Komme, was wolle – ein Hoch auf die Sommerfrische!

17.08.2020Vera SchroederVera Schroeder

Früher hat man einen ausgedehnten Urlaub auf der Hütte verbindlich geplant – und das Wetter so genommen wie es war. Neuerdings checkt man täglich zehn Wetter-Apps, reist den Sonnenstunden nach und fährt notfalls bis Italien. Das ist in diesem Jahr nicht immer so einfach möglich. Und das hat auch sein Gutes: Das Bekenntnis zum Aufenthalt an einem Ort erzeugt genau das Urlaubsgefühl, nach dem man sich eigentlich sehnt.

„Eine Auszeit, und zwar eine, die die Vorsilbe „aus“ wirklich verdient.“

Wie konnte es nur passieren, dass niemand mehr das wunderschöne Wort „Sommerfrische“ verwendet? Stattdessen wissen alle, was ein „Weekender“ ist.

Zugegeben: Die Sommerfrische stammt aus einer weit entfernten Zeit. Sobald es in den Städten etwas wärmer wurde, siedelte, wer es sich leisten konnte, im 19. Jahrhundert eine komplette Jahreszeit lang aufs Land oder in die Berge um. Die Sommerfrische war eher eine Art zweite Heimat als ein Urlaub. Jedes Jahr kehrte man erneut für lange Glühwurmnächte an denselben geliebten Sommerort zurück. Erwartbare Langeweile unterm Sternenhimmel. Eine Auszeit, und zwar eine, die die Vorsilbe „aus“ wirklich verdient.

Dass der „Weekender“, also das Gepäckstück eines Wochenendausflüglers, heute die beliebteste Koffergröße ist, sagt viel darüber, wie weit weg die Idee Sommerfrische ist. Wer will sich bitteschön länger als zwei bis drei Tage auf ein Reiseziel festlegen, wo man doch gar nicht sicher sein kann, was dann mit dem Wetter passiert und ob es da wirklich so schön ist, wie es im Internet aussieht? Gerade Bergurlauber haben es sich längst angewöhnt, erst am Tag der Abreise und nach dem Klicken durch zehn Wetterapps zu beschließen, welche Hütte man diesmal anpeilt und wann man weiterfahren sollte, notfalls bis nach Italien. Nix Langeweile, jeden Morgen ein neuer Fensterblick, ein bisschen rastlos zwar, aber mit im Handy vorgezählten Sonnenstunden.

Ob im Lager einer Berghütte….

….oder im komfortablen Hotel,

….einfach mal länger an einem Ort „abhängen“, macht einen Urlaub zu einem intensiven Erlebnis.

„Langeweile hat vollkommen zu Unrecht einen schlechten Ruf.“

Doch es ist immer noch Corona, und die rastlose Spontanreise könnte komplizierter werden, als man das bisher gewohnt war. Und vielleicht ist genau das an der ganzen vermaledeiten Sache gar nicht so schlecht. Vielleicht ist es die Chance, wieder mehr Sommerfrische und weniger Weekender ins Leben zu lassen. Oder einfach mal auszuprobieren, was alles passieren kann, wenn man sich auf einen Ort für einen längeren Zeitraum festlegt. Echte Erholung, sagen Studien, setzt sowieso frühestens nach fünf Tagen an einem Ort ein. Warum also nicht gleich zehn oder vierzehn Tage dort verweilen? Das böte die einmalige Chance, auszuprobieren, ob man etwas Neues vielleicht gerade dann entdeckt, wenn man nicht dauernd weitereilt, um Neues zu entdecken. Und sei es das Gefühl: echte Langeweile.

Langeweile hat vollkommen zu Unrecht einen schlechten Ruf. Theoretisch wissen wir das als Erwachsene sogar, schließlich sagen wir andauernd, dass es gut ist, wenn sich unsere Kinder auch mal langweilen. Oder dass es wichtig ist, selbst mal runterzukommen. Wir betonen ständig, wie wichtig Ruhe ist. Und jagen uns dann selbst hurtig sofort auf den nächsten Gipfel, denn das Wetter ist ja so schön und erst der Blick da oben! Was ja auch stimmt. Es ist ein ewiges Dilemma, das richtige Maß zwischen Antrieb und Antriebslosigkeit zu finden, zwischen dem Glück, dass einen auf der Hüttenterrasse in der Nachmittagssonne beim Bierchen nach einer frühmorgendlichen Gipfelbesteigung ereilt – und dem Stress, den es eben auch bedeutet, dafür am Morgen aufgestanden und angereist zu sein.

Viele Orte in Tirol, wie z.b Gramais im Bild, eignen sich für einen längeren Aufenthalt in absoluter Ruhe.

Im Urlaub einfach mal nichts tun kann auch gut tun.

