Auf dem Weg zum Gipfel der Popmusik

Aktualisiert am 14.09.2020BenjaminBenjamin

Der Zillertaler Producer Aron Matthews schreibt sommerliche Pop-Songs, die Ö3-Hörer und Spotify-Nutzer begeistern. Wir haben den Musiker in seinem Studio besucht und über seinen Lebensweg, Ibiza und den perfekten Song gesprochen.

Aron Matthews sitzt auf seinem Studiotisch, der mit seinen Reglern, Zeigern, Tasten und Displays wie das Cockpit eines Raumschiffs aussieht. Gerade verrät er, wie man einen Popsong schreibt. „Ich baue meistens einen Grundloop“, beginnt er zu erklären. Auf einem Keyboard, das man unter dem Tisch herausziehen kann, spielt er vier Takte einer Melodie. Die Töne erscheinen in Form von bunten Balken auf dem Display vor ihm. „Wenn das erledigt ist, konzentrieren wir uns auf das Arrangement, auf die Strophen und das ganze andere Zeug“. Wenn Aron den Prozess des Musik-Produzierens ausführt, ist er bescheiden: „Es ist halt eine Probiererei“, meint der junge Musiker, „und irgendwann macht’s dann Klick“. Spätestens seit der Veröffentlichung seines Tracks „Over Again“ hat es beim Zillertaler DJ und Producer Klick gemacht: Aron Matthews landete damit in den Ö3-Playlists. Auf Spotify wurde der Song fast 350.000 Mal seit der Veröffentlichung Ende Juni gehört.

Allein auf seinem Studioplatz bastelt Aron Matthews am nächsten Grundloop.

„Du bist der Letzte, der immer noch keinen passenden Beruf hat.“

Von Schlitters nach Wattens.

Aron Matthias (wie er mit bürgerlichem Namen heißt) kommt ursprünglich aus Schlitters im Zillertal, wo er noch heute lebt. Als Kind wechselt der immer schon musikalische Sohn einer Ungarin (Matthews spricht perfekt Ungarisch) und eines Tirolers mit acht Jahren vom ungeliebten Hackbrett zum Schlagzeug. Sechs Jahre später steht Aron bereits mit diversen Bands auf Bühnen. Mit welchem herkömmlichen Job er einmal sein Geld verdienen soll, weiß Aron damals noch nicht: „In der polytechnischen Schule hat der Direktor zu mir gesagt: Du bist der Letzte, der immer noch keinen passenden Beruf hat.“ Im Musikhaus Hammerschmid in Wattens macht er schließlich eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Aron verkauft Schlagzeug-Sets, lernt in den Mittagspausen Klavierspielen und übt auch auf Instrumenten, die er nicht spielen kann – dem Akkordeon zum Beispiel – zu Demonstrationszwecken jeweils ein Stück ein. Den ganzen Tag von Musikern und Instrumenten umgeben hat Aron bald ungeschriebene „Melodien im Kopf“. Als eines Tages ein szenebekannter Producer ein Instrument zur Reparatur ins Geschäft bringt, wittert er die Chance.

 

Auf die Nerven gehen.

Aron übt im Geschäft gerade Klavier, als der Milser Produzent Manuel Stix bei ihm vorbeigeht. Seine Arbeitskollegen erklären ihm, dass dieser „ein Studio zuhause hat und internationale Sänger aufnimmt“. Aron fackelt nicht lange rum, fragt, ob er dem Produzenten seine Melodie vorspielen dürfe und bekommt eine Abfuhr. „Er hat das Instrument aber wieder abholen müssen“, grinst Aron, „dann habe ich ihn mir nochmal geschnappt.“ Stix hört sich an, was Matthias zu spielen hat, meint, er melde sich und tut dies eine Woche später tatsächlich. Die beiden beginnen in Stix‘ ‚Ambient Studio‘ an einem ersten gemeinsamen Projekt zu arbeiten. 2014 erscheint das Weihnachtslied „Merry Christmas to the World“, das heuer vom zweifachen Eurovision-Songcontest-Gewinner Johnny Logan neu aufgenommen wird.

„Ich sitze mich zum Klavier und spiele einfach eine halbe Stunde irgendwas. Irgendwann kommt der Moment, wo man sagt: Das klingt jetzt.“

Mittlerweile sind Stix und Matthews gute Freunde geworden. Aron arbeitet heute regelmäßig und vor allem abends im idyllisch am Milser Waldrand gelegenen Studio seines Mentors und Förderers. Die Natur und die nahe gelegenen Berge braucht Aron für seinen Schaffensprozess, „damit ich meine Energie aufladen und am Abend wieder produzieren kann. Tirol inspiriert mich“.

Viele von Arons Melodien entstehen zuerst auf dem Flügel, bevor sie am Computer produziert werden

Ausflug nach Ibiza.

