Kleine Fluchten: Rückzugsorte in Tirol

Aktualisiert am 10.08.2020Wolfgang WestermeierWolfgang Westermeier

Franzosen haben das Wochenendhaus, Berliner die Datsche – Tiroler das Paradies vor der Haustür. 5 Locals berichten von ihren ganz persönlichen Sehnsuchtsorten: perfekte Plätze zum Durchatmen, Kraft sammeln oder einfach Austoben.

JANINE FLOCK – DER ZAUBERWALD

Skeletonpilotin und 3-fache Europameisterin, lebt in Rum bei Innsbruck

„Meinen Lieblings-Kraftort habe ich zufällig entdeckt: Er liegt auf einer Anhöhe im Wald hinter unserem Haus, am Fuß der Nordkette, aber schon etwas über dem Inntal. Von unten konnte ich nie genau ahnen, was dort oben ist. Obwohl ich den Wald eigentlich gut kenne. Wir haben schon als Kinder ständig dort gespielt, gleich in der Nähe ist auch ein wirklich idyllischer Waldspielplatz. Aber während der Corona-Zeit war ich noch öfter als sonst im Wald spazieren, bin auch mal ganz andere Wege gegangen. So habe ich mitten in dem Hangwald ein Plateau entdeckt. Mein neuer Lieblingsort. Eine kleine Ebene mit vielen hohen Bäumen, der Boden fast komplett mit Moos bedeckt. Ein feiner Platz zum Sitzen, Verweilen, Nachdenken, Abschalten. Weil der Ort so schön sichtgeschützt und der Boden weich ist, kann man hier auch sehr gut Yoga machen. Manchmal kommt auch jemand mit, meine Schwester zum Beispiel. Eine Zeit lang war Wald-Yoga unsere gemeinsame Morgenroutine. Ich packe auch gerne meine Slackline ein. Die kann man an den Stämmen dieses alten Waldes perfekt anbringen. Und ich kann an meiner Koordination, Balance und Konzentration arbeiten. Wenn jetzt das normale Training wieder losgeht, werde ich es nicht mehr so regelmäßig auf „mein“ Plateau schaffen. Aber ich weiß schon, wo ich hingehe, wenn die Trainingswoche rum ist.“

 

THOMAS GASSNER – NACHTS KOMMEN DIE KLÄNGE

Autor, Schauspieler und Regisseur aus Innsbruck 

„Etwas oberhalb von Innsbruck steht das Höttinger Bild: eine kleine Lichtung mit einer Kapelle. Daneben ist eine überdachte Sitzgelegenheit, hier flüchte ich mich gerne hin. Es ist mitten im Wald, man sieht nicht viel, eigentlich nur Bäume. Aber ich komme hier auch weniger für mein Auge als für mein Herz und für meine Ohren her. Funde belegen, dass das Höttinger Bild schon als Kraftort bekannt war, bevor hier die kleine Kirche erbaut wurde. Wenn ich herkomme, schließe ich die Augen, spüre den Wind und die Natur. Am liebsten bin ich in der Nacht da, dann ist das Hörerlebnis noch intensiver: Der Wald, der hinter mir Geräusche macht, oder ein Rabe, der auf dem Dach der Kirche landet. Eigentlich kenne ich das Höttinger Bild schon seit meiner Kindheit, ich bin hier schon mit meinen Eltern und Großeltern gewesen. Mit dem Älterwerden habe ich es irgendwann vergessen. Als ich dann selber Vater wurde, ist die Erinnerung an den Ort zurückgekehrt. Jetzt besuche ich ihn immer dann, wenn ich Ruhe oder Zeit zum Nachdenken brauche. Oder zu besonderen Tagen wie den Sonnwenden und den Tag- und Nachtgleichen.
Wenn ich an einem Stück oder Text arbeite, bin ich im Alltag meistens sehr zerstreut. Einfach mal für einen Monat auf eine einsame Insel zu verschwinden, um zu schreiben, oder über eine Regiearbeit nachzudenken, geht natürlich nicht. Dann bietet mir dieser Ort die Gelegenheit, alles andere zu vergessen, wieder zu mir zu kommen. Hier kommen mir viele Ideen, die in der Hektik sonst untergehen. Deshalb habe ich auch immer ein paar Zettel und einen Bleistift dabei. Wenn ich zurückkomme, bin ich sehr ruhig, oft ein wenig beseelt. Und ich komme immer glücklicher runter als ich raufgegangen bin.“