„Es ist eine erholsame, beglückende Energie, die frei wird, wenn im Urlaub Planung und Kontrolle tatsächlich mal ruhen dürfen.“

Die Entscheidung, nicht nur ein paar Tage, sondern gleich eine oder sogar zwei ganze Wochen an einem Ort im Bergurlaub zu bleiben, kann ein wunderbarer Mittelweg sein. Man hat Zeit, geruhsam die Gegend zu erkunden. Bei Regen auch mal einen langen Tag mit einem guten Buch im Bett zu verbringen. Oder am Nachmittag mit den Zwetschgen, die man hinten im Garten entdeckt hat, einen Kuchen zu backen. Die nassen Socken am Kachelofen zu trocknen, der auch im Sommer manchmal gemütlich vor sich hin lodert. Oder die Kühe auf der Wiese alle beim Namen kennenzulernen und abends dreißig Partien Backgammon zu spielen. Gleichzeitig ist mit Sicherheit in zwei Wochen dann irgendwann auch genau der Tag dabei, an dem sich der örtliche Lieblingsgipfel richtig lohnt und die Bedingungen so optimal sind, dass es ein leichtes ist, mit der Sonne aufzustehen. Man hat die Zeit und die Geduld, auf diesen Tag zu warten. Und kann ihn dann ganz besonders genießen.

Wenn das Warten auf besseres Wetter zur vollen Entspannung wird.

Der Traumtag kommt bestimmt.

Es ist eine erholsame, beglückende Energie, die frei wird, wenn im Urlaub Planung und Kontrolle tatsächlich mal ruhen dürfen, weil die grundsätzliche Entscheidung genau in diesem Moment nur hier und nirgendwo anders zu sein, nun einmal fix gefallen ist. Wenn die Hauptaufgabe einer Gruppe nicht darin besteht, sich sofort wieder auf das nächstbeste Ziel zu einigen. Sondern den aufkeimenden Gruppenkoller zu jonglieren. Ein Gefühl, das ebenfalls einen viel zu schlechten Ruf hat und eigentlich davon erzählt, wie man lernt, gemeinsam zu sein.

Doch es ist nicht nur für Gruppendynamiken von Vorteil, wenn man es ab und an schafft, sich auch mal festzulegen. Theoretisch ahnt jeder, dass es das Leben eher anstrengend macht, wenn man wichtige Entscheidungen bis zu allerletzt offenlässt. Das gilt für die Frage, mit welchem Menschen man sich verheiraten möchte genauso wie für die schöne Entscheidung für den nächsten Urlaub. Klar, es hat seinen Reiz, spontan zu gucken und immer weiter zu ziehen, wenn es woanders aufregender erscheint. Aber ein bisschen sind solche Urlaube auch wie Silvesterabende, an denen man sich nicht für eine Party entscheiden kann und dann am Ende zwar auf vier Partys aufkreuzt – aber bei keiner von ihnen so richtig dabei gewesen ist.

An einem Ort hingegen, den man kennenlernt, kann man irgendwann aufhören nachzudenken und wirklich zur Ruhe kommen. An dem man verweilt, bis man weiß, wie sich der Duft der nassen Morgenwiese von dem Geruch der Wiese am Abend unterscheidet. Ein Ort, an dem man nach ein paar Nächten gelernt hat, wie man im Dunkeln seine Schritte ins Badezimmer setzen kann, ohne Licht machen zu müssen. An dem es sich lohnt, die Urlaubsklamotten in die Schränke einzuräumen. Aus einer Reisetasche, die mindestens drei Mal so groß wie ein Weekender ist.

Vera Schroeder

Als ihr erstes Kind in die Schule kam, hat die Münchnerin die Schulferien und das Ende des Spontanreisens verflucht. Mittlerweile schätzt sie die frühe Planung – weil die schönsten Hütten alle noch zu haben sind. Und die Vorfreude ist richtig lang.

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3 Kommentare

Elke Herten

Hallo liebes Team,

wow, ich würde soo gerne mal wo anders hinfahren. Dabei würde ich auch sehr gerne abschalten. Denn "Ruhe" ist was Wichtiges...

Gib es eine Möglichkeit, auch bei meinem Schlaganfall zu kommen?
Ich bin Aphasiekerin, aber keine Sorge, ich bin wohlauf und kann einige Sachen selber regeln.
Dankeschön! 🚶‍♀️
Liebe Gruss
Elke Herten.

Amalia Senkowsky

Liebe Elke,
vielen Dank für deine Nachricht.
Ich habe dir bereits auf dein Email geantwortet.
Hast du dieses bekommen?
Liebe Grüße,
Amalia

Evelyn Schill

Hallo ihr lieben! Wir, mein Mann und ich sind auch auf der Suche nach Ruhe wie man es dringend brauch! Unser Wunsch ist mal unbedingt auf einer urigen Berghütte zu entspannen! Mein Mann hat MS und das ist eben wichtig... Ruhe Entspannung, leider hatten wir noch kein Glück was finden zu können! Lg Evelyn

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