Meine Gesichtscreme, Mein Körperöl, Mein Badesalz

20.10.2020Mercedes LauensteinMercedes Lauenstein
Naturkosmetik Barbara Hoflacher

Text: Mercedes Lauenstein

Der Herbst ist die Zeit der Einkehr, der Ruhe, des Genusses. Und die perfekte Jahreszeit, bei Tiroler Heilkräuterexperten in die Schule zu gehen – um die Grundlagen der selbstgemachten Naturkosmetik selbst zu erlernen. Ein Selbstversuch mit garantiert hohem Wohlfühlfaktor.

Ich und Kosmetik? Komplizierte Angelegenheit. Einerseits mag ich es schnell und einfach, andererseits habe ich launische Haut. In den letzten Jahren habe ich deshalb viel Geld für teure Gesichtscremes ausgegeben. Und mich trotzdem nie ganz wohl dabei gefühlt. Aluminium und Mikroplastik meide ich schon lange. Aber Mineralölen, Weichmachern und anderen schädlichen Zusatzstoffen aus dem Weg zu gehen, ist nicht gerade einfach – wie jeder weiß, der schon mal mit einer Codescanner-App einkaufen war. Wenn man so will, ernähre ich meine Haut seit Jahrzehnten mit Fast Food. Ziemlich inkonsequent in Anbetracht der Tatsache, dass ich in der Küche nur die besten Produkte verwende, nichts esse, das meine Urgroßmutter nicht als Nahrung erkannt hätte und sogar meine Gemüsebrühe selbst ansetze.

Aber wie einfach ist es, Naturkosmetik selbst herzustellen? Höchste Zeit, es auszuprobieren. Und welche Jahreszeit wäre dafür besser geeignet als der Herbst: Wenn draußen alles kalt und düster wird, ruft die Seele leise Badewanne, Honigpeeling und… DIY-Projekte. Im Herbst habe ich schon Schnitzen gelernt, Siebdrucken und Nähen. Dieses Jahr also Naturkosmetik.

Naturkosmetik Barbara Hoflacher

Kurse dieser Art kann man mittlerweile fast überall belegen. Am ursprünglichsten aber fühlt es sich in einer der artenreichsten Heilpflanzen-Gegenden Europas an: den Tiroler Alpen. Die Heilkräuterexpertin Barbara Hoflacher bezeichnet sich zwar lieber als „Lehrling der Natur“ und weniger als Expertin, aber eines ist klar: Kaum jemand kennt sich besser aus mit der Tiroler Bergwelt, ihren Pflanzen, Tieren und verborgenen Heilkräften. Schon als Kind hat sie mit ihrer Großmutter in den Nadelwäldern, auf den Almwiesen und an den Flussbetten des Karwendels Heilkräuter gesammelt und viele Produkte des täglichen Bedarfs selbst hergestellt.

Seit mehr als zwanzig Jahren befasst Barbara Hoflacher sich auch professionell mit der biologischen Hautpflege. Sie ist ausgebildete Heilpraktikerin, Phytotherapeutin und Aromakologin. Jahrelang war sie Schülerin von Heilkräuter- und Aromakunde-Größen wie Susanne Fischer-Rizzi und Wolf Dieter Storl in München. Außerdem arbeitet sie als Radiologietechnologin auf der Kinderstation der Uniklinik Innsbruck, ist Tiroler Bergwanderführerin und ganz nebenbei noch: Jägerin. Denn auch Wildfette spielen traditionell eine große Rolle in der Naturheilkunde, zumal in der Tirols. Tatsächlich sind Wildfette sogar oft die umweltfreundlichere und gesundheitlich interessantere Alternative zu importierten Fetten wie etwa der Sheabutter. Doch weil die geringen und stark schwankenden Mengen des lokal erlegten Wilds nicht für den Handel geeignet sind und junge Großstädter vegane Kosmetik bevorzugen, setzt Hoflacher in ihren Kursen auf Pflanzenfette.

