanen gekommen. Erzählen ihm, warum sie hier sind. Zur Ruhe kommen. Sich selber finden. Mit Dingen abschließen. Und dann geht’s los. Nackt. Mit sieben anderen Menschen sitz’ ich da. Gottseidank ist es dunkel. Sebastian gießt auf. Es ist heiß und riecht nach ätherischen Ölen. Fünfzehn Minuten bleiben wir drinnen. Sebastian trommelt. Was mach’ ich hier?

Nach dem Aufguss steigen wir alle in einen großen Holzbottich, der mit warmem Wasser gefüllt ist. Das wiederholt sich vier Mal. Und jedes Mal, wenn ich da drinnen sitze und in meinem Schweiß bade, schwöre ich mir: Das war das letzte Mal. Wenn ich wieder draußen bin denk’ ich: Oh, einmal geht noch. Im Bottich erzählt Sebastian von den Bäumen. Der ruhigen Tanne. Der egoistischen Linde.

Plötzlich ist es Mitternacht und wir sitzen alle zusammen in der Ritualhütte und essen Miasl, das Sebastian über der Feuertonne in der Mitte zubereitet hat. Wie Kaiserschmarrn ohne Rosinen, ein Armeleuteessen. Mein Highlight des Abends. Dann schnapp ich mir meinen Schlafsack und leg mich ins Heu. Es riecht so gut. Ich grabe mich tiefer ins Heu hinein, erwarte aber eine unruhige Nacht und …
die Glocken der Kühe auf dem Hof läuten. Es ist 7:30 Uhr. Ich habe geschlafen. Tief und fest. Und ich fühle mich fit. Ich fasse es nicht.

Runterkomm-Faktor: 6/10
Fürs Leben gelernt: Bäume sind genauso komplex wie Menschen.

Station 3: Adrenalin und Action

Der totale Kontrast zum Campen im Wald? Canyoning in der Rosengartenschlucht. Am Schotterparkplatz in Hochimst wartet Gunnar Amor bereits mit seinem Bus und einer Auswahl an Neopren-Anzügen, wasserdichten Socken und Helmen auf mich. Ich zwänge mich in die engen Dinger und schwitze jetzt schon. Gunnar ist ein sympathischer, braun gebrannter, athletischer Tiroler, der private Canyoning-Führungen anbietet – und er macht mir gleich Mut: „Grob verletzt hat sich bei mir noch keiner“.

Der Himmel schaut gut aus. Wolkenlos. Aber eigentlich schaut man beim Canyoning ja eher runter ins Tal – schwimmt, rutscht und springt das Bergbach-Bett hinab. Erste Regel: Der Canyon ist eine Einbahnstraße. Ein Zurück gibt es nicht. Gunnar arbeitet seit zwanzig Jahren als Guide. Ich fühle mich sicher. Zuerst ein paar Trockenübungen: Abseilen, Klettertechniken, Tipps: „Nie einen Wasserfall hinaufschauen. Es können immer Steine runterfallen.“

Wir steigen in die Schlucht ein und schon wartet die erste Rutsche auf uns – leider vor Publikum. „Schaut gut aus“, sagt Gunnar. Der Startschuss. Ich setze mich auf den kurzen Vorsprung, strecke die Arme nach vorne und halte mich mit der einen Hand am Daumen meiner anderen fest. Anspannung, flach hinlegen und runter in die Gumpe. Oh mein Gott, ist das lustig! Und jetzt? Ah, ich klopfe mit der Faust auf meinen Helm. So sieht Gunnar oben, dass alles ok ist.
Ich bin jetzt schon waschelnass. Bis auf die Unterhose. Aber egal. Und dann kommt auch schon die nächste Rutsche. Steiler. Tiefer. Weiter. Während ich tollpatschig herum tapse, hüpft Gunnar wie eine junger Wasser-Gamsbock vor mir her. Am nächsten Vorsprung geht es richtig steil nach unten. Weil das Wasser nicht tief genug ist, müssen wir uns abseilen. Gunnar befestigt mich. Ich soll mich zurücklehnen. Füße hüftbreit, Hände weg vom Seil. Wenn es so einfach wäre … reflexartig klammere ich mich am Seil fest. Gunnar bleibt ruhig und ruft von oben immer wieder, dass ich mich zurücklehnen soll. ABER! ICH! TRAU! MICH! NICHT! Irgendwie komm’ ich doch unten an. Mein Ego ist etwas geknickt.

Aber Gunnar lächelt aufmunternd und inspiziert schon die nächste Stufe.
Eine ganz neue Erfahrung: In den engen, aber hohen Schluchten höre ich nur das laute Rauschen des Wassers. Keine Zeit für Grübeln und lästige Gedanken. Gunnar sagt: „Spring!“ Und ich springe. Und dann sind wir am Ausstieg angelangt. Was, schon? Ich bin fast ein bisserl traurig. „Das nächste Mal hätte ich eine anspruchsvollere Runde für dich!“, sagt Gunnar. Ja. Es wird auf jeden Fall ein nächstes Mal geben!

Runterkomm-Faktor: 9/10
Fürs Leben gelernt: Das Wasser ist dein Freund.

Fazit

Drei Tage, drei ganz unterschiedliche Erfahrungen: Ausdauertraining. Wellness im Wald. Extremsport mit Helm. Ich habe meine Grenzen ausgelotet und Dinge über mich gelernt, die mir nicht so klar waren. Vor allem aber fühle ich mich – wirklich ruhig und entspannt. Wer drei Meter hohe Wasserfälle runterspringt oder seine Ängste überwindet und sich mit Fremden nackt in eine Hütte setzt, denkt nicht über To-Do-Listen und andere Alltagsdetails. Die Couch ist plötzlich ganz weit weg.

Sandra Langmann

Sandra Langmann wurde schon früh in Wanderschuhe gesteckt. Sie ist mitten in den steirischen Weinbergen aufgewachsen. Heute wohnt sie in einer Stadtwohnung in München – und ist so oft es geht mit dem Rad oder dem Snowboard in den Tiroler Bergen.

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