Ein Haus in unserer Mitte – Die Geschichte des Steinberger Dorfhauses

29.07.2020Rebecca SandbichlerRebecca Sandbichler

Steinberg am Rofan befand sich lange im wirtschaftlichen Tiefschlaf. Da bauten die 300 Bewohner der kleinen Gemeinde ein Dorfhaus. Und die soziale Aktivität zündet ein kleines Wirtschaftswunder. Bürgermeister Helmut Margreiter erzählt über ein gewagtes Projekt – und wie Touristen plötzlich zu Investoren wurden.

„Ende der Neunzigerjahre gab es nicht einmal einen Treffpunkt für die Bewohner, wo man eine Hochzeit hätte feiern können.“

„Steinberg am Rofan liegt am Talschluss, quasi in einer wunderschönen Sackgasse. Wir sagen immer: ‚Wir sind das Extrastüberl vom Achensee.‘ Hier gibt es frische Luft, traumhafte Wanderungen und echte Ruhe. Aber bis vor wenigen Jahren war das wohl nicht besonders gefragt. Die Herbergen, Wirtshäuser und Geschäfte, die in den Siebzigerjahren gebrummt hatten, machten nach und nach zu. Als ich mit 22 Jahren zum Bürgermeister gewählt wurde, war der touristische Niedergang unaufhaltsam. Am Tiefpunkt Ende der Neunzigerjahre gab es nicht einmal einen Treffpunkt für die Bewohner, wo man eine Hochzeit hätte feiern können. Das war ganz schön bitter.

Bürgermeister Margreiter in dem 2015 neu erbautem Dorfhaus der Gemeinde.

Steinberg am Rofan: Das Extrastüberl vom Achensee.

Wir haben 2010 als letzte Gemeinde überhaupt in Tirol eine Kanalisation bekommen. Erst danach war an Dorfentwicklung zu denken. Ich wollte nicht, dass der Gemeinderat im stillen Kämmerchen darüber entscheidet, welches Projekt wir als Nächstes für die 300 Bürger angehen. Deshalb luden wir Mitbürger ein, vom sechzehn Jahre alten Schüler bis zum achtzig Jahre alten Pensionisten, um gemeinsam über die Erneuerung von Steinberg nachzudenken. Bei einer Bürgerversammlung in der Volksschule entschieden die Steinberger dann, dass ein sozialer Treffpunkt geschaffen werden solle: das Dorfhaus.

„Wenn du mal Geld für die Jugend von Steinberg brauchst, unterstütze ich dich gern.“

Der Entschluss war der Beginn eines langen Weges. Nach einer anonymen Ausschreibung wählten wir einen tollen Entwurf des Vorarlberger Architekten Bernardo Bader. Die Kosten von 1,8 Millionen Euro hätten wir als kleine Gemeinde nie stemmen können. Auch das Land winkte ab: Wir mussten also zusätzliche Eigenmittel generieren. Und genau da kommen jetzt Zufälle und die Großzügigkeit der Freunde von Steinberg ins Spiel. Zum Beispiel Ellen, eine ältere Dame, die seit Jahren ein Ferienhaus bei uns bewohnt. Sie hatte mich schon als Baby auf dem Arm, und wenn wir uns trafen, meinte sie oft: ‚Wenn du mal Geld für die Jugend von Steinberg brauchst, unterstütze ich dich gern.‘ Ellen hörte sich das Konzept an und sicherte mir 600.000 Euro zu. Ein Unternehmer schenkte uns die Akustik fürs Dorfhaus, auch das waren mehrere zehntausend Euro Ersparnisse. Viele weitere Menschen spendeten, die nicht einmal alle in Steinberg wohnen, sondern sich nur im Urlaub in den Ort verliebt hatten. Und so wurde das Dorfhaus mit Geldern des Landes Tirol doch noch gebaut.

Das Lärchenhaus ist seit Weihnachten 2015 der ganze Stolz der Steinberger. Es passt mit seiner schlichten Schönheit nicht nur perfekt in die Umgebung, sondern ist ein hundertprozentiges regionales Produkt: Gebaut haben es Handwerker aus der Region, die Lärche kommt aus dem Rofangebirge. Vor allem aber haben wir endlich wieder einen Ort, wo ein Konzert stattfinden kann, eine Taufe gefeiert wird oder man sich auf Kaffee und Kuchen verabredet. Die selbstgebackenen Kuchen und Torten des Dorfhauses sind in der Achensee-Region und dem nahen Tegernseetal bekannt. Anfangs hat die Gemeinde die Gastronomie im Dorfhaus selbst betrieben. Seit Dezember 2019 führt eine einheimische Familie die Wirtschaft. Wenn man sich in der Stube umschaut, sieht man an einigen Tischen Stühle stehen, in die Namen unserer Spender eingraviert sind. Wir wollten ihnen so zeigen, dass sie im Dorfhaus immer einen festen Platz haben. Als wir Ellen ihre Widmung zeigten, meinte die übrigens nur trocken: ‚So einen teuren Stuhl habe ich noch nie gekauft.‘

Nun gibt es endlich einen Ort für Feste und Zusammenkünfte und…

…selbstgemachte Kuchen.