„Mein Songschreibprozess passiert intuitiv. Ich sitze mich zum Klavier und spiele einfach eine halbe Stunde irgendwas. Irgendwann kommt der Moment, wo man sagt: Das klingt jetzt“, versucht Aron seine kreative Arbeit zusammenzufassen. Als intuitiver Musiker, der nicht Noten lesen kann, hat sich Aron lange Zeit ausprobiert: Sein Weihnachts-Song klingt noch wie Klavier-Pop à la Richard Marx, ein Remix des Hits „Sexy and I Know It“, der ein paar Jahre später erscheint, hört sich nach Elektro-Blues an. Eines Abends im Studio entdeckt Aron durch ein paar YouTube-Videos einen neuen Sehnsuchtsort – Ibiza. „Vier Tage später bin ich im Flugzeug gesessen, rüber geflogen und habe mir die Szene zwei Monate angeschaut“. Auf der Balearen-Insel blickt Aron den Producern und DJs mediterraner Clubsounds über die Schultern, trommelt für Lau oder Drinks sogar beim einen oder anderen Gig dazu. Aron verbringt eine gute Zeit, kommt aber wieder nach Österreich zurück. „Tirol hat eine starke Musikszene mit tollen Musikern“, findet er. Und genau die rekrutiert er für seinen neu gefundenen Sound: eine Mischung elektronischen und akustischen Instrumenten, Funk, Indie-Pop und House.

Von der ersten Idee bis zum fertigen Track ist eine ganze Reihe von Musikern involviert. Die Regie an seinem eigenen Projekt führt allerdings Aron.

Gruppenarbeit.

Eine der wichtigsten Stimmen in Aron Matthews Musik ist die von Andreas Steiner: Auf „Let Me Go“, und der am 4. September erscheinenden Single „September and You“ ist seine Stimme zu hören. Als Aron den Sänger und Gitarristen bei einem Konzert im Innsbrucker Treibhaus hört, ist er hin und weg: „Diese Stimme hat mich berührt“. Nach dem Konzert fragt er ihn nach einer Kollaboration. Steiner sagt zu und ist mittlerweile fixer Teil von Arons Projekt.

Als Producer ist Aron so etwas wie der Kopf einer Arbeitsgruppe, die an einem Song tüftelt. Nach dem oben erklärten Grundloop arbeitet Aron zusammen mit Steiner Strophen und den Text aus. Aufgenommen wird direkt im Studio und wann immer es geht mit hochwertigen akustischen Instrumenten: In einer Ecke steht ein teurer Schimmel-Flügel, in einem anderen Raum ein Schlagzeug-Set, auf dem Aron selbst oft übt.

Für den perfekten Beat setzt sich Aron manchmal gerne ans akustische Drum-Set.

Steht der Song, produzieren seine Kollegen Manuel Stix und Phill Köll darüber. Am Ende sortiert Aron noch einmal aus. „Das Paket von allen zusammen macht dann das Projekt aus“. Für Aron Matthews ist eine Balance zwischen Kreativität und technischem Knowhow wichtig. Für dieses Verhältnis arbeitet er gerne mit mehreren Leuten zusammen: „Gemeinsam ist man stark und verschiedene Meinungen sind in der Musikszene sehr wichtig“.

Überraschung beim Kesselgulasch.

„Einmal habe ich zuhause Kesselgulasch gekocht, dann höre ich aus dem Lautsprecher meinen Song“

Schon seit mittlerweile sechs Jahren arbeitet Aron zusammen mit Manuel Stix und anderen Komponisten an seinem Solo-Projekt. Man hat sich Zeit gelassen, einen schon vor vier Jahren angestrebten Release noch einmal zurückgezogen. Von der Single „Over Again“ waren Aron und seine Mitproduzenden überzeugt. Als er sie dann eine Woche vor Release schon im Radio hörte, war er jedoch selbst überrascht. „Einmal habe ich zuhause Kesselgulasch gekocht“, erzählt Aron von einem Sommernachmittag im Garten, „dann höre ich aus dem Lautsprecher meinen Song“. Als er seine Freunde fragt, woher sie seinen Song haben, sagt jemand: „Ich weiß nicht, was du meinst. Das ist Ö3“. Die Musikredaktion des österreichweiten Radiosenders war von Arons Song so begeistert, dass man ihn aus der Promo-Mail des Managements direkt ins Programm genommen hat. „Manche Leute glauben, dass ich jetzt Millionär bin“, meint Aron scherzhaft. Dabei hat für ihn die Karriere gerade erst begonnen. Sein persönliches Ziel und Aron selbst sind trotzdem am Boden geblieben: „Ich möchte mit meiner Musik berühren und davon leben können. Zurzeit geht sich’s aus“.

Benjamin

Benjamin Stolz liebt und lebt die Gegensätze des Alpenlandes. Als Tiroler mit Höhenangst, papiervernarrter Blogger und Stadtmensch vom Land ist er der Meinung, dass es in Tirol mehr zu entdecken gibt, als man glaubt.

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