Grundkurs „Tirol verstehen“

Aktualisiert am 08.06.2020BenjaminBenjamin
Ort: Wilder Kaiser

Tirol ist in aller Munde. So manchem Facebook-Kommentar-Schreiber erscheint das Miniversum zwischen Arlberg und Kitzbühel unverständlich, kryptisch, ja gar undurchschaubar. Unser kleiner Leitfaden bietet deshalb einen sprachlichen, kulinarischen und geografischen Erklärungsversuch. Streng wissenschaftlich, versteht sich.

Alm [olm] f.; eigentlich ein Stück Weideland im Gebirge, das im Sommer mit Tieren bewirtschaftet wird. Die Alm ist ein mystischer Platz, wo die Trapp-Familie tanzt und auf der es keine Sünde geben soll (das stimmt aber beides nicht). Meist wird sie synonym mit dem Wort „Almhütte“ verwendet, wo man nach einer sportlichen Wanderung Kohlenhydrate und Blutzuckerwerte auf das Dreifache treibt. Nicht zu verwechseln mit olm.

bärig [bɛ:rig] Adj.; frei übers. ‚toll‘, ‚fantastisch‘; ‚bärenhaft‘, ‚stark‘ oder ‚robust‘ (wie die erste Bedeutung des Wortes im Duden) bedeutet dieses Wort im Tirolerischen nicht. Seine Verbreitung geht auf den großen Heimatdichter Hansi Hinterseer zurück, der einst in seinem Song „Bärig“ meinte: „Jo des is bärig, bärig, bärig wie noch nie / und bis morgen früh woll’n wir feiern“. So wurde diese Laissez-faire-Haltung zum Spirit eines Landes.

Bub m. übers. ‚Junge‘; Bub steht symptomatisch dafür, dass man die Dinge in Österreich auch sprachlich immer ein bisschen anders machen muss als in Deutschland. ‚Obers‘ bedeutet Sahne, ein Kissen ist ein ‚Polster‘ und zur Fleischkassemmel bestellt man sich ‚ein‘ und nicht eine Cola. Zum Ärger der österreichischen Sprachpuristen nehmen es die jungen Österreicher nicht mehr so streng mit „ihrer“ Standardsprache. Mittlerweile sagt die Jugend lieber „Tschüss“ als „Servus“. Omas Festtagsgericht ist ein „Schweinebraten“ und der ist obendrein „lecker“.

DJ Ötzi (*1971) m.; Tiroler Entertainer und DJ. Was Jürgen Drews am Ballermann ist, ist Gerhard „Gerry“ Friedle in der Après Ski Hütte. Hits wie „Anton aus Tirol“ oder „Ein Stern (der deinen Namen trägt)“ sind Ohrwürmer aus der Hölle, trotzdem ist der nach einer 5.000 Jahre alten Leiche benannte DJ eine Kultfigur.

Fleischkassemmel [‚flaiʃkxa:sɛml] f., auch ‚Leberkäsesemmel‘ genannt; eine typisch österreichische kulinarische Ausgeburt, die auf den Speisekarten gerne versteckt wird. Püriertes Schweinefett und -fleisch zwischen zwei Semmelhälften mit Senf (und umstrittenem Essiggurkerl) klingt nicht gerade nach Hauben-Küche. Die ultimative ‚Fleischkas‘-Experience bekommt man, wenn man sich eine solche um neun Uhr vormittags beim Metzger seines Vertrauens mit einer Cola (oder etwa einem Cola? – siehe Bub) genehmigt. Mahlzeit.

ha? Exkl. übers. „Wie bitte?“; Ein typisches „Ha?“ kann nach Grad des Missverständnisses mitunter laut und scharf klingen. „Ha?“ ist meistens nicht böse gemeint. Bei dem wie aus der Pistole geschossenen Laut wird man als Tirol-Anfänger noch manches Mal erschrecken. Irgendwann wird man sich aber selber bei der Benutzung dieses Lauts ertappen.

Hinterseer, Hansi (*1954) m.; Schlagersänger und Ex-Skiprofi. Der Mann mit einem Style zwischen Rod und Martha Steward hat das Wort bärig salonfähig gemacht ist vielleicht der freundlichste Mensch der Welt. Möglicherweise ist er tirolerischer als Queen Elisabeth englisch oder der Papst päpstlich – wahrscheinlich würde er beide auch ungefragt duzen und sie in einer spontanen Wanderung aufs Kitzbüheler Horn führen.

Kasspatzln [‚ka:sʃpa:tsln] Pl., ‚Käsespätzle‘; Die Frage, wer diese etwas derberen Gnocchi erfunden hat, ist ein Henne-Ei-Problem und am Ende tut es wahrscheinlich nichts zur Sache. Bei ‚Kasspatzln‘ handelt es sich um in Butter und Käse herausgebackene und mit frittierten Zwiebeln bestreute Teigklößchen. Auch wenn dieses Carb-Fest gefühlt 10.000 Kalorien pro Teller zählt – schmecken tut es allemal.

Oachkatzlschwoaf [‚oaxkxatslʃwoaf] m. wörtl. übers. ‚Eichkätzchenschweif‘ m. – der Schwanz eines Eichhörnchens; „Oachkatzlschwoaf“ ist ein beliebtes Musterwort des Tirolerischen, das in Wahrheit kaum benutzt wird, außer, um deutschen Staatsbürgern auf die Nerven zu gehen. Die Pointe dieses Witzes (i. d. R. „Deitscha, sag amal Oachkatzlschwoaf!“) zielt darauf ab, verwirrte Blicke zu ernten und sein Gegenüber (und in noch größerem Maß sich selbst) zu blamieren.

olm [olm] Adv. übers. ‘immer’; Wenn Tiroler etwas “olm“ tun, muss das nichts mit Kuhweiden (siehe „Alm“) zu tun haben. Man kann aber auch ‚olm‘ auf die Alm gehen. Wenn man auf dem Weg zur Alm „olm“ einem Olm begegnet, dann wird es verwirrend.

