Vom Leben im Tal: Die Wildschönau

10.09.2020IreneIrene
Thierbach in der Wildschönau. Foto: Wildschönau Tourismus / M. Auer

Wo hohe Berge sind, da sind auch tiefe Täler. Das Antlitz des Landes ist von markanten Furchen durchzogen. In der Reihe „Vom Leben im Tal“ porträtiere ich verschiedene Tiroler Täler und erzähle Geschichten von viel Leben auf wenig Raum. So will ich Gästen aus aller Welt Tirol ans Herz legen und Einheimischen die Augen für das Besondere am Vertrauten öffnen. Dieses Mal an der Reihe: Die Wildschönau.

Wildschönau. Wild. Schön. Au. Der Name ist Programm. Und wenn irgendwo zutrifft, was man den Tirolern gemeinhin nachsagt, dann in dem wild schönen Almtal in den Kitzbüheler Alpen. Die Wildschönauer sind stolz auf ihre jahrhundertealten bäuerlichen Gepflogenheiten, auf ihr Denken über Generationen, auf ihre zahlreichen Erbhöfe und ihre Almen. Tatsächlich präsentiert sich das Tal übrigens gar nicht so wild, sondern für Tiroler Verhältnisse sogar eher sanft ausgeformt; noch in fast 2000 Metern Seehöhe verbringen Milch- und Mutterkühe gemächlich ihre Sommerfrische.

Sanfte Formen prägen die Wildschönau. Wildschönau Tourismus M. Auer

Wirklich wild, soll heißen: ein Mittelding zwischen Genussmittel und Medizin und wahrlich nicht jedermanns Sache, ist der Krautinger. Der Schnaps aus der Weißen Stoppelrübe — die gab’s dort halt massenweise — wird seit einem Vierteljahrtausend (!) ausschließlich in der Wildschönau gebrannt. Ob seines so unverkennbaren wie eigenwilligen Geschmacks hat es der Krautinger zu einer Art von (beinahe über-)regionalem Kultstatus gebracht, den die Einheimischen hingebungsvoll pflegen. Früher hieß so etwas „aus der Not eine Tugend machen“. Heute sagt man schlicht „Markenbildung“.

Der Krautinger Schnaps.

Eine Marke ganz anderer Art lässt sich ebenfalls auf die Wildschönau zurückführen: 1810 wurde in Thierbach einer Bergbauernfamilie ein Sohn geboren. Alois, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Lois oder vielleicht als Kind auch liebevoll Loisei gerufen wurde, erlernte autodidaktisch das Handwerk des Orgelbauens und hinterließ an die 60 Instrumente in halb Habsburger-Österreich. Da sein Elternhaus der Hörbighof war, war Alois folgerichtig der Hörbiger — und der Urur-Großvater der Brüder Attila und Paul Hörbiger, die wiederum eine berühmte, weit verzweigte Dynastie von Schauspielerinnen und Schauspielern begründeten.

Antoniuskapelle in Oberau.

Die Hörbigers, Tramitz’ und Obonyas bestimmen seit rund 100 Jahren das deutschsprachige Bühnen-, Film- und Fernsehschaffen erheblich mit. Der Hörbighof in Thierbach ist heute eine nette, kleine Jausenstation, die sich mit dem hauseigenen Kaiserschmarren und dem Prädikat „Stammhaus der Schauspielerfamilie Hörbiger“ schmückt.

Die Wildschönau ist geprägt von zahlreichen Almen, hier die Neuhögenalm.

Zweifellos: Die Wildschönau ist besonders schön und die Wildschönauer sind etwas Besonderes. Dass in der näheren Umgebung „a Widschnaua“, also ein Wildschönauer, als Synonym für jemanden gilt, der sich für etwas Besseres hält, ist selbstredend dennoch nicht der Wahrheit, sondern bloß der freundlich provokanten Neckerei unter Regionsnachbarn geschuldet.

Vom Leben im Tal: So viel Leben auf so wenig Raum
Irene

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am BlogTirol scharfsinnig und mit dem ihr typischen Augenzwinkern über Tirol, die Tiroler und deren kuriose Eigenheiten.

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