Ohne Stau

Aktualisiert am 21.12.2020Gero GüntherGero Günther

Tirol ist von einem dichten Busnetz durchzogen. Auch Wintersportler brauchen kein Auto, um schnell und bequem ans Ziel zu kommen. Wir sind in den Öffis mitgefahren und stellten fest: Die Fahrgäste sind weniger gestresst als in Großstädten. Kein Wunder. Der Berg ist ebenso oft Ziel wie das Büro.

TEXT: GERO GÜNTHER

FOTOS: JÖRG KOOPMANN

Linie J

8.08 Uhr

Viele Busse in Innsbruck verwandeln sich im Winter in Skibusse. Zum Beispiel die J-Linie, gesprochen Je-Linie. Im Zehnminutentakt zirkulieren die Fahrzeuge zwischen dem Patscherkofel, dem Innsbrucker Hausberg im Süden der Stadt, und der Bergbahn unterhalb der Nordkette. „From peak to peak“ steht auf den roten Bussen. An vielen Haltestellen steigen junge Leute mit Brettern ein. Die meisten tragen die Stiefel in einem Beutel mit sich, nur ein paar wenige tragen sie bereits an den Füßen. Einige frühstücken aus knisternden Bäckereitüten, andere holen Obststücke aus mitgebrachten Tupperdosen. Die Benutzung der J-Linie ist für alle Menschen mit Wintersportausrüstung gratis. Deshalb gibt es hier Hinweisschilder, die man in gewöhnlichen Stadtbussen eher selten sieht: „Mit nasser Kleidung nicht auf die Polster setzen“. Viele Fahrgäste tragen Kopfhörer, andere tippen auf dem Handy herum, die meisten sind zu zweit oder in kleinen Gruppen unterwegs. Wenn man die Ohren spitzt, kann man in der J-Linie lustige Sätze aufschnappen. „Nach drei Monaten Atlantikküste“, erzählt ein Mädchen, das sein Snowboard umarmt, als wäre es sein Freund, „waren meine Augenbrauen nicht mehr blond, sondern fast weiß.“ Oder: „Kein Wachs zu haben, fuckt mich voll ab.“

Die eine ins Skigebiet, der andere ins Büro. Der Winter bringt eine bunte Mischung in die Tiroler Busse.

9.00 Uhr

Michelle, 24 Jahre alt, fährt in dieser Woche schon zum dritten Mal in Richtung Patscherkofel. Die Frau mit dem beigen Stirnband studiert im dritten Master-Semester Geografie und Ethnologie in Innsbruck und eigentlich ist sie auch eine fleißige Studentin. Aber zu Semesterbeginn „geht das schon noch“. Michelle ist sich sicher, dass sie im Laufe des Tages viele ihrer Kommilitonen am Patscherkofel treffen wird. „Manchmal geht man auch mal rasch vor der Uni für zwei Stunden auf die Piste“, sagt die gebürtige Allgäuerin. Bergsport als Teil des Alltags. Heute ist Michelle mit ihrer Freundin Saara unterwegs. Die 21-Jährige stammt aus Finnland und arbeitet als Kellnerin in Innsbruck. Zu Hause war Saara eher auf Langlaufskiern unterwegs. „Aber hier macht mir alpines Skifahren total Spaß.“

Michelle und Saara.

9.15 Uhr

An der Talstation der Patscherkofelbahn hat Remo ein paar Minuten Pause. Schnell aufs Klo, schnell ein paar Worte mit Kollegen wechseln. Die JLinie fährt der Busfahrer der Innsbrucker Verkehrsbetriebe am liebsten. „Von der Optik  her eine tolle Strecke“, sagt er: „Eine gute Mischung aus Stadt und Land – und fahrtechnisch anspruchsvoll.“ Es gibt ein paar steile Kurven – „da wird es schon mal brenzlig“ – und dann natürlich die Höttinger Gasse nördlich der Innbrücke. Die mittelalterliche Gasse ist so schmal, dass der Bus nur wenige Zentimeter Platz auf jeder Seite hat. „Die J kriegst du nicht sofort“, sagt Remo. Diese Strecke müssen sich Busfahrer verdienen. 100 Minuten dauert eine komplette Runde. Am Tag schafft Remo das zwei bis maximal drei Mal. Seit acht Jahren arbeitet er als Busfahrer. Angefangen hat er als Student. Mittlerweile hat er seinen Jura-Abschluss in der Tasche – aber das Busfahren macht ihm zurzeit einfach mehr Spaß als ein Bürojob.

In der Höttinger Gasse wird es eng für die J-Linie.

