Ein Hauch von Himalaya – Buddha im Herzen

Aktualisiert am 02.09.2020Sebastian HöhnSebastian Höhn
Machen Gäste glücklich: Kami und Lhemi, die Wirte der Sudetendeutschen Hütte.

Das Bergsteigen wurde ihnen in die Wiege gelegt, Deutsch lernten sie bei ihren Saisonjobs, motiviert waren sie sowieso. Aber selbst eine Hütte betreiben? In Osttirol, 6.500 Kilometer von ihren Familien entfernt? Kami und Lhemi probierten es einfach aus und erfüllten sich einen Traum. Heute sind sie die einzigen nepalesischstämmigen Hüttenwirte in Tirol. Doch es steht ein Neuanfang bevor.

Pasta vegan: Kami und Lhemi erfüllen in der Küche auch mal Sonderwünsche.

„Gibt es Momos?“ Das sei die erste Frage, die er von vielen Gästen höre, sagt Ang Kami Lama. Einige kämen extra ihretwegen hinauf. Mit Momo meint er nicht etwa Michael Endes weltberühmte Romanfigur, sondern ein typisch nepalesisches Gericht. Teigtaschen, die den Tiroler Schlutzkrapfen ähneln. Der 35-Jährige und seine Frau haben sie aus ihrem Herkunftsland im Himalaya mitgebracht. Die beiden sind die Wirte der Sudetendeutsche Hütte im Nationalpark Hohe Tauern – und damit die ersten und bisher einzigen aus Nepal stammenden Hüttenbetreiber in Österreich, mutmaßlich sogar in den ganzen Alpen.

Der Nationalpark Hohe Tauern

Eine faszinierende alpine Urlandschaft, viel weiter, als das Auge reicht: Mit 1.856 Quadratkilometer Fläche ist der Nationalpark Hohe Tauern das größte Naturschutzgebiet im gesamten Alpenraum.

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Es ist später Nachmittag und das Paar ist mit den letzten Kaiserschmarrn-Bestellungen und den ersten Vorbereitungen für das Abendessen beschäftigt. In die Küche der 1929 erbauten Hütte scheint die Sonne, und Kamis Frau Pasang Ihamu Sherpa, die einfach Lhemi genannt wird, singt leise vor sich hin, während sie frisch geschnittenen Weißkohl auf Salatteller verteilt. Mit einem Tablett voller Getränke eilt Kami hinaus. Auf die Sonnenterrasse, von der die Wanderer an diesem klaren Sommertag weit über das Virgental und sogar bis zu einigen Dolomitengipfeln blicken können.

Das Paar teilt sich die Arbeit in der Küche und das Bedienen der Gäste.

Einzeln und frisch zubereitet: Lhemi zerteilt einen Kaiserschmarrn.

Als Kami zur Sommersaison 2018 das Schutzhaus in der Granatspitzgruppe oberhalb von Matrei als Pächter übernahm, hatten er und seine Frau viel Mut bewiesen. Sie wussten, dass die 2.650 Meter hoch gelegene Sudetendeutsche Hütte, die der Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins gehört, aufgrund ihrer Abgelegenheit und der recht langen Zustiege nur wenig von Tagesgästen besucht wird. Dass das Umsatzpotenzial durch die kurze Saison (Ende Juni bis Mitte September) begrenzt ist. Dass manchmal der Hubschrauber kommen muss, weil der Materiallift nicht mehr in Betrieb ist. Und überhaupt: Würden die Gäste sie als neue Wirte akzeptieren?

Wie ein Adlerhorst sitzt die Sudetendeutsche Hütte oberhalb eines Trogtals mitten im Nationalpark Hohe Tauern– mit weitem Blick Richtung Villgratner Berge und Dolomiten.

Ein tschechisches Wandererpärchen kommt zur Tür herein, gerade noch rechtzeitig zum Abendessen. Kami begrüßt sie im Flur unter den buddhistischen Gebetsfähnchen. Sie liegt am Osttiroler Adlerweg und an der Glocknerrunde, viele Wanderer steigen auch von Matrei über die Edelweißwiesen und die idyllische Steiner Alm auf. Doch an diesem Abend sind kaum ein Dutzend Übernachtungsgäste da, die Coronasituation drückt zusätzlich auf die Zahlen.

Kami und Lhemi lassen sich davon nichts anmerken. Ganz gleich, wo man ihnen begegnet, sie haben immer ein Lächeln auf dem Gesicht. „Uns ist es sehr wichtig, dass die Gäste immer freundlich behandelt werden“, sagt Lhemi, die ein rotes T-Shirt mit buddhistischen Mantras trägt. „Und das muss von Herzen kommen.“ Die 32-Jährige steht am Herd und holt Momos aus dem Dampfgarer. Sie platziert sie einzeln auf einem Teller und stellt ein Schälchen mit Sesamsoße zwischen sie. „Sherpa Momos“ enthalten Rinderhackfleisch, „Himalaya Momos“ Spinat. Sie herzustellen, ist aufwändig. Die Teigtaschen werden einzeln von Hand gemacht. „Genäht“, wie Kami sagt. Doch die Arbeit lohnt sich, denn die Gäste lieben sie.

Momos mit Sesamsoße und dazu ein Radler – für viele Gäste die heiß ersehnte Belohnung nach einer langen Wanderung.

Wenn Lhemi und Kami Wörter wie „Gäste“ oder „Osttirol“ aussprechen, dann kommt das „s“ als kräftiger Sch-Laut – so, wie es in Osttirol üblich ist. Das zeigt, wie sehr sie längst mit dem Land verwachsen sind. Als Kami 2008 das erste Mal nach Tirol kam, sprach er kein Wort Deutsch. Er war von einem Alpinisten aus Reutte eingeladen worden, den er bei einer dreiwöchigen Tour rund um die Gebirgskette Annapurna Himal in Nepal kennengelernt hatte. Kami war dort Trekkingguide. Mit seinem Gastgeber besuchte er mehrere Hütten in Tirol – und fragte sich, wie es wäre, dort zu arbeiten. Schon ein Jahr später begann er seinen ersten Job auf einer Skihütte am Reuttener Hahnenkamm. Erste Deutschkenntnisse hatte er sich in der Zwischenzeit bei Trekkingtouren mit Touristen im Himalaya angeeignet, wo er noch heute als Guide und Bergführer arbeitet, wenn in Tirol die Saison beendet ist.

Haben sie manchmal Sehnsucht nach dem Dach der Welt? „Tirol hat auch Berge. Das hilft gegen Heimweh“, sagt Kami. Charakterlich hätten die Tiroler außerdem ein paar Ähnlichkeiten mit den Himalaya-Bewohnern. „Sie sind robust und handeln einfach, ohne viel zu reden“, sagt Kami. „Passt schon“ – diese Devise treffe auch auf die Sherpas zu. Auf das Volk, dem sie angehören und dessen Name noch heute fälschlicherweise mit „Lastenträger“ gleichgesetzt wird (Sherpa bedeutet übersetzt „Volk aus dem Osten“).

Als die untergehende Sonne die östlich thronenden Dreitausender – die Kendlspitze etwa und die Gradetzspitze – in tiefstes Rot taucht, haben Kami und Lhemi die meiste Arbeit hinter sich. Sie treten für einen Moment vor die Hütte. An den kleinen kalten Schmelzwassersee, in dem sich Mutige manchmal den Schweiß des anstrengenden Aufstiegs vom Leib waschen. Die meisten Berge ringsum hat Kami bestiegen. Mittlerweile hat er sich daran gewöhnt, dass solche Erhebungen in den Alpen als Berge bezeichnet werden. In seiner alten Heimat, dort, wo die Achttausender-Riesen ein alltäglicher Anblick sind, hatte er gelernt, nur was immer schneebedeckt ist, sei ein Berg. Mit dieser Vorstellung kam er nach Tirol – und trat zu Beginn auch schon mal in Fettnäpfchen, wie er lachend erzählt.

Gegen 22 Uhr liegen die meisten Gäste in ihren Schlafsäcken, und für die Wirte endet ein 16-Stunden-Tag. „Es war unser Traum, zusammen eine eigene Hütte zu betreiben“, sagt Kami bei einem Bier. Mit den langen Arbeitstagen hätten sie kein Problem, ergänzt Lhemi. Zuvor hatten sie bereits Erfahrungen unter anderem auf der Bad Kissinger Hütte gesammelt. In Innsbruck, wo sie außerhalb der Hüttensaison wohnen, besaßen sie zwischenzeitlich auch ein nepalesisches Restaurant. Die beiden erzählen, wie sie sich vor neun Jahren kennenlernten und 2015 unter dramatischen Bedingungen in Kathmandu heirateten: Fünf Tage zuvor hatte dort ein Erbeben 12.000 Opfer gefordert.

Wenn vormittags Ruhe einkehrt in der Hütte, hat Kami Zeit zum Staubsaugen.

Immer gut gelaunt, manchmal ein Lied singend: Lhemi beim Garen der Momos.

Am nächsten Morgen um 6 Uhr beginnt ein neuer Arbeitstag. Lhemi und Kami bereiten das Frühstück zu. Erst gegen 9 Uhr, wenn die meisten Gäste wieder in die Berge gestartet sind, wird es ruhiger. Lhemi, die in Nepal als Radioreporterin gearbeitet hat, steht in der Küche und sortiert Besteck. Sie erzählt, dass sie sich während des Corona-Lockdowns viele Gedanken gemacht habe. Darüber, was wirklich wichtig ist. „Ich habe verstanden, dass nicht immer alles passt im Leben“, sagt sie. „Aber auch, dass wir beide noch jung sind und viel arbeiten können.“ Was sie in Österreich, einem „Luxusland“, wie sie sagt, lernen und erwirtschaften dürften, wollten sie auch nutzen, um anderen Menschen in Nepal zu helfen. Bei der Frage, ob sie schon konkrete Ideen hätten, zögert sie einen Moment. „Buddha sagt, man soll helfen, ohne viel darüber zu reden“, sagt Lhemi. Aber ein wenig erzählt sie dann doch. Wie sie, als sie Kami vor neun Jahren kennenlernte, als Haushälterin und Pflegerin für ein alzheimerkrankes Paar in Israel gearbeitet habe. Und wie sehr sie sich seitdem wünsche, mit Hilfe von Seniorenheimen das Leben alter Menschen in Nepal zu verbessern, die wegen des Wegzugs junger Menschen oft vereinsamten. Kami, der gerade dazugekommen ist, nickt und ergänzt: „Auch Kindergärten würden wir gern aufbauen – so, dass sie für alle bezahlbar sind.“

Mitbringsel aus dem Himalaya: Im Flur hängen farbenfrohe Strickmützen aus Wolle, die die Gäste kaufen können.

Für manche Gäste ist es noch immer überraschend, dass sie auf einem Alpenvereins-Schutzhaus von nepalesischstämmigen Wirten begrüßt werden. Und zugleich haben viele sie längst ins Herz geschlossen. „Da kommst Du auf eine Berghütte in Österreich und wirst von einer nepalesischen Familie empfangen. Das ist schon cool“, sagt Tom Schwoll aus Berlin. Er hat sich gerade die Hüttengitarre gegriffen, die in einer der Gaststuben an der Wand zwischen alten Bildern aus den Sudeten hängt, und fängt an zu spielen. Etwas Bluesiges, es klingt professionell, mit auffällig körperlicher Hingabe. Er sei Gitarrist der Punkrock-Band „Die Skeptiker“, erzählt Schwoll. Mit Freunden wandere er die Glocknerrunde.

Es war ihr Traum, gemeinsam eine Hütte zu betreiben. Die Sudetendeutsche Hütte liegt passenderweise fast auf der selben Höhe wie Kamis Geburtsort Deurali in Nepal.

An diesem Morgen wollte Kami mit seiner Kraxe eigentlich zum Einkaufen ins Tal absteigen. Das macht er gewöhnlich einmal pro Woche. Mit 30 bis 40, in Einzelfällen auch mal 60 Kilo auf dem Rücken kommt er dann zurück. Aber es sind doch noch genug Vorräte da, weil zur Zeit so wenige Gäste kommen.

Wenige Gäste – das ist der Grund für die schwere Entscheidung, die Kami und Lhemi vor kurzem getroffen haben: Sie werden die Sudetendeutsche Hütte nach dieser Saison abgeben. Der Umsatz sei zu gering, sagt Kami. Doch ihren Traum, eine Hütte zu führen, den wollen sie weiterleben. Wahrscheinlich schon ab nächstem Jahr andernorts in Tirol. Mit längerer Saison, mehr Gästen und neuen nepalesischen Gerichten.

Nah am Wasser gebaut: Hinter der Hütte erstreckt sich ein flacher Schmelzwassersee.

Text und Fotos: Sebastian Höhn

Sebastian Höhn

Der Berliner Journalist und Fotograf sieht Tirol aus den Augen des Urlaubers, auf den die Berge eine geradezu magische Anziehungskraft haben. Wandern und Bergsteigen sind für ihn das reine Glück. Da findet der Großstädter in seine Mitte zurück.

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2 Kommentare

David Deckert

Toller Bericht!
Ich war selber vor kurzem auf der Sudetendeutschen Hütte zu Gast als uns unser Zustieg zum Kl. & Großen Muntanitz daran vorbei führte. Wir waren kurz überrascht hier auf eine andere Kultur zu treffen freuten uns aber im gleichen Moment, da man sich sofort willkommen fühlte und herzlich begrüßt wurde. Als Stärkung gab es dann die Teigtaschen mit Spinatfüllung welche überaus lecker waren!
Ich glaube hier werden wir wohl im nächsten Jahr wieder kommen.

Amalia Senkowsky

Lieber David,
vielen Dank für deine Nachricht.
Es freut uns sehr, dass ihr so tolle Erlebnisse in Tirol hattet.
Bis zum nächsten Mal :)
Liebe Grüße,
Amalia

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