Oschttirola [‚oʃtirola] Pl. übers. ‚die Osttiroler‘; Sie sind die Stiefkinder Nordtirols mit dem noch seltsameren Dialekt und den höheren Bergen. Trifft man einen Osttiroler in der Landes- oder Bundeshauptstadt, dann äußert der Nordtiroler gerne sein Staunen – fast, wie wenn ein Pariser einem Québécois begegnet.

Patscherkofel vs. Nordkette m. bzw. f.; die zwei steinernen Rivalen, die gerne als Hausberge von Innsbruck betrachtet werden. Als Innsbrucker muss man sich früher oder später für eine Seite des Flusses entscheiden. South- oder Northside? Glatzkopf mit Antenne am Kopf oder der Thron der Frau Hitt? Wählen Sie weise, solange Sie noch können!

schnapseln Verb. übers. ‚Schnaps trinken‘; Man weiß nicht mehr, was reden? Schnapseln. Die Musik im Club ist irgendwie doof? Schnapseln. Jemand wird geboren, getauft, befördert, entlassen, verheiratet, geschieden oder begraben? Schnapseln. In Tirol wird zu quasi jedem Anlass ein Gläschen gekippt. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie ein Glas hingestellt bekommen. Embrace it.

Südtirola [’sid̥iroʊ̯la] Pl. übers. ‚die Südtiroler‘; Sie sind unsere Cousins im Süden mit dem noch seltsameren Dialekt und den höheren Bergen. Die deutschsprachige Bevölkerung der zu Italien gehörigen Region spricht und verhält sich ziemlich ähnlich wie die Menschen aus Nordtirol. In Nordtirol erklären sie Einheimischen trotzdem gerne Dialektwörter, die diese bereits kennen.

sumsen [’sʊmzn] Verb. übers. ‚jammern‘; „Was sumschn so?“ ist eine beliebte Frage von Tiroler zu Tiroler, denn das tun wir wirklich gern. „Sumsen“ klingt ein wenig wie das Wiener „Raunzen“, nur mit mehr [kx].

terisch [‚d̥ɛriʃ] Adj. übers. ‚taub‘; Wer sich traut, seinem Tiroler Gegenüber ein Ha? hinzuwerfen, muss auch damit rechnen, die Antwort „Bisch du terisch?“ zu bekommen. Möchte man dann zu streiten beginnen, muss man einfach den Satz „I glab du kannsch nit reden, du Tschurtschn entgegnen.

Tirol Heute Eigenname; Die bundesland-spezifische Nachrichtensendung ist eigentlich überall in Österreich Kult. Moderatoren werden angehimmelt und ein guter Tiroler Fernseher schaltet sich automatisch jeden Tag um 19:00 ein, um genau zu erfahren, dass (normalerweise) schon wieder nichts passiert ist.

Tschurtschn [‚tʃurtʃn] f. übers. ‚Tannenzapfen‘; ‚Tschurtschn‘ kann man nicht nur unter Bäumen finden. In manchen Teilen Tirols sind sie sogar ein harmloses Schimpfwort.

Unterland – Oberland n. zwei geografische Teile von Tirol; wo fängt das an, wo hört das auf? – das kann man sich auch in Bezug auf das Tiroler Ober- und Unterland fragen. Offiziell zählt alles westlich des Flusses Melach zum Oberland. Somit ist auch die Landeshauptstadt Innsbruck Teil des Unterlandes. Ob ein Tiroler aus dem Ober- oder Unterland kommt, erkennt man nicht nur an den verschiedenen Dialekten. Einheimischen zufolge bringt die jeweilige Zugehörigkeit auch eine gewisse Mentalität mit sich. ‚Unterlandler‘ gelten oft als besonders gesellig. Kein Wunder, dass sich das Gerücht gehalten hat, dass eine Beerdigung im Unterland immer noch lustiger sei als eine Hochzeit im Oberland.

Weiß-Sauer m. übers. ‚Weißweinschorle‘; dieses Getränk des kleinen Bohemiens ist ein Klassiker auf Tiroler Getränkekarten und besteht aus Weißwein, Sodawasser, Eiswürfel und einer Zitronenscheibe. Wie bei allen exakt gleichen Gerichten und Getränken, die es auch in Deutschland gibt, halten Österreicher gerne an „ihrem“ Namen fest. Auf die bedauernswerte Existenz von „Weiß-Süß“, einer absurden Variation des Getränks mit Zitronenlimonade anstatt von Sodawasser, muss hier auch kurz hingewiesen werden. Wer dieses Getränk mag, hängt entweder zu viel auf Dorffesten rum, ist noch ein Teenager oder leidet an klinischem Geruchs- und Geschmacksverlust.

Benjamin

Benjamin Stolz liebt und lebt die Gegensätze des Alpenlandes. Als Tiroler mit Höhenangst, papiervernarrter Blogger und Stadtmensch vom Land ist er der Meinung, dass es in Tirol mehr zu entdecken gibt, als man glaubt.

Zum Autor »

Keine Kommentare

nach oben
nach unten