Digital Detox und Entschleunigung im Almdorf Fallerschein

Aktualisiert am 21.07.2020HolgerHolger
Blick auf Fallerschein

Die Reisepläne wurden diesen Jahr wie bei vielen von Euch auf den Kopf gestellt und aufgrund des hektischen Alltags und der derzeitigen Situation suchte ich nach einem Ort, an dem ich meinen Lieblingsaktivitäten, wie Wandern, Mountainbiken und Rennradfahren nachgehen konnte. Vor einigen Jahren war ich für ein verlängertes Wochenende auf der Fallerschein Alpe. Spontan entschloss ich mich für eine Woche eine Almhütte im größten Almdorf Tirol zu mieten.

Mit rund 40 urigen Almhütten und zwei bewirtschafteten Almen um dem Hunger und Durst zu stillen, liegt das ruhige Almdorf auf 1.300 m Seehöhe in einem Seitental vom Namloser Tal, welches wiederum ein Seitental des Lechtals bildet. Je näher ich meinem Urlaubsdomizil kam, desto weniger wurde der Verkehr und desto enger wurden die Straßen. Ich erreichte ein Ende der Welt und zwar eines der schönsten. Das Almdorf ist nur für Bewohner und Besucher, die in Fallerschein nächtigen mit dem Auto erreichbar. Tagesbesucher lassen ihr Auto auf einem kostenlosen Parkplatz an der Abzweigung zur Namloser Straße stehen und erreichen das Almdorf nach einem gemütlichen 30 bis 40-minütigen Spaziergang mit wenig Steigung. Umringt von grasbewachsenen Bergen, wo sich das Rotwild sichtlich wohlfühlt und genügend Nahrung findet, blinzeln dahinter die schroffen Gipfel der Lechtaler Alpen hervor. Die morgendliche und abendliche Rush Hour setzt sich aus rund 40 Kühen zusammen, die auf den Wiesen und Hängen in und um Fallerschein grasen und mit ihren Kuhglocken die Stille unterbrechen.

Im Chalet Fallerschein finden bis zu sechs Personen Platz.

Bei meiner Ankunft im Almdorf bezog ich meine urige Almhütte. Das Chalet Fallerschein verfügt über zwei Einheiten: die rustikale „Bauernkammer“, in der ich nächtigte und für bis zu sechs Personen Platz bietet sowie der ehemalige „Kuhstall“, der nichts mehr mit seiner vergangenen Funktion zu tun hat und geschmackvoll vom Besitzer in ein luxuriöses Kleinod, wo die alten Elemente der  Hütte erhalten sind, umgewandelt wurde. Beim Öffnen der Haustür stieg mir der Duft von verbranntem Holz aus dem Holzherd sowie der Geruch von Zirbenholz mit der die gemütliche Wohnküche und Stube verkleidet war in die Nase. Ich war angekommen. Ich erkundete die Hütte und neben einem WC und  einer Dusche, was eine Grundvoraussetzung für einen Almurlaub für mich sind, fand ich drei kleine gemütliche Schlafzimmer jeweils mit Blick auf die atemberaubenden Berge.

Mit einem Glas Bier setzte ich mich auf die Bank vor der Hütte und genoss das Lichtschauspiel des Sonnenuntergangs und entdeckte gleich ein Rudel Rehe und Hirsche, die am Berggipfel noch das frische Gras in den letzten Sonnenstrahlen genossen.

Die letzten Sonnenstrahlen genießt man am Besten mit einem kühlen Bier.

Entspannt blickte ich auf mein Mobiltelefon und mit etwas entsetzen stellte ich fest, dass ich keinen Handyempfang hatte. Ebenso war die Hütte sowie der kleine Ort W-Lan frei. Die Sorge machte sich breit, dass ich eine Woche ohne Kontakt zu meinen Social Media Kanälen, What’s App bzw. Netflix oder Fernseher auskommen müsste. Kurzerhand entschloss ich mich den Ort zu erkunden und Plätze auszuforschen, wo es eventuell einen Handyempfang geben könnte. Bei der Kapelle angelangt, kletterte der Empfang auf einen Strich empor. Zu wenig für die Sozialen Medien und Filmdownloads, jedoch ausreichend um ein Telefongespräch ohne sich zu bewegen durchführen zu können. Die Ernüchterung und leichte Panik machte sich breit, dass ich eine Woche ohne diesen gewohnten und doch sehr zeitfüllenden Lebensinhalt auskommen müsste. Ich entschloss mich, die Zeit effektiver zu nutzen und ging an die Planung der nächsten Tage, begleitet vom gemütlichen Feuerknistern im Holzofen. Einige meiner Tipps anbei:

Wandern

Wanderung mit Blick auf die Lechtaler Alpen zur Namloser Wetterspitze.

