Vom Leben im Tal: Obernberg

Aktualisiert am 23.07.2020IreneIrene
©Jannis Braun

Wo hohe Berge sind, da sind auch tiefe Täler. Das Antlitz des Landes ist von markanten Furchen durchzogen. In der Reihe „Vom Leben im Tal“ porträtiere ich verschiedene Tiroler Täler und erzähle Geschichten von viel Leben auf wenig Raum. So will ich Gästen aus aller Welt Tirol ans Herz legen und Einheimischen die Augen für das Besondere am Vertrauten öffnen. Dieses Mal an der Reihe: Das Obernberger Tal.

Eine Meditation über Farbtöne, eine stille Lektion in Achtsamkeit. Vielleicht auch eine trügerische Ahnung von Schätzen, die sich im Fels verbergen mögen: Malachit, Smaragd, Jade. Lapislazuli, Türkis, Azurit. Der Pfad durchs Obernbergtal schlängelt sich entlang des Obernberger Seebaches hinauf auf fast 1600 Meter, das Seitental des Wipptals führt nahe an die Staatsgrenze zwischen Österreich und Italien heran.

Zum Talschluss hin wird die liebliche Wiesenweite allmählich abgelöst von Wäldern voller optimistischer Lärchen und kräftiger Fichten an den Hängen der mächtigen Tribulaun-Massive. Da und dort gemahnt ein Schneefeld, das in einer schattigen Ecke jedem noch so überwältigenden Sommer widersteht, an härtere Jahreszeiten. Oder an härtere Zeiten überhaupt: Über Jahrhunderte trotzten hier Bergleute unter Einsatz ihres Lebens den kalten Felsen jenen elegant rötlich-grauen Marmor ab, der zur höheren Ehre Gottes und vor allem des Habsburger-Kaisers Maximilian I. für dessen Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche Verwendung fand.

©Jannis Braun

Hinter einer letzten Kuppe auf dem Weg weitet sich plötzlich der Blick. Im makellosen Spiegel des Obernberger Sees erfüllt sich ein Versprechen, das wir gar nicht eingefordert haben: Malachit, Smaragd, Jade. Lapislazuli, Türkis, Azurit. Die geheimnisvollen Namen unwirklicher Farben rollen dir leicht von der Zunge. Und plötzlich ist da Dankbarkeit für das großzügige Geschenk dieser Schönheit.

Ort: Obernberg a.Br.

In Tirol manifestieren sich Dankbarkeit und eine unbestimmte Ehrfurcht vor etwas, das größer ist als ein einzelnes Menschlein, traditionell im Katholizismus, soll heißen: in unzähligen Kapellen und Kirchen jeder baukünstlerischen Qualität. Die dem hl. Nikolaus geweihte Pfarrkirche des Dorfes Obernberg im Tal unten ist ein spätbarockes Schmuckstück und dank ihrer Lage auf einem Hügel vor dem Hintergrund der Tribulaune das typische Tiroler Fotomotiv schlechthin.

©Jannis Braun

Und selbst am Obernberger See, wo die Schöpfungsarchitektur an sich groß genug ist für jede Emotion, hat man sich in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts sicherheitshalber dem Wohlwollen „Unserer Lieben Frau am See“ anvertraut.

 

Vom Leben im Tal: So viel Leben auf so wenig Raum
Irene

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am BlogTirol scharfsinnig und mit dem ihr typischen Augenzwinkern über Tirol, die Tiroler und deren kuriose Eigenheiten.

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