Der Überflieger

13.10.2020Jan Kirsten BienerJan Kirsten Biener
Felix fliegt los.

Wenn Felix Wölk auf eine Bergtour aufbricht, geht sein Blick nach oben. Nicht unbedingt zur nächsten Wegkehre oder zu den Gipfeln. Eher noch ein Stück darüber hinaus. Er schaut in den Himmel, auf die Wolken – und zieht seine Schlüsse. Wer als Paraglider einen Berg besteigt, um hinunterzufliegen, hat ein feines Gespür dafür, ob die Bedingungen wirklich stimmen, ob das Wetter hält, ob es ein guter Tag wird.

Auch an diesem milden Morgen im Frühherbst blickt Felix vom Wanderparkplatz „Maria Waldrast“ zwischen Wipp- und Stubaital nach oben. Einige Sekunden später sagt er: „Passt!“. Dann wirft er seinen Rucksack über die linke Schulter und geht los. Sein Ziel: Die Kesselspitze, ein Wanderklassiker am Eingang des Stubaitals. Rund hundert Meter unter dem Gipfel hat Felix auf seiner Karte eine gute Startstelle ausgemacht. Wo sein Fluggerät verstaut ist? Im Rucksack, der nicht viel anders aussieht als ein normaler Wanderrucksack.

„Jeder Flug bedeutet für mich, die Berge noch einmal ganz neu zu entdecken.“

Felix, sehen die Berge von oben aus der Luft wirklich anders aus als von unten beim Wandern?
Ja, das ist wirklich eine komplett andere Perspektive. Auch nicht vergleichbar mit dem Panorama auf einem Gipfel. Jeder Flug bedeutet für mich, die Berge noch einmal ganz neu zu entdecken. Natürlich sind die Berge auch von der Seite spektakulär und formschön. Ich habe in meinem Leben viele Gipfel bestiegen, klettere viel, es ist faszinierend, eine Felsformation zu spüren und zu erkunden. Aber in der Luft kommst du aus dem Staunen nicht raus. Selbst ein tausend Mal gesehener Gipfel wie das Matterhorn sieht von oben komplett anders aus.

Felix wandert den Berg hoch.

Unter dem Namen „Hike & Fly“ hat sich im Flugsport ein neuer Trend etabliert, der Alpinisten, Wanderer und Flugenthusiasten gleichermaßen elektrisiert: Mit extraleichten Wanderschirmen, die kaum mehr als ein normaler Wanderrucksack wiegen, einen Berg hinauflaufen und sanft wieder hinabsegeln. Wie kam es dazu?
Das ist ein Trend, der für mich sehr nachvollziehbar ist. Eine sehr elegante, pure und naturverbundene Art, die Berge zu erleben. Es passt in die Zeit – ist aber genau genommen ein „Zurück zu den Ursprüngen“ des Gleitschirmfliegens. Die Anfänge des Sports gehen zurück in die 80er-Jahre, als Fallschirmspringer in Frankreich überlegten: Man muss doch vielleicht gar nicht mit dem Flugzeug in die Luft, sondern kann auch von einem Berghang starten! Tüftler und Konstrukteure haben dann das Flügelprofil angepasst – und sind von Bergwiesen gestartet. Das war die Geburt des Gleitschirmfliegens, und dahin gehen wir wieder zurück: Mit der eigenen Muskelkraft und einem Schirm das Neue entdecken!

Wie schwer waren die ersten Gleitschirme, als das Paragliden populär wurde? Was musste man früher auf den Berg schleppen?
Die allerersten Schirme waren gar nicht wahnsinnig schwer, das lag aber vor allem daran, dass da viel Marke Eigenbau unterwegs war – und es kaum Sicherheitsvorkehrungen gab. Die Pioniere haben sich einfach mit Klettergurt und Karabinern an den Schirm gehängt. In den 90er-Jahren wurde es seriös, die Ausrüstung wurde sicher und vor allem der zusätzliche Rettungsschirm zur Pflicht. Die Ausrüstung, die auf den Berg geschleppt werden musste, hat dann schnell 20 Kilo oder mehr gewogen. „Hinkelsteine“ hat man die Rucksäcke damals auch genannt.