ROMAN HUBER – DURCHATMEN IM URGTAL

Fotograf und Filmemacher aus Zams bei Landeck

 „Früher waren es vor allem fremde Länder und Kulturen, die mich beim Fotografieren gereizt haben. Es hat etwas gedauert, bis ich auch wahrgenommen habe, was ich zu Hause in der direkten Umgebung entdecken konnte. Wenn ich heute Ruhe suche und einfach mal abschalten will, dann gibt es einen Ort, ein kleines Juwel, mit dem ich auch viele schöne Kindheitserinnerungen verbinde. Es ist eine Hütte im Urgtal, einem recht hoch gelegenen und relativ unbekannten Tal, keine fünf Kilometer von unserem Haus in Zams entfernt. Die Hütte liegt am Waldrand, wenn man auf der Bank davor sitzt, blickt man über einen kleinen Holzzaun hinweg auf eine Wiese mit einer Feuerstelle. Im Sommer grasen hier die Kühe. Neben der Terrasse plätschert ein Brunnen aus Holz. Geht man hinter der Hütte den Hang hinauf, werden die Bäume immer weniger. Es wird steiniger, es gibt Geröllfelder und vor allem viele kleine Bergseen. Ein perfekter Ort, um abzuschalten und Ruhe zu finden. Es ist gar nicht weit von der Zivilisation entfernt – und fühlt sich doch sehr weit weg an. Die Berge sind aber für mich nicht nur ein Ort zum Runterkommen. Es gibt auch die Momente, in denen ich mich in die Action und ins Abenteuer flüchte. Und dafür ist unser Hausberg, der Venet, perfekt. Genauer gesagt: sein Grat. Ich liebe die Aussicht und die Landschaft hier oben. Es gibt einen Punkt, von dem aus man den perfekten Blick auf die Lechtaler Alpen hat. Und im Winter ist man mit der Seilbahn in Minuten in einem echten Freeride-Eldorado, bis heute ein echter Geheimtipp – aber das ist noch mal ein ganz anderes Thema. Und manchmal muss die Flucht aus dem Alltag auch etwas größer sein. Für Mehrtagestouren ist der Venet zu klein. Dann zieht es mich oft in Richtung Paznaun. Vom Zeinisjoch bei Galtür aus wandere ich auf die neue Heilbronner Hütte, übernachte dort und stehe am liebsten morgens richtig früh auf, um auf den Strittkopf zu gehen. Und dort oben erlebe ich dann  – eigentlich immer ganz allein – den Sonnenaufgang. Vom Strittkopf aus hat man einen wunderschönen Blick auf das Hochtal, das mich in seiner Sanftheit immer ein bisschen an die schottischen Highlands erinnert – nur eben mit alpinen Berggipfeln drumherum. Von dort aus kann man nach St. Anton weiterwandern – eine entspannte Zweitagestour. Aber mit mehr als 20 Kilometern perfekt, um einmal ganz weit weg von allem zu sein.“