  • Wanderung auf die Namloser Wetterspitze (2.550 m) mit sagenhaften Ausblick auf die Lechtaler Alpen, das Namloser Tal, Fallerschein, den Dreiensee und auch manchmal auf die Zugspitze. Die Zugspitze war in Wolken verhüllt, was laut der lokalen Bevölkerung ein gutes Zeichen ist, denn dann bleibt das Wetter stabil. Der Aufstieg dauerte 3 Stunden, oben angekommen ging es über einen Kamm zum Grubigjoch und dem Brennhütteltal und via Namlos zurück nach Fallerschein (weitere 4,5 Stunden).
  • Bergtour auf die Bschlaber Kreuzspitze auf 2.462 m Seehöhe. Schöne Tour durch das Leitental, aber aufgrund von Lawinenresten, die den doch nicht sehr oft begangenen Weg verdeckt haben, erklomm ich anstatt dessen einen schönen Bergrücken unterhalb der  Mittleren Kreuzspitze. Trotz des nicht erreichten Gipfels bei der menschenleeren Tour entdeckte ich zahlreiche Wildblumen und ein stand einem verdutzten Reh gegenüber. Das Einholen von Bewohnern empfiehlt sich. :)
  • Zahlreiche weitere leichte Wanderungen und Bergtouren in der Umgebung von Namlos und den Lechtaler stehen zur Auswahl. Ein besonderes Erlebnis ist die leichte Wanderung am Lechweg, einer der letzten Wildflüsse in den Alpen.

Radfahren (MTB, Radwandern, Rennrad)

Der Lechradweg führ über 52 km von Steeg nach Reutte.

  •  Gemütliche Mountainbike Tour via dem Namloser Tal nach Rinnen mit kleinem Anstieg und gemütlich entlang dem Rotlechtal hinuter nach Rieden im Lechtal. Eine Einkehr beim Gasthof Kreuz mit hochwertigen regionalen Speisen ist empfohlen. Via dem Lechtal Radweg ging es nach Stanzach und zurück nach Fallerschein. (rund 500 Höhenmeter, 4 Stunden reine Fahrzeit).
  • Der Lechradweg mit seinen 52 km von Steeg nach Reutte und weiter bis Füssen ist ein leichter Radweg.
  • Das Lechtal sowie die zahlreichen Seitentäler bieten perfekte Möglichkeiten für Rennrad(rund)touren von leicht (Tour von Stanzach nach Hinterhornbach bzw. eine schwere Tour bis nach Kaisers mit zahlreichen Höhenmetern).

Familie

  • Besuch meines fünfjährigen Neffen Noah mit Übernachtungen. Untertags bauten wir Staudämme bei den zahlreichen Flüsse, die sich entlang der Berge ins Tal schlängeln.
  • Wanderung zur Namloser Hängebrücke mit beeindruckenden Blicken und vor allem die kleinen Felsen, wo geklettert werden konnte
  • Neben Ziegen, Eseln und Ponies hielt er die Kälber in Schach
  • Highlight: Das Stockbett im Chalet Fallerschein, wo oberhalb noch Dachnischen erkundet werden können.

Das Entspannen kam auf alle Fälle nicht zur kurz. Den Schock über den nicht vorhandenen Mobilempfang habe ich überwunden und ab dem zweiten Abend waren Spieleabende und Bücherlesen angesagt. Es war schön und erholsam in einem der schönsten Enden der Welt. Danke Fallerschein.

Holger

Holger Gassler hat zwar Höhenangst, ist aber trotzdem an (fast) jedem freien Tag in den Bergen anzutreffen. Er ist passionierter Mountainbiker und Wanderer und sobald der Schnee fällt, der erste, der die Pisten stürmt.

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