„Das Dorfhaus und der Prozess dahin war eine Kehrtwende für unseren Ort“

Das Haus lebt, weil die Steinberger sich engagieren: Fünfzehn Freiwillige aus dem Ort bringen immer wieder eigene Ideen ein. Bei unseren ,Aufkocht weascht‘-Abenden präsentieren die Steinberger zum Beispiel ihre liebsten Rezepte. Das Dorfhaus und der Prozess dahin war eine Kehrtwende für unseren Ort. Steinberg hat an Attraktivität gewonnen. Es gibt eine Nachfrage nach Baugründen. Investoren sind daran interessiert, ein leerstehendes Hotel neu zu eröffnen. Und auch um junge Familien wollen wir uns kümmern, denn wir hatten in der Vergangenheit einmal vier Jahre ohne eine einzige Geburt in Steinberg. Die Entwicklung von Steinberg ist noch lange nicht zu Ende. Das nächste Projekt: Wenn wir wie geplant bald als ,Bergsteigerdorf‘ anerkannt werden, brauchen wir einen Laden, wo sich Wanderer eindecken können. Im Dorfhaus finden zwar regelmäßig Bauernmärkte mit regionalen Produkten statt. Im Alltag müssen Gäste und Einheimischen für Lebensmittel aber immer noch bis nach Achenkirch fahren. Auch das soll sich künftig ändern. Wir arbeiten dran.“

Helmut Margreiter hat noch weitere Visionen für Steinberg im Kopf.

ALLE FOTOS: TANJA KERNWEISS

Rebecca Sandbichler

Rebecca Sandbichler, geboren 1988, hat Innsbruck einmal den Rücken gekehrt und ist samt Mann und drei Kindern nach Jahren wieder heimgekehrt. Heute ist sie Chefredakteurin der Tiroler Straßenzeitung und kann sie sich einen Sommer ohne Lansersee und Moosbeeren brocken auf der Muttereralm übrigens nicht mehr vorstellen.

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5 Kommentare

Werner Kräutler

Toller Beitrag. Und gerade jetzt besonders wichtig. Gratuliere.

Lorenz Klatzl und Siedl Gerhard

Vor 4 Jahren waren wir am Tiroler Adlerweg unterwegs und hatten unser Ziel des heutigen Tages in Steinberg. Schon 2h vorher bekamen wir auf einer Alm die Entpfehlung dort unbedingt ins Dorfhaus zu gehen und die besonders guten Torten zu probieren. Als wir nach einiger Zeit eine Frau wegen den Weg fragten, sagte diese Frau das wir im neuem Dorfhaus unbedingt die köstlichen Torten probieren sollten. Und es war tatsächlich ein ein Genuß das Kuchen und Torten Buffet. Auch war zufällig der Bürgermeister vor Ort und erklärte uns die Entstehung des Dorfhauses.
Am nächsten Tag mußten wir unsere Tour wegen Regen abbrechen. Ein Jahr später fuhren wir nach Steinberg um den Adlerweg fortzusetzen, natürlich wieder mit Einkehr im Dorfhaus!

Ulrike Mariacher

Da radel ich demnächst hin. Mich fasziniert vor allem die Bürgerbeteiligung. Ob das auch in einer Gemeinde mit 8000 Einwohnern funktionieren könnte? Für immer mehr Menschen gehört das zum Demokratieverständnis. Danke Gemeinde Steinberg fürs Vorzeigen.

Mag. Andreas Wimmer

Was hier über die Vergangenheit von Steinberg geschrieben wird, stimmt nicht. Es gab ein tolles Hotel. Das Hotel Windegg.Wir waren mehrmals im Hotel Windegg zu Gast! Das Hotel war das Zentrum des Ortes. Tolle Architektur, tolle Küche und tolle Gastfreundschaft sowieso. Seiner Zeit weit voraus in sehr vielem! Dass der visionär angedachte Naturgolfplatz nicht umgesetzt werden konnte ist ein historisches Versäumnis. Die Familie Rupprechter hätte dem Ort internationale Dimensionen geben können was leider verhindert wurde. Ich werde meine Aufenthalte dort nie vergessen. Die Negronis an der Bar - gemixt von Franz Rupprechter - waren die besten! Mag. Andreas Wimmer, 1190 Wien

Silvana Maria Rupprechter

Sehr geehrte Frau Sandbichler,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich kann Herrn Magister Wimmer nur zustimmen. Was hier über die Vergangenheit von Steinberg geschrieben wird, ist nicht richtig.

Bevor ich Ihnen im Folgenden darlege, weshalb ich Sie um eine neue und differenziertere Berichterstattung bitte, möchte ich mich kurz vorstellen.