JANINA KUHNLE – MIT DEM BIKE AUF DIE ALM

Researcherin an der Universität Innsbruck

„Für mich gibt es nichts Schöneres, als nach einem langem Arbeitstag aufs Rad zu steigen und in die Berge zu fahren. Das Gute an Innsbruck: Sobald du auf dem Rad sitzt, geht es bergauf. Klingt für manche vielleicht abschreckend, aber für Mountainbiker ist es natürlich perfekt, keine ewig langen Anfahrtswege zu haben. Mein Lieblingsziel während der Woche ist die Lanser Alm, auf etwa 1700 Meter Höhe. Da brauche ich gar nicht lange hin, nur etwas mehr als eine Stunde. Zu fordernd muss der Anstieg nach zehn Stunden Arbeit auch nicht sein. Von oben blicke ich runter auf die Stadt, wo alles seinen gewohnten Lauf nimmt. Ziemlicher guter Ort, um den Alltag zu reflektieren, und ein ziemlich schneller Weg zum Seelenfrieden. In solchen Momenten hab ich das Gefühl, wirklich angekommen zu sein. Ich denke dann: Hier bin ich daheim. Auch wenn ich nicht in Innsbruck geboren bin, sondern in Stuttgart.
Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin, dann sind wir eigentlich immer in den Bergen. Ich möchte den Ort mit ihnen teilen. Am Berg geht es um Gemeinschaft. Du kannst am schönsten Ort der Welt sein, doch er ist nur halb so schön, wenn du ihn nicht teilen kannst. Deswegen wird das Kaffeetrinken und Kuchenessen mit den Freundinnen sozusagen beim Biken oft gleich mit erledigt. Das macht die Lanser Alm so perfekt. Und was ich da oben auch jedes Mal genieße: die Herzlichkeit der Wirtinnen. An der Nordkette gibt es unendlich viele Möglichkeiten für Mountainbiker, aber einer meiner Lieblingstrails ist auch einer der längsten Singletrails in Tirol – und liegt in den Kitzbüheler Alpen. Wenn ich etwas mehr Zeit habe, fahre ich von Innsbruck nach Osten. Von der Fleckalm oberhalb von Kitzbühel geht es 1.100 Höhenmeter und 7,1 Kilometer hinunter. Sprünge, Anliegerkurven, Wurzelpassagen, kurze Gegenanstiege, schnelle Trail-Abschnitte – eine anspruchsvolle Enduro-Strecke, aber wahnsinnig gut. Die will ich immer wieder fahren.“

BENEDIKT SONNLEITNER – SUNDOWNER AUF DER HOCHEBENE 

Blasinstrumentenbauer aus Götzens

„Meine kleine Werkstatt hat nicht mal 40 Quadratmeter und liegt im Hinterhof mitten in der Innenstadt von Innsbruck. Um ehrlich zu sein: Wer die Werkstatt nicht kennt, findet sie auch nicht. Zuerst fand ich es schade, so versteckt zu sein, doch es hat seine Vorteile. Die Kundschaft kommt ganz bewusst zu mir, es ist kein Laden mit Schaufenster, in den man schnell mal rein schaut. Auf kleinstem Raum habe ich alles griffbereit, was ich brauche, um Blasinstruimente zu bauen, reparieren und restaurieren. Hier bin ich für mich und finde den Fokus, den ich für meine Arbeit brauche. Das ist mein Alltagsort, ganz unspektulär von neun Uhr morgens bis sechs oder sieben Uhr abends. Und klar, danach muss ich dem Alltag oft entfliehen: Dann schnappe ich mir ein Feierabendbier und spaziere oft ganz gemütlich mit meiner Freundin auf die Hochebene zwischen Natters und Götzens. Besonders während der Coronakrise haben wir das fast täglich gemacht. Bis zum Natterer See ist es von meiner Wohnung nur eine halbe Stunde. Mir gefällt an dem Ort, dass es er so weitläufig ist. Die Hochebene führt über eine große Gras- und Wiesenfläche. Sie ist nah an der Stadt und doch irgendwie weit weg. Im Gegensatz zur Stadt kann ich hier richtig in die Ferne schauen. Es ist oft windig, was manchmal nervt, aber es bläst mir hier immer zuverlässig den Kopf frei. Und: Dort, südwestlich von Innsbruck, kommen auch die letzten Sonnenstrahlen hin, während es unten in der Stadt schon schattig ist.“

ALLE FOTOS: MAREK VOGEL

Wolfgang Westermeier

Wolfgang Westermeier fährt jeden Morgen mit dem Fahrrad ins Büro und liebt es, an den Wochenenden in Tirol neue Dinge auszuprobieren – von Ballonfahren im Winter bis Trailrunning im Wettkampf.

Zum Autor »

Keine Kommentare

nach oben
nach unten