Mit leichtem Gepäck geht es den Berg hinauf.

Und heute?
Wiegt mein Gurtzeug 200 Gramm, der Gleitschirm ist aus Leichtmaterial und wiegt 2,4 Kilo. Mit Rettungsschirm trage ich als erfahrener Flieger nicht mal vier Kilogramm auf den Berg.

Wenn die Schirme leichter sind, heißt das vermutlich, dass sie auch kleiner sind. Bedeuten kleinere Schirme, dass man mehr Erfahrung haben muss?
Zunächst mal sind „Hike & Fly“-Schirme nicht per se kleiner. Wenn man mit dem Fliegen anfängt, braucht man als Pilot vor allem gutmütige Schirme – das hat aber erst mal weniger mit der Größe zu tun, sondern mit der Konstruktion und dem Profil des Schirms. Es gibt mittlerweile von fast jedem Gleitschirmmodell auch eine leichtere „Hike & Fly“-Variante. Was aber wirklich entscheidend ist: eine solide Ausbildung und viele Flugstunden. Denn beim „Hike & Fly“ ist man ja naturgemäß immer wieder in Gebieten, an denen man noch nicht geflogen ist. Du brauchst ein tiefgehendes Wissen von Wetter, Thermik und Mikroklima.

Felix auf dem Weg zum richtigen Startplatz.

Felix nähert sich der Baumgrenze. Nachdem es die ersten Kilometer flach ins Tal hinein ging, lässt er die Matreier Grube hinter sich, es wird alpin. Schritt für Schritt nähert er sich dem Gipfel, im Tal liegt Fulpmes, in der Ferne Innsbruck. Felix sagt kurz unter dem Gipfel: „Das ist gutes Startgelände hier – nur leider lässt die Thermik einen Start nach Nordosten nicht mehr zu. Ich muss die thermisch aktive Seite nach Süden nehmen.“

Weißt du morgens beim Start einer Tour, wo du abends landen wirst?
Im Prinzip schon. Aber zu hundert Prozent kann man das nie sagen. Du musst dich den Gegebenheiten unterordnen. Aber es ist schön, wenn ein Plan aufgeht. Das betrifft schon den Startplatz, den man sich auf einer Karte ausgesucht hat. Das ist eine Offenbarung, wenn man dort ankommt und sieht: Hier ist wirklich ein guter Ort zum Abheben. Der Moment ist ein bisschen vergleichbar mit dem letzten erfolgreichen Zug aus der Wand hinaus am Ende einer Klettertour.

Felix setzt zum Start an.

Was ist der schönste Moment beim „Hike & Fly“ – das Wandern, das Abheben oder der Flug?
Einen guten Startplatz zu finden, ist fantastisch. Dann weiß man: Zu Fuß muss man nicht wieder runter gehen. Das Wandern ist auch großartig, weil die Anstrengung den Flug erst zur richtigen Belohnung macht. Und klar: Das Abheben ist gerade bei den ersten Flügen als Anfänger unschlagbar. Ich persönlich genieße es mittlerweile am meisten, wenn ich in der Luft die Thermik nutze, mit dem Gleitschirm aufdrehe und ich mich noch höher als die Gipfel hocharbeite – und den kompletten Aufstieg noch mal von oben sehen kann.

Schon mal ganz woanders gelandet, als du es eigentlich vorhattest?
Bei Streckenflügen schon. Bei „Hike & Fly“ sehr selten.

Wie viel Platz braucht man für eine sichere Landung?
Das hängt stark von der Erfahrung ab. Man kann auf fünf Metern genau landen. Als Anfänger landet man aber unter Umständen nicht auf den Kilometer genau. Deswegen ist es wichtig, dass genug Platz da ist – und keine Hindernisse wie Strommasten, Straßen oder Kühe in der Nähe sind. Und man muss das Profil des Landeplatzes kennen. Er muss frei angeströmt werden von der Luft. Es sollten keine Erhebungen auf der Wiese sein, weil sonst lokale Turbulenzen entstehen können. Da kann der Gleitschirm einklappen und man kracht auf den Boden. Luft ist eine unsichtbare Masse, die sich aber im Prinzip wie Wasser verhält. Der Wind schwappt regelrecht über Erhebungen.

Felix hängt fest in den Leinen.

Was ist die beste Jahreszeit zum Fliegen?
Für „Hike & Fly“ ist der Herbst gut. Streckenflieger brauchen den Sommer und den Frühling. Es gibt viel weniger Gewitter, dadurch eine deutlich ruhigere Luft, welche durch geringere Sonneneinstrahlung und infolge dessen schwächere Thermiken zustande kommt – das Wetter hält sich häufiger konstant über den Tag. Das ist natürlich vorteilhaft, gerade für Anfänger. Wenn der Schnee spät im Jahr kommt, sind generell die Monate September bis November perfekt, da Schnee am Startplatz zu schwierigen Startbedingungen führen kann.

Welche Regionen in Tirol sind besonders geeignet für „Hike & Fly“-Touren?
Da gibt es ganz viele. Der Achensee ist wunderschön, da muss man nur die Talwinde im Auge behalten. Das Stubaital hat ein gutes Mikroklima, weil es meteorologisch etwas abgeschirmt liegt und selbst bei Föhnlagen manchmal Touren möglich sind. Auch das Zillertal hat ein ganz verlässliches Talwind-System. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten in Tirol.

Ein unvergleichbarer Blick von oben.

Ganz ehrlich: Kann man eigentlich auch mit leichtem Hang zur Höhenangst ein guter Gleitschirm-Pilot werden?
Ja! Das klingt vielleicht zunächst etwas paradox. Aber ich habe viele Piloten mit leichter Angst vor Höhe ausgebildet. Meine Erfahrung ist: Höhenangst entwickelt sich vor allem stark an Kanten am Berg, wo es steil nach unten geht – und der Blick in den Abgrund die Knie schlottern lässt. Beim Gleitschirmfliegen hängst du in den Leinen und hast immer einen gewissen Zug nach oben, den Auftrieb. Das Gefühl, an einer sicheren Vorrichtung zu hängen, macht was mit dir. Kein einziger Flugschüler von mir hat jemals wegen Höhenangst die Ausbildung abgebrochen.

Mit einem Ruck zieht Felix den Schirm hinter sich hoch. Er trägt Helm, Sonnenbrille, und schaut noch einmal nach oben. Dieses Mal auf die Seile und in seinen Schirm. Der Wind verfängt sich in dem weißen Stoff. Für ein paar Sekunden steht der Schirm senkrecht über Felix. Es sieht aus als spiele er mit einem riesigen Drachen. Dann dreht er sich um, Richtung Abhang, macht drei Schritte nach vorne – und hebt ab.

Felix fliegt hoch über den Bergen.

Felix Woelk
Der Abenteurer, Allroundalpinist und staatlich anerkannte Drachen- und Gleitschirmlehrer ist einer der renommiertesten Flugsportfotografen der Welt. Er hat Streckenrekorde in Afrika aufgestellt und ist als erster und einziger Mensch einmal von einer Staumauer mit seinem Drachen gestartet. Er fliegt auf der ganzen Welt – und immer wieder in Tirol.

Jan Kirsten Biener

Jan Kirsten Biener fährt seit seiner Jugend Ski und Snowboard und ist heute begeisterter Skitourengeher und Rennradfahrer. Er arbeitet als freier Journalist in München.

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1 Kommentar

Juultje Markhorst-steiner

Ik heb een keer dubbelsprong gedaan in het oetztal, met iemand uit Wenns, heb een foto, het was fantastisch, was toen 58 jaar, groeten uit nederland

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