Naturkosmetik Barbara Hoflacher

Worauf sie noch setzt: Einfachheit. Vor wenigen Monaten ist ihr Buch „Du darfst auf meine Haut. Naturkosmetik selber machen“ erschienen. Das Credo: Keine komplizierten Inhaltsstoffe. Wenige Zutaten, aber immer von bester Qualität. Olivenöl, Sonnenblumenöl, Kokosfett. Aus biologischem Anbau. Von den Pflanzen nur diejenigen, die man problemlos in der Umgebung sammeln oder auf der Fensterbank ziehen kann. Und davon gibt es weit mehr als zunächst vermutet: Birkenblätter, Basilikum, Lavendel, Löwenzahn oder Gänseblümchen zum Beispiel. Außerdem ein paar ätherische Öle, und wenige weitere unkompliziert in Apotheken oder Kräuter-Fachgeschäften zu beziehende Grundprodukte. „Mein Ziel ist es, die Leute unabhängig zu machen“, sagt Hoflacher, „egal, ob in den Tiroler Alpen oder in Berlin-Kreuzberg.“ Denn im konventionellen Handel wird es immer schwieriger, unbedenkliche Kosmetik zu kaufen. Hersteller verstecken schädliche Inhaltsstoffe unter immer neuen Namen. Und selbst Naturkosmetik enthält zur besseren Konservierung oft undurchsichtige Substanzen.

Als wir uns in Innsbruck treffen, weht ein kalter Herbstwind um die Häuser. Gelbe Blätter fallen von den Bäumen und im Hintergrund erheben sich in kühlem Grau die Felswände der Nordkette. Die Luft ist glasklar und kündigt bereits Winter an. Auch Hoflacher findet, dass wir uns zur richtigen Zeit treffen: „Herbst und Winter sind traditionell die Zeit der Fortbildungen, das war immer so: So bald es auf den Felder keine Arbeit mehr gab, zog man sich nach drinnen zurück, setzte sich an den Ofen, erzählte sich Geschichten, reparierte Sachen und ließ sich von der Großmutter althergebrachte Fertigkeiten beibringen.“

Meine Bedenken, dass meine Mineralölgewohnte Haut die natürliche Kosmetik nicht gut vertragen könnte, wischt Hoflacher gleich fort. Ich müsse mich höchstens auf einen „Fellwechsel“ einstellen: 28 Tage dauert es, bis sich die Hautzellen einmal komplett erneuert haben. In dieser Umstellungsphase öffnen sich die von der konventionellen Kosmetik verstopften Poren und entgiften. Erst dann kann die Naturkosmetik zeigen, was sie drauf hat. Frische Pflanzenöle kurbeln das Reparatursystem unserer Haut an und helfen, den Zellmörtel wieder aufzubauen: „So, dass sie gleichzeitig dicht und luftdurchlässig ist, wie gute Sportkleidung“, so Hoflacher. Im Grunde, sagt sie, würde es reichen, ausschließlich hochqualitatives Olivenöl zur Gesichts- und Körperpflege zu verwenden.

 

Naturkosmetik Barbara Hoflacher

Aber weil Salben mehr Spaß machen und man ihnen jede Menge nützlicher Heilpflanzen und ätherische Öle beimischen kann, steht auf unserem Plan heute Anspruchsvolleres: Eine wärmende Lorbeersalbe für Körper und Gesicht. Gut gegen Hautunreinheiten, als Hustenbalsam und gegen Gelenk- und Rückenschmerzen. Zweitens: Beinwellsalbe. Jetzt im Herbst besonders wirksam gegen trockene Haut, zur Wund- und Narbenpflege, bei Sportverletzungen und zur Handgelenksmassage gegen Sehnenscheidenentzündungen. Außerdem ein Deo und ein duftendes Badesalz. Und weil der Herbst immer auch Erkältungszeit bedeutet, schlägt Hoflacher noch ein Nasenöl auf Johanniskrautölbasis vor. Für Zuhause bekomme ich das Rezept für eine Harzsalbe mit. Denn ohne Harzsalbe ginge gar nichts, so Hoflacher, erst recht nicht im Winter. Sie kommt aus dem Aufzählen gar nicht mehr heraus: „Heilt Wunden und Schrunden, auch schwere, offene Wunden, desinfiziert, funktioniert als Zugsalbe, wärmt kalte Hände, kalte Füße, heilt Brust- und Hustenerkrankungen, Erkältungen, lindert Achillessehnenschmerzen, Kreuzschmerzen…“ Und auch an Harz zu kommen ist für den Laien unkompliziert: Man kann es überall, wo Fichten, Lärchen oder Kiefern wachsen, selbst sammeln.

Hoflachers liebstes Harz ist das der Zirbelkiefer, die erst ab 1300 Höhenmetern wächst. Sie sammelt es bevorzugt auf Wanderungen in Salfeins bei Grinzens, von wo man nebenbei wunderschöne Aussichten auf die gesamte Innsbrucker Nordkette und das Kalksteinmassiv der Kalkkögel genießt. Auch andere Höhengewächse wie Meisterwurz, Engelwurz und Bergthymian haben es Hoflacher angetan. Um der rauen Höhenluft standzuhalten, müssen diese Pflanzen hochkonzentrierte Wirkstoffe ausbilden, was sie aus heilkundlicher Sicht besonders interessant macht. Geheimnisse macht Hoflacher nicht um ihre persönlichen Tiroler Lieblingsrouten, denn: „Wissen wird mehr, wenn man es teilt.“ Deshalb kann man sich ihr auf Anfrage auch bei Heilkräuterwanderungen anschließen. Und nach welchem Prinzip wird dabei gesammelt? Erstens: immer erst beim Abstieg, damit nichts welkt und man nicht so schwer zu tragen hat. Zweitens: auf „Ruf der Pflanzen“. Sagt man tatsächlich so, erklärt Hoflacher, denn: „Meist geht man ja mit einer Intention los. Will zum Beispiel Holunderbeeren sammeln. Dann findet man aber gar keine und kommt stattdessen an erntereifer Meisterwurz vorbei. Also kommst du mit Meisterwurz statt mit Holunderbeeren heim. Oder mit einer seltenen Flechte oder einer besonderen Blüte. Da muss man sich ganz auf die Natur einlassen.“

Naturkosmetik Barbara Hoflacher

Aber jetzt wird losgerührt. Tatsächlich bin ich erstaunt von der Einfachheit der Zubereitung. Sicher, für die Salben braucht man etwas mehr Geduld. Die Beinwellwurzel wird geputzt, geschnitten und mit Bienenwachs im Wasserbad warmmazeriert, so nennt man das Ziehen frischer Kräuter im warmen Öl. Als ich die Wurzel schneide, tritt an den Schnittstellen jener zarte Schleim aus, der die Heilstoffe enthält und sich wie eine Schutzschicht auf Hautwunden und innere Schleimhäute legen soll. Hoflacher hat den Beinwell im Inntal selbst gesammelt. Er wächst aber in den meisten Auen, feuchten Wiesen und Gräben ganz Europas. In München würde ich mit Sicherheit an der Isar fündig, so Hoflacher. Anschließend wird die Salbe kaltgerührt und vorsichtig in Gläschen abgefüllt. Das Ganze hat etwas Meditatives. Und ist am Ende auch nicht aufwendiger als ein Sonntagsbraten. Nur, dass man danach noch monatelang Freude an dem Produkt hat. Und ein gutes Geschenk für Freunde.

Naturkosmetik Barbara Hoflacher

Weitaus schneller geht es, sich ein Badesalz zu mischen. Beim Mörsern von Salz und Kräutern füllt sich der ganze Raum mit dem starken Duft des frischen Rosmarins und der Wacholderbeeren. Allein das wirkt auf die Seele wie ein halbstündiges Bad. Liegt vielleicht auch an der Aussicht, die ich von meinem Hocker aus habe: Durch die großen Dachfenster der Wohnung, in der Hoflacher den heutigen Workshop abhält, blicke ich direkt auf die leuchtende Bergspitze des Patscherkofels – der Himmel ist gerade aufgebrochen und die Herbstsonne taucht nun alles in ein derart goldenes Licht, das man gar nicht anders kann als tief durchzuatmen und jede Anspannung fahren zu lassen. Danach werden nur noch das Pflanzenöl und die ätherischen Öle dazugeträufelt, fertig. Am schnellsten aber ist die Deo-Creme gemacht. Die hat nicht nur eine herrliche pudrige Konsistenz, sondern riecht zu meinem Erstaunen besser als eines meiner liebsten Deodorants einer australischen Kosmetikmarke.

Naturkosmetik Barbara Hoflacher

Zur Haltbarkeit der selbsthergestellten Kosmetik ist es wichtig, das Arbeitsgerät sauber zu halten und am besten sogar vorher mit reinem Alkohol zu desinfizieren. Je kleiner und voller die Gläschen, in die man sich die Produkte danach abfüllt, desto länger die Haltbarkeit – einfach, weil weniger Sauerstoff und Keime drankommen. Außerdem bringen ätherische Öle eine leicht konservierende Wirkung mit. Hoflachers Salben halten auf diese Weise ganz ohne künstliche Konservierungsstoffe zwischen drei Monaten und drei Jahren.

Wieder zuhause ersetze ich meine Gesichtscreme durch die Lorbeersalbe und eine Flasche frisches, biologisches Olivenöl aus der neuen Ernte. Meiner Haut gefällt das gut, sie kommt auch an Tag acht des Mineralölentzugs noch ohne große Unreinheiten zurecht. Haarshampoo und Zahnpasta aus meinem Bad zu verbannen traue ich mich noch nicht, obwohl Hoflacher mir auch dafür Alternativen empfohlen hat. Aber sie hat auch gesagt: Lieber klein anfangen. Alles andere führe nur zu Frust. Und wer will Frust, wenn er selbstgemachtes Badesalz hat?

 

Rezepte

Lorbeersalbe:

  • 100 ml Bio-Olivenöl
  • 100 ml Bio-Sonnenblumenöl
  • eine bis zwei Handvoll klein geschnittener Lorbeerblätter
  • 40 g Bio-Bienenwachs
  • Optional: 20 Tropfen Bio-Lavendelöl fein

Lorbeerblätter in Öl bei 60 Grad im Wasserbad etwa 45 bis 60 Minuten ziehen lassen. Abseihen und Lorbeerblätter entsorgen. Öl danach erneut im Wasserbad erwärmen und kleingezupftes Bienenwachs und Wollwachs darin schmelzen. Vom Wasserbad nehmen und die Masse kaltrühren. Dabei langsam das Lavendelöl dazutropfen. Alles randvoll in 30-ml Gläser abfüllen und nach dem völligen Erkalten fest verschließen.

 

Beinwellsalbe:

  • 200 ml Bio-Johanniskrautöl oder Bio-Olivenöl
  • eine bis zwei Handvoll gesäuberte und klein geschnittene Beinwellwurzel
  • 40 g Bio Bienenwachs
  • Optional: 20 Tropfen Bio-Rosmarinöl 1,8 cineol

Beinwellwurzel in Öl bei 60 Grad im Wasserbad etwa 45 bis 60 Minuten ziehen lassen. Vom Herd nehmen und falls zeitlich möglich über Nacht ziehen lassen. Am nächsten Tag nochmals leicht anwärmen, abseihen und Beinwell entsorgen. Nun das Öl wieder im Wasserbad auf etwa 60 Grad erwärmen und kleingezupftes Bienenwachs darin schmelzen. Vom Wasserbad nehmen und die Masse kaltrühren. Dabei langsam das Rosmarinöl dazutropfen. Alles randvoll in 30-ml Gläser abfüllen und nach dem völligen Erkalten fest verschließen.

 

Deo:

  • 3 TL Sheabutter
  • 1/2-1 TL Backnatron
  • 1/2-1 TL Zinkoxid
  • 2 Tropfen Atlaszedernöl
  • 4 Tropfen Rosengeranienöl
  • 7 Tropfen Limettenöl

Die zimmerwarme Sheabutter mit den restlichen Zutaten gut vermengen und in ein 30 ml-Gläschen umfüllen.

 

Nasenöl:

  • 50 ml Johanniskrautblütenöl
  • 3 Tropfen Cajeputöl
  • 3 Tropfen Zirbelkieferöl
  • 4 Tropfen Thymianöl Linalool

Alle Zutaten in ein Braunglasfläschchen geben, sanft schütteln und verschließen.

 

Badesalz:

  • 10-30 g frische Kräuter wie z.B Rosmarin und Wacholderbeeren
  • 200 g Natursalz
  • 2-3 EL Pflanzenöl oder Mazerat
  • 8 Tropfen ätherisches Öl nach Belieben

Kräuter kleinschneiden und mit dem Salz im Mörser verreiben. Mit dem Pflanzenöl und ätherischen Öl gut vermengen. In ein verschließbares Glas füllen und 14 Tage ziehen lassen.

 

Harzsalbe:

  • 100 ml Olivenöl
  • 10-30 g weiches Fichtenharz
  • 20 g Bienenwachs oder 10 g Carnaubawachs

Das Baumharz löst sich gut in erwärmtem Olivenöl. Kleine unlösliche Rindenstückchen durch ein Sieb abfiltrieren. Das Mazerat anschließend zusammen mit dem kleingezupften Bienenwachs im Wasserbad schmelzen. Sobald die Masse nur noch handwarm ist, kaltrühren. In Salbengläser füllen und nach dem völligen Erkalten fest verschließen.

Mercedes Lauenstein

„Mercedes Lauenstein ist Journalistin und Autorin. Zuletzt erschienen ihr Roman „Blanca“ im Aufbau Verlag. Wenn sie nicht schreibt, kocht, schläft oder in der Badewanne liegt, denkt sie sich auf langen Solo-Wanderungen durch die Alpen neue Geschichten aus.“

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