Mein Name ist Silvana Rupprechter, geboren in Innsbruck 1993, aufgewachsen in Steinberg am Rofan, einem Dorf, in dem es laut Ihnen, nichts gab. Meine Kindheit habe ich im Hotel Windegg, dem Erbe meiner Familie verbringen dürfen. Wie Sie als Touristiker bestimmt wissen, ist die Region Achensee eine der stärksten Tourismusregionen in Österreich. Dies war schon in den 1990-er Jahren so, als die Familie Rupprechter das Hotel Windegg führte, welches Gourmets aus aller Welt anlockte und den Ort und so auch die Region auf den Radar vieler Künstlerinnen und Künstler brachte. So wurde z.B. im Jahr 1998 der Film „Helden in Tirol“ in Steinberg gedreht, welcher nicht nur nachhaltig die Karriere von Adele Neuhauser, oder Bibi Fellner wie sie viele kennen, formte sondern bei deren Dreharbeiten das Hotel Windegg eine Schlüsselrolle spielte. Wenn Sie also schreiben, dass “nichts gemacht wurde” und “es nichts gab”, dann kann ich Ihnen sagen, dass internationale KünstlerInnen wie Martha Jungwirth, Elfi Semotan, Hans Weigand, Martin Gostner, Gunter Damisch, Clemens Kaletsch, Raymond Pettibon und noch viele mehr im Hotel Windegg ein- und aus gingen, Ausstellungen anboten und so auch Spuren im Ort hinterlassen haben. Zudem hat das Hotel den Internationalen Architekturpreis für Alpines Bauen in den Alpen bekommen und bot, neben Alexander Fankhauser, im Bezirk Schwaz als einziges Restaurant eine zwei Hauben Küche an.
So kann man sagen, dass im Windegg viele verschiedene Personen und Familien einen Ort gefunden haben, an dem man eine angenehme Atmosphäre und exzellente Gastronomie genießen konnte. Das Windegg wurde auch in zahlreichen wichtigen Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, dem Manager Magazin und der Zeit ausführlich beschrieben.Ich bin mir sicher, dass Sie weitere Informationen zum Hotel bei einer ordentlichen Recherche im Internet finden würden. Sollte dies nicht der Fall sein, bitte ich Sie, mich zu kontaktieren.
Zurück zu der Story. Wie bereits erwähnt, stört mich die eindimensionale Darstellung von Steinberg, als ein Dorf, in dem es nie etwas gab. Das mag vielleicht jetzt der Fall sein, war aber nicht immer so. Darüber hinaus, und das stört mich noch viel mehr, ist die Darstellung von Herrn Helmut Margreiter als Superhelden einfach nicht richtig.
Was zeichnet einen Bürgermeister aus? Wenn ich so überlege fallen mir da mehrere Dinge ein: Authentizität, Stärke und Durchsetzungsvermögen, wo es sein muss, ein offenes Ohr für die BürgerInnen und Offenheit gegenüber Neuem. Herr Margreiter ist und hat nichts davon. Dass Sie Herrn Margreiter darstellen, als hätte er Steinberg gerettet, ist schlichtweg falsch. Dies ist natürlich zu einem großen Teil seinen eigenen Aussagen im Text (Bsp. Niedergang des Tourismus zum Zeitpunkt seiner Wahl) zuzuschreiben. Dennoch wäre auch hier eine eingehende Recherche bestimmt hilfreich gewesen.
Es mag für den ein oder anderen schwierig sein zu verstehen, warum ich diesen Brief nun schreibe. Man könnte mir Befangenheit und zu viel Emotion vorwerfen. Wie bereits erwähnt sehe ich die Rolle eines Bürgermeisters darin, den BürgerInnen stets zu helfen. Die Tatsache, dass das Hotel Windegg, ein tolles Familienunternehmen, zerstört wurde und meine Familie folglich aus dem Ort Steinberg vertrieben wurde, zeigt, dass Herr Margreiter seine Pflichten als Bürgermeister hier nicht wahrgenommen hat. Ich würde Sie bitten, in Zukunft ein wenig differenzierter an Ihre Recherchen, vor allem aber besser informierter an die Berichterstattung Ihrer Geschichten heranzugehen, denn es gibt immer zwei Seiten. Die Familie Rupprechter war stets um Innovationen und hohen Standard bemüht und deshalb steht es uns zu diese Aussagen sehr kritisch zu sehen. Wenn diese touristische Vorreiterrolle in einem kleinen Tal nicht erwähnenswert ist, dann möchte ich über den Rest von Tirol gar nicht sprechen.
Auch nach fast 27 Jahren, 18 in Österreich, neun im Ausland, sehe ich Steinberg immer noch als meine Heimat, einen Ort, der mich nachhaltig geprägt hat und dem ich mich immer noch sehr verbunden fühle. Für mich ist es ein Ort, mit dem ich schöne Erinnerungen und harte Lektionen verbinde. Ich fände es also sehr schade, wenn durch die Berichterstattung durch die Tirol Werbung ein falsches Licht auf diesen Ort geworfen und ein verzerrtes Bild von einer Person geschaffen wird.


Silvana Rupprechter

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