Ein Hoch auf die Gesundheit

Aktualisiert am 10.11.2020Pauline KrätzigPauline Krätzig
Kals am Grossglockner ©Tirol Werbung / Bauer Frank

Wandern in den Bergen ist gesund, sagen Ärzte, der Volksmund und die Großeltern. Inzwischen ist das auch wissenschaftlich bewiesen. Dr. Thomas Küpper von der Uniklinik Aachen untersucht seit Jahren, wie sich Höhe und Sauerstoffmangel auf den menschlichen Körper auswirken. Ein Gespräch über rote Blutkörperchen, die Magie der Euphorie und Blümchen am Wegesrand.

Herr Küpper, Sie sind Rheinländer. Wie kamen Sie ins Hochgebirge?
Meine Familie hat zwanzig Jahre lang jedes Jahr Ferien auf dem Bauernhof gemacht; in Nonn bei Bad Reichenhall, die Berge in Greifweite. Während des Studiums in Düsseldorf bin ich dann einer Klettergruppe beigetreten. Ich war sicher, die anderen würden mich meilenweit abhängen. Zu meiner Verblüffung stellte sich heraus, dass ich einer der besten Kletterer war. Ich wurde Trainer und durfte einen Erste-Hilfe-Kurs konzipieren. Daraus entstand mein erstes Buch „Survival alpin“.

Zur Person
Prof. Dr. Thomas Küpper, 59, ist unter anderem Alpin-, Sport-, Flug-, Rettungs- und Reisemediziner und ist Autor zahlreicher Fachbücher. Küpper klettert seit 47 Jahren selbst in den Bergen – am liebsten kombinierte Touren oder schwere Felstouren in den Alpen oder im Himalaya.

Dr. Thomas Küpper klettert gerne hoch hinaus.

Die Berge scheinen Ihnen gut zu bekommen. Sie kraxeln immer noch ganz oben herum. Ist das Gebirge eine Art Jungbrunnen?
Wenn Sie hart schuftende Almbauern fragen, nicht. Aber Wandern und Klettern in den Bergen tut uns gut. Es gibt einige Studien, die zeigen, dass in Höhenlagen Blutdruck und Blutzucker sinken, dass Herz und Kreislauf gestärkt werden. Dafür sorgt einerseits die Bewegung, und andererseits die Höhe, in der jede Aktivität unter leicht erschwerten Bedingungen stattfindet. Die Luft oben ist kälter und dünner. Der Körper muss mehr arbeiten, um warm zu werden und wir bekommen beim Atemholen weniger Sauerstoff in die Lungen. Je höher es geht, desto atemloser werden wir.

Was ist gut an Sauerstoffmangel?
Für unsere Zellen ist Sauerstoffmangel ein sogenanntes Globalereignis – Stoffwechsel, Atmung, Energieversorgung, alles ist davon betroffen. In den mittleren Höhenlagen zwischen 1500 bis 3500 Metern, in denen sich der Alpintourismus größtenteils abspielt, machen sich jedoch nachweislich nur die positiven Effekte des Sauerstoffmangels signifikant bemerkbar. Eines der vielen Zauberworte lautet Erythropoese.

Ein leistungsfähiger Körper bei der Wanderung, beispielsweise am Finkenberg, durch die Erythropoese.

Entzaubern Sie das Wort bitte für uns.
Der geringere Luftdruck in mittleren Höhen führt dazu, dass weniger Sauerstoff im Körper transportiert wird. Der Körper gleicht das Defizit unter anderem aus, indem er vermehrt neue rote Blutkörperchen bildet – die Erythropoese. Das Blut nimmt wieder mehr Sauerstoff auf, die Organe werden optimal versorgt, der Körper ist leistungsfähiger.

Klingt fast wie Blutdoping …
Auf biochemischer Ebene ähnelt der Prozess tatsächlich dem Blutdoping. Allerdings braucht der Körper eine ganze Woche, um neue Blutkörperchen zu bilden – das ist schon was anderes, als wenn sich Ausdauersportler vor dem Wettkampf noch fix eine Blutkonserve einflößen.

Wie lange muss ich denn mindestens in Höhenlagen bleiben, um davon zu profitieren?
Profitieren tun Sie jedes Mal. Optimal sollte man aber schon zwei-, dreimal im Jahr hoch hinauf, und mindestens einmal zehn Tage am Stück dort oben bleiben. Je häufiger man sich der Höhe aussetzt, desto schneller passt sich der Organismus wieder an und zieht Nutzen daraus. Höhe ist Gewöhnungssache. Das sieht man gut an Höhenvölkern: 2009 war ich Zuschauer beim Everest-Marathon, der auf 5365 Meter über dem Meer startet. Die vordersten Plätze belegten Nepalesen. Wie frustriert ein amerikanischer Olympiafinalist gewesen sein muss, als eine Sherpa-Frau in Kleid und Schlappen an ihm vorbeigezogen ist.

Im Himalaya leiden Menschen oft an der Höhenkrankheit. Betrifft das auch Touristen in den Tiroler Alpen?
Grundsätzlich gilt: Je höher es geht, desto wichtiger ist es für den Körper, sich an die Höhe anzupassen. Im äußersten Fall kann es zu einem Lungen- oder Hirnödem kommen. Der Tirol-Tourist hat aber nichts zu befürchten. Die Ostalpen sind nicht hoch genug für diese dramatischen Symptome. Es kann über 2.500 Metern höchstens eine akute milde Höhenkrankheit eintreten: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit. Mein Kollege, der Höhenmediziner Jim Milledge, hat es so formuliert: „Man fühlt sich scheiße, aber man stirbt nicht dran.“

Wanderungen in den Ostalpen, wie zum Beispiel am Großglockner, sollten zu keiner Höhenkrankheit führen.

Wird man automatisch höhenkrank?
Jeder Mensch reagiert anders auf die Höhe – der eine fühlt sich auf den Guslarspitzen über 3.000 Metern bestens, der andere bekommt Kopfweh.

Und wie kann man verhindern, dass man sich, wie Ihr Kollege meinte, „scheiße fühlt“?
Die Devise für Bergtouristen lautet: Langsam aufsteigen. Der Körper muss sich akklimatisieren. Ob Höhe krank macht, hängt außerdem nicht von den Höhenmetern ab, die man tagsüber bewältigt. Wenn das Wetter lockt, kann man gern auf den Großglockner rennen. Man sollte dann aber nicht dort oben übernachten. Entscheidend ist nämlich der Unterschied der Schlafhöhe von einem Tag zum nächsten. Pro Nacht sollten oberhalb von 2000 bis 2500 Metern nicht mehr als maximal 500 Höhenmeter dazukommen.

Haben Sie noch einen Tipp?
Am Grand Canyon stand ich am Berg einem Schild gegenüber, das Bergsteigern riet, vier Gallonen zu trinken. 16 Liter! So ein Mumpitz. Der Körper nutzt Flüssigkeit viel effektiver und verliert weniger, als wir lange dachten. Wenn Sie zu viel salzfreie Flüssigkeit trinken, überwässern Sie, die Blutsalze verdünnen sich, es kommt zu Natriummangel, Sie kollabieren. Trinken Sie einfach eine angemessene Menge. Ein gesunder Mensch mit gesundem Verstand kann in der mittleren Höhe nichts falsch machen.

Auch beim Wandern in den Brandenberger Alpen, immer wieder einen Schluck Wasser zu sich nehmen.

Und ein kranker Mensch?
Unter Ärzten herrscht eine Krankheit: Panikmache. „Mit Ihrem Herz in die Berge? Um Gottes Willen …“ Das ist völlig übertrieben. Menschen, die schwer herz-, lungenkrank oder anderweitig gesundheitlich vorbelastet sind, sollten sich natürlich immer mit ihrem Arzt absprechen – und sich selbst im Auge behalten. Der Berge wegen ist noch keiner an einem Infarkt gestorben.

Asthmatiker und starke Raucher schickt man zur Erholung auch oft in die Berge.
Weil es oben weniger toxische Reize wie Feinstaub und Allergene gibt. Dazu strömt die dünne Höhenluft besser durch die entzündeten verengten Luftwege. Wenn aber das gesamte Lungengerüst verändert ist und die Lunge sich nicht ausdehnen kann, sollte die Person in tieferen Lagen bleiben. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Menschen mit Hausstauballergie und Heuschnupfen scheint es hoch oben auch besser zu gehen.
Der Allergiker mag die Höhe, weil die Luft dort staubfrei und pollenärmer ist. Die Blütenphasen sind kürzer, die Vegetation ist geringer und eine andere als im Flachland. Also erwischt man dort keine oder nur geringe Dosen der Pollen, auf die man allergisch reagiert.

Wieso schlafen wir in den Bergen eigentlich besser?
Weil wir müde sind. Weil wir die Bewegung nicht gewohnt sind. Mit steigender Höhe schlafen wir allerdings zunehmend schlechter. Die flache Atmung in der Höhe bringt unsere Schlafarchitektur durcheinander, wir bekommen plötzlich Atemaussetzer. Es gibt keine erholsamen Tiefschlafphasen mehr, nur ein Vor-sich-hin-Dösen. Und der schnarchende Bettnachbar tut sein Übriges.

Tirol bietet viele Schlafplätze für Wanderer, wie zum Beispiel im Ötztal auf der Erlanger Hütte.

Trotzdem schwärmen viele Menschen von ihren erholsamen Hüttentouren …
Erstaunlicherweise empfinden wir vieles in den Bergen subjektiv als besser. Auf psychischer Ebene wirken die Berge sofort. Allein der Tapetenwechsel und die schöne Landschaft motivieren ungemein. Deshalb sind Aufbauprogramme in Höhenlagen so beliebt, auch wenn sich deren Konzepte sonst nicht von anderen Kuren unterscheiden. Diese Euphorie – boah, ist das toll hier! – sollte man nicht unterschätzen. Die nehmen wir auch mit runter in den Alltag.

Kann ich den positiven Effekt verlängern?
Wenn man fit auf den Berg geht, hallen die positiven Effekte auch nach der Rückkehr noch eine Weile nach. Die Ausdauer sollte man aber auch im Alltag trainieren, sonst wird der Wanderurlaub ein kurzes Vergnügen. Aus der Arbeits- und Sportmedizin kenne ich eine spezielle Problemgruppe: Leicht untersetzte Mittvierziger in der ersten Midlife-Crisis, die mit ihren jungen hübschen Freundinnen in die Berge fahren und dort gleich volle Power losackern. Die würden nie zugeben, dass sie nicht mehr können, interessieren sich dann aber auf einmal alle paar Höhenmeter intensiv für Blümchen oder Landschaftsfotografie. Achten Sie mal drauf.

Stimmt es, dass man in den Bergen besonders gut abnimmt?
Mehrere Studien haben gezeigt, dass der Körper im Höhenstress nicht wie sonst auf die am einfachsten verfügbaren Brennstoffe, die Kohlenhydrate zurückgreift, sondern auf den Hüftspeck. Das passiert vor allem in mittleren Höhen, wie in den Ostalpen.

Fit bleiben durch eine Wanderung im Zillertal am Tux-Finkenberg.

Eignet sich eine Jahreszeit besonders für Höhenausflüge?
Im Sommerhoch sind wir leistungsfähiger. Alle großen Weltrekorde wurden im Sommer gemacht. Die relevante Frage ist aber eher: Wann haben Sie am meisten Spaß? Wollen Sie Skifahren, Mineralien suchen oder Rekorde knacken?

Wie oft gehen Sie selbst in die Berge?
So oft es geht, müsste ich als Bergsteiger eigentlich sagen. Ich muss aber gestehen, ich war im vergangenen Jahr nur einmal in Nepal, mit neunzig Ärzten auf Fortbildung. In die Berge ging’s mit der Seilschaft dann auch.

Pauline Krätzig

Pauline Krätzig schreibt am liebsten über Menschen – deren Kultur, Geschichte(n) und Traditionen. Davon gibt es in Tirol jede Menge. Und verdammt guten Latschenlikör.

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