Hast du Töne: Die besten Klangräume Tirols

17.11.2020Wolfgang WestermeierWolfgang Westermeier

Wie klingt eigentlich die Heimat? Und wo klingt sie besonders schön? Zwei Fragen, die wir dem Opernsänger und gebürtigen Innsbrucker Paul Schweinester gestellt haben. Er hat schon auf vielen großen Bühnen gesungen, wurde für den Grammy nominiert und ist bei den Salzburger Festspielen aufgetreten. Auf der Suche nach den besten Klangräumen Tirols.

Ein Freitagmorgen kurz vor neun. Der Gottesdienst in der Jesuitenkirche Innsbruck ist bereits beendet, der Platz vor der Barockkirche ist leer. Paul Schweinester blickt zu den schweren Eingangstüren. Er kennt die Kirche gut, seine Karriere als Opernsänger begann bei den Wiltener Sängerknaben, die regelmäßig in der Jesuitenkirche auftreten. Er erzählt die Geschichte von der gigantischen Schützenglocke, 9.200 Kilo schwer, die anlässlich des 150. Jahrestages des Tiroler Freiheitskampfes Ende der 1950er-Jahre gestiftet wurde – und bis heute mit ihrem tiefen Klang den Sound von Innsbruck beeinflusst. Nachdem wir die Kirche betreten, verstummt Paul Schweinester kurz. Dann fragt er:

„Haben Sie bemerkt, was gerade passiert ist?“

Was denn?
Wir sind beim Betreten sofort leise geworden. Es ist völlig klar, dass man sich in einer Kirche nicht laut verhält, aber woran liegt das? Wir sind hier allein.

An der Ehrfurcht gegenüber einem Gotteshaus?
Ja. Aber die Akustik spielt dabei eine wichtige Rolle: Die glatten, harten Oberflächen reflektieren den Schall, der hohe Raum bietet ihm viel Platz, sich auszubreiten. So werden Geräusche zurückgeworfen und verstärkt. In so einer akustischen Umgebung fühlt sich der Mensch klein und groß zugleich: Man erschrickt erstmal vor der eigenen Lautstärke – aber wer sich traut, diese Akustik zu benutzen, bekommt von ihr Macht verliehen.

In der Jesuitenkirche kann der Opernsänger die Akustik optimal nutzen.

Paul bewundert die gigantische und 9.200 Kilo schwere Schützenglocke.

Wie stellt man sich als Sänger auf eine solche Akustik ein?
Die Stille zwischen der Musik – oder den Worten – ist genauso wichtig wie die Musik selbst. In einer Kirche wie dieser hallt ein Ton vier bis sieben Sekunden nach, die Töne vermischen sich also. Sie sollten aber trotzdem noch gut zusammenklingen. Als Sänger muss man sich deshalb mehr Zeit lassen. Die meiste sakrale Musik berücksichtigt diese akustischen Voraussetzungen und enthält viele lang gehaltenen Töne. Wenn man aber tatsächlich nur für die Akustik komponieren würde, müsste die Musik eigentlich anders klingen, instrumentaler. Die Sprachverständlichkeit ist bei so viel Nachhall sehr niedrig, Stücke wie die von Bach enthalten an sich zu viel Text. Aber genau das ist ja der Grund, weshalb es so viel Musik in Kirchen gibt: Sie ist eine Sprache, die jeder versteht.

Wir treten ins Freie. Die Innenstadt von Innsbruck wacht auf. Fußgänger auf dem Weg ins Café oder in die Arbeit. Nicht mal hundert Meter von der Jesuitenkirche entfernt befindet sich das Haus der Musik. Seit seiner Fertigstellung 2018 ist das moderne Gebäude mit seiner dunklen Keramikfassade das Zuhause von zahlreichen musikalischen Institutionen, in den Sälen finden ganz unterschiedliche Veranstaltungen statt. Ein Konzert von Paul Schweinester steht noch aus, wegen der Pandemie musste er kürzlich seinen ersten Auftritt dort verschieben. Aber zur Probe ist er schon mal dagewesen – und war beeindruckt von der Akustik im „Großen Saal“. Dieser ist das Herzstück des Hauses. Direkt hinter der Bühne gibt eine große Fensterfront den Blick auf die Hofburg sowie auf einen mächtigen Eichenbaum frei.

Paul blickt aus dem Fenster des großen Saals im Haus der Musik und erinnert sich an die großartige Akustik hier.

Mir ist aufgefallen, dass Sie auf unserem Spaziergang ständig die Akustik testen: Sie sprechen mal lauter und mal leiser, klatschen in die Hände oder summen vor sich hin.
Ja, ich habe den Drang, fast immer zu singen. Dabei ist das als Opernsänger gar nicht gut, weil man seine Stimme zwischen den Proben und den Auftritten eigentlich schonen sollte. Aber wenn ich mich selber höre, bestätige ich mir, dass ich noch da bin. In gewisser Weise ist die Stimme ja so etwas wie die Existenzberechtigung eines Sängers – und gerade in so überakustischen Räumen wie in einer Kirche ist es verlockend, die Akustik einmal anzutesten. Dabei ist ein Raum wie dieser hier viel besser für den Klang.

Inwiefern?
In halligen Räumen gerät die Musik oft zu knallig. Das ist für alle Beteiligten anstrengend. Als Sänger hat man das Problem, dass jedes Einatmen zu hören ist – und bei den Zuhörern kommt zu viel akustische Information an. Hier merkt man sofort, wie viel angenehmer es ist, zu sprechen. Das viele Holz, die Paneele an den Wänden und der Decke sorgen dafür, dass der Nachhall schön kurz ist. Ein bisschen, als würde man in ein Polster sprechen. Trotzdem merkt man: Perfekt ist die Akustik gerade nicht.

Für meine Ohren klingt das hier ziemlich gut. Was stimmt nicht?
Ein Saal von dieser Klasse wird im Vorfeld genauestens geplant, auf jedes Detail wird geachtet. Und natürlich wurde auch bedacht, dass hier normalerweise vor Publikum musiziert wird. Wenn viele Menschen in einem Raum sind, ändert das auch die Akustik. Die Körper geben Wärme und Luftfeuchtigkeit ab und nehmen Schall auf, der Klang wird so noch mal ein Stück trockener. Auch als erfahrener Musiker ist es immer wieder überraschend, wie anders ein Raum klingt, sobald das Publikum da ist.

Holz, Paneele, Decke und das Publikum spielen bei der perfekte Akustik eine große Rolle.

Was unterscheidet einen Raum mit guter Akustik von einem Raum mit exzellenter Akustik?
Für mich ist die Akustik dann exzellent, wenn ich das Gefühl habe, beim Musizieren auf dem Klang zu schweben. Dafür ist es wichtig, dass ich mich selbst gut hören kann. Natürlich muss die Musik auch beim Publikum klar ankommen, aber wenn man zu wenig Feedback hat, fängt man an zu drücken, was sich fast nie gut auf die Qualität des Gesangs auswirkt.

Von Paris bis Hong Kong: Sie standen schon auf vielen großen Bühnen. Haben die Konzertsäle in Tirol einen eigenen Klang?
Das würde ich nicht sagen, denn die akustischen Ansprüche sind ja überall ähnlich. Aber trotzdem klingt jeder Konzertsaal anders. Eigentlich würde man denken, dass mittlerweile eine Formel für die perfekte Akustik existiert, die überall reproduziert werden kann. Aber so werden neue Konzertsäle nicht gebaut.

Warum nicht?
Weil es bei so einem Gebäude um mehr als Akustik geht. Ein Konzertsaal ist immer auch repräsentativ und soll etwas über die Stadt, in der er steht, aussagen. Der „Große Saal“ hier in Innsbruck ist ein gutes Beispiel dafür: Aus einer akustischen Perspektive hätte man auf die riesige Glasfront wohl verzichtet, aber sie drückt eine Offenheit aus, die beispielhaft für das Haus der Musik sein soll. Und als Künstler ist man für solche Unterschiede dankbar, denn sie erlauben es auch, ein Programm an den jeweiligen Ort anzupassen. Für mein geplantes Konzert wollte ich am Ende des Stücks eine Szene einbauen, in der ein Paar gemeinsam einen Baum pflanzt. Mit der majestätischen Eiche im Hintergrund wirkt so etwas ganz anders.

Tirol klingt besonders. Das gilt für seine Kirchen und Konzertsäle – und erst recht für das Draußen, die Natur, die Täler und Berge. Wir fahren mit Paul zur Bergisel-Schanze. Das Sprungtraining ist an diesem Tag bereits beendet, auf den bunten Rängen sitzen vereinzelte Besuchergrüppchen und bestaunen die steil abfallende Schanze. Paul Schweinester ist begeistert vom arena-artigen Aufbau, man merkt ihm an, dass ihn dieser Ort herausfordert. Er hüpft über die Absperrung in den Auslauf, schnippt mit den Fingern, stimmt ein fröhliches Lied an und fordert das kleine Publikum, das er hat, zur Interaktion auf: „Lila Rang: Könnt ihr mich hören?“ Obwohl er gut fünfzig Meter entfernt steht, versteht man ihn klar und deutlich.

Paul genießt es in einer Arena wie hier an der Bergisel-Schanze zu singen.

Wie ist das Klangerlebnis in so einer Arena?
Sehr interessant. Eine Kesselakustik. Der Schall entweicht nach oben, die Nachhallzeit ist eher kurz, aber trotzdem erhält er ausreichend Verstärkung, um auf allen Rängen gut hörbar zu sein. Deshalb ist eine Arena auch ein äußerst demokratischer Veranstaltungsort: Die meisten Plätze haben einen ähnlichen Abstand zur Bühne. Die alten Griechen wussten schon, warum sie ihre Theater so gebaut haben.

Was würden Sie hier singen?
So etwas wie Nessun Dorma aus der Turandot von Giacomo Puccini. Vielleicht sogar einen Schlager. Auf jeden Fall müsste es ein Stück sein, das die großen Gefühle bedient.

Singt man vor großer Kulisse anders?
Ja, das macht etwas mit einem. Ich finde ja, dass es interessante Parallelen zwischen dem Skispringen und dem Singen gibt. In beiden Disziplinen will man immer weiterfliegen, so hoch, so weit wie möglich kommen. Das hat viel mit mentaler Stärke zu tun. Der Skispringer hat den Absprung im Training hunderte Male trainiert, der Sänger den einen hohen Ton, den er treffen muss. So gut wie im Training klappt es dann selten, manchmal aber, wenn man den richtigen Moment erwischt, trägt einen das Publikum weiter als man jemals zuvor geflogen ist. Dreißigtausend Leute, die jubeln, klatschen, atmen: Das ist ein Klangteppich, den man körperlich spürt – und auf dem man schweben kann.

Paul möchte mit seiner Stimme ebenso hoch fliegen wie die Skispringer der Bergisel-Schanze.

Für den letzten Klangraum möchte Paul Schweinester hoch hinaus: raus aus der Stadt, rein in die Natur. Die Berge sind für ihn wichtig – hier erholt er sich von seinen Auftritten, die er mit Leistungssport vergleicht. Mit der letzten Bergfahrt geht es mit der Olympiabahn hoch zum Hoadl-Haus in der Axamer Lizum. Hinter der Bergstation bauen sich die Kalkkögel auf, gigantische Felswände, 2.800 Meter hoch. Der Tenor kommt gerne hierher, um abzuschalten. Um die Stille zu genießen. Aber wie singt es sich vor einer Bergwand?

Jodeln Sie eigentlich auch mal?
Ab und zu versuche ich mich daran, aber mehr als eine Jodel-Persiflage kommt dabei nicht heraus. Das richtige Jodeln, also dieser schnelle Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme, ist richtig schwierig und gehört nicht zum normalen Repertoire eines Opernsängers.

Inspiration, Ruhe und Energie findet Paul in den Bergen. Besonders vor Auftritten verbringt er gerne seine Zeit hoch oben.

Was reizt Sie an einer Kulisse wie den Kalkkögeln?

„Hier spüre ich die Verbindung zu meinen Wurzeln,
hier finde ich Inspiration.“

In der Natur zu singen ist generell schön, weil sie ihre eigene Dramaturgie besitzt. Wenn man draußen ist, verändert sich die Stimmung mit dem Tageslicht. Zudem kann man die Szenerie nutzen, um die Inhalte eines Stücks besser zu transportieren. Zum Beispiel habe ich mal ein Dorfplatzlied auf einem tatsächlichen Dorfplatz gesungen. Da entstand eine Stimmung, die in einem normalen Konzertsaal so nicht reproduziert werden kann. Aber das Singen unter freiem Himmel hat seine eigenen Herausforderungen: Es ist anstrengender, weil man lauter singen muss. Und wenn man nicht – so wie jetzt – eine Bergwand vor sich hat, muss man sein eigenes Feedback mithilfe von Lautsprechern erzeugen. Und genau das ist das Besondere an den Kalkkögeln. Die Natur ist hier wie eine Arena – in gigantischem Ausmaß.

Singen Sie eigentlich immer, wenn Sie in den Tiroler Bergen sind?
Eigentlich ja. Im Wald beim Wandern singt es sich übrigens auch sehr gut. In den Bergwäldern hat man eine bessere Akustik, als man erwarten würde. Der Schall wird zwar unregelmäßig von den Baumstämmen reflektiert, aber das sorgt für ein interessantes Klangerlebnis und das innere Ohr stellt sich schnell darauf ein. In den letzten Monaten war ich noch mehr als sonst im Freien unterwegs, auch alle meine Auftritte fanden draußen statt. Meine Stimmbänder haben zwar ein wenig unter der Anstrengung gelitten – aber mir ist noch mal bewusst geworden, wie schön es sein kann, die Natur als Klangraum zu nutzen.

Paul singt nicht nur für Publikum, sondern auch für die Berge.

Wolfgang Westermeier

Wolfgang Westermeier fährt jeden Morgen mit dem Fahrrad ins Büro und liebt es, an den Wochenenden in Tirol neue Dinge auszuprobieren – von Ballonfahren im Winter bis Trailrunning im Wettkampf.

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