Regionalbus 4166

9.20 Uhr

Einmal pro Stunde fährt der Regionalbus 4166 nach Kühtai. Kurz vor Abfahrt in Innsbruck sitzt bereits ein Dutzend Wintersportler im Bus. Und an jeder Haltestelle werden es mehr. Überall Equipment, Stöcke, Bretter, Taschen, Helme. Anna und Alessa haben riesige Rucksäcke dabei. „Sieht nach einer Expedition aus“, sagt Anna, „dabei sind wir nur einen Tag unterwegs.“ Welche Skitour die beiden Freundinnen heute machen werden, wissen sie noch nicht. Karten werden ausgebreitet, das Internet und der Lawinenwarndienst befragt. Gar nicht so einfach bei den wilden Kurven. 1000 bis 1400 Höhenmeter wollen sie machen. „Wir sind ein bisschen spät dran heute“, sagt Alessa, „es war halt eine spontane Entscheidung“. Die beiden Wahltirolerinnen fahren gerne Bus – auch aus beruflichen Gründen. Anna, 27, ursprünglich aus dem Allgäu, ist Verkehrsplanerin, und Alessa, ebenfalls Deutsche, absolviert in Tirol ein Masterstudium in nachhaltiger Regionalentwicklung. Die 25-jährige Studentin besitzt zwar ein Auto, möchte es aber in Zukunft gerne mit Freunden sharen. „Im Bus ist es viel gemütlicher: Wir können miteinander reden und nebenher noch ein bisschen frühstücken.“ Aber die beiden Expertinnen wissen natürlich, dass die „Öffis“ auch Nachteile gegenüber dem, wie sie wohl sagen würden, Individualverkehr haben können. Wenn man beispielsweise spontan samstags aufbricht, um auf einer Hütte zu übernachten, und nach der Tour feststellt, dass sonntags kein Bus zurückfährt. „Dann muss man halt trampen“, sagt Anna und lacht. „Und klar haben wir auch schon mal den letzten Bus verpasst, und dann stehst du um fünf Uhr abends in Praxmar und weißt nicht, wie du zurückkommen sollst.“ Aber irgendwie geht es ja immer. Als Verkehrsplanerin hat Anna Verständnis für solche Unwägbarkeiten. „Die Taktung ist eine Kostenfrage“, sagt Anna. „Wenn man sieht, wie leer die Busse in den Seitentälern oft sind, weiß man, wie schwer es ist, das Angebot noch weiter zu verbessern.“ Aber jetzt hält der 4166er erst mal in St. Sigmund – und Anna und Alessa steigen aus.

Kühtai: Aus dem Bus auf die Piste.

Bushaltestelle im Kühtai.

Anna und Alessa.

Linie J

9.45 Uhr

Stephan und seine sechsjährige Tochter Anna stehen an der Bushaltestelle vor dem Hotel in Igls, wo sie seit fünf Tagen wohnen. Die kurze Wartezeit stört sie nicht, denn sie wissen: Das hat alles schon seinen Sinn! Die beiden leben in Berlin und haben bei der Planung der Reise in die Natur auf Umwelt- und Klimaschutz geachtet. „Öffentliche Verkehrsmittel sind für solche Urlaube einfach die beste Lösung“, sagt Stephan. Außerdem hat der 50-Jährige keine Lust auf Staus und Fahrstress. „Ich hab ein besseres Gefühl, mit Zug und Bus zu reisen.“ Für Igls als Reiseziel hat Stephan sich auch wegen der guten Anbindung entschieden. Die „Öffis“ als Standortfaktor. Aber jetzt müssen die beiden weiter. Annas Skikurs beginnt, dann hat ihr Vater drei Stunden für sich: „Ich bin kein guter Skifahrer, aber ich genieße die Zeit hier.“ Und wenn es stürmt oder regnet? Dann nehmen die beiden die J-Linie nach Innsbruck und gehen ins Café Sacher.

Anna und Stephan.

Regionalbus 4166

10.12 Uhr

An der Endstation steigt Waclawa aus dem Bus. In kürzester Zeit hat das Gebläse eines Schneeräumgeräts ihre Jacke mit feinen Flocken bestäubt. Willkommen in Kühtai! Die 55-jährige Maschinenbauingenieurin mit der grauen Mähne kommt aus Hannover und besucht ihre Tochter in Innsbruck. Vor drei Tagen ist die gebürtige Pragerin mit dem Nachtzug angereist. „Wenn meine Tochter tagsüber Termine hat, gehe ich Ski fahren“, sagt sie. Und kann meine Zeit optimal nutzen.“

Waclawa.

Linie J

11.20 Uhr

Severin hat es eilig: „Ich muss zur Uni.“ Der Vormittag hat sich für den 23-jährigen Deutschen aber auf jeden Fall gelohnt. „Ich hab den 8.30-Bus genommen, um die erste Gondel an der Nordkette zu kriegen“. Severin, rosa Hipstermütze, Schnurrbart, strubbelige Haare, studiert in Innsbruck Sport und Englisch auf Lehramt. Nebenher ist er auch als Instagramer und YouTuber aktiv. Die „Öffis“ ermöglichen ihm die Vereinbarkeit von Studium und Sport: „Die J-Linie kommt alle zehn Minuten, und fährt immer genau auf die Gondel.“ An den Wochenenden arbeitet Severin als Barkeeper in einem Schweizer Skiort, auch dorthin pendelt er mit dem Zug. Ein Auto besitzt er nicht. Am liebsten fährt er Fahrrad oder Skateboard.

Severin.

Regionalbus 4196

11.45 Uhr

Ruhe jetzt! Ali hat Pause. In ein paar Minuten wird der 45-Jährige den Motor anlassen und den Bus 4196 sicher über Ötz zurück nach Imst fahren. Seit 2002 arbeitet er als Fahrer – hat Lkws gelenkt und noch öfter Busse, immer on the road. Die Schönheit der Landschaft nimmt er nur in den Pausen wahr. „Man muss auf diesen Bergstraßen gut auf die Autofahrer aufpassen“, sagt Ali. Besonders auf jene, die weniger Erfahrung in den Bergen haben. Mit dem Schnee, der Glätte, den Lichtverhältnissen. Manche der Busse, die durch Tiroler Täler fahren, haben schon 1,5 Millionen Kilometer absolviert. „Aber die werden halt in unserer Werkstatt gut gepflegt“, sagt er. Im Winter hat er fast immer Ketten drauf. Schließlich schraubt sich seine Route bis auf 2.000 Meter über dem Meer hinauf.

Ali.

Vom Innsbrucker Hauptbahnhof aus starten die Busse in die umliegenden Skigebiete.

Regionalbus 4166

11.45 Uhr

Florian steht etwas verloren an der Bushaltestelle in Gries und wartet auf den Bus nach Innsbruck. Der 22-Jährige hat seine knallrote Skihose bis unter das Knie hochgekrempelt und hört Musik aus dem Handy. Er war heute einer der Ersten am Lift in Kühtai: „Ich wollte mir das nicht nehmen lassen bei dem Schnee da oben.“ Noch ein bisschen high von der Abfahrt stieg er dann in den falschen Bus und muss jetzt noch mal umsteigen. Die Ersten werden die Letzten sein. Florian kommt aus Regensburg und studiert im zweiten Semester Psychologie und Wirtschaft in Innsbruck. „Von meinem Studentenwohnheim fährt alle paar Minuten ein Bus in ein Skigebiet.“ Oder anders: Es gibt hier eine Direktverbindung aus dem Alltag ins Abenteuer. Obwohl, manchmal erlebt man auch beim Busfahren etwas. „Neulich hat es in einem Bus zu rauchen begonnen“, sagt Florian. „Es qualmte unter den Sitzen raus und hat gestunken. Der Fahrer ist dann im Schritttempo weitergefahren.“ Angekommen ist Florian trotzdem. Und dann ging es auf den Berg.

Florian.

Linie J

15.38 Uhr

Runterkommen. Weitermachen. Im Bus zurück in die Stadt unterhalten sich ein paar Snowboarder laut in australischem Englisch. „A year ago we were in the States. Traveling, snowboarding. DJing“, sagt der große Bärtige zu einem Mädchen mit schwarzen Zöpfen. Sein Kumpel fällt ihm gemeinerweise in den Rücken: „His music is really shitty Techno stuff.“ Und dann tauschen die drei Partygeschichten aus. „We were so drunk, that at one time we were all literally under the table.“ Von weiter vorn im Bus hört man: „Mamaaaaa, die Esther hat mich in den Bauch geboxt.“

Regionalbus 4166

16.15 Uhr

Georg und Edda strahlen. Er mit rötlichem Wikingerbart, sie im dicken Rollkragenpulli. Die beiden Norweger kommen gerade von einer mehrtägigen Tour zurück. Drei Tage haben sie auf der Pforzheimer Hütte verbracht. 2.308 Meter über dem Meeresspiegel. Georg, 24, und Edda, 23, leben seit einigen Monaten in Freiburg im Breisgau und sind mit dem Zug nach Österreich gefahren. Ski und Bahnticket, mehr braucht man nicht. Das hat sie überrascht. Es war der erste Besuch der beiden Skandinavier überhaupt in den Alpen. Ein großes Abenteuer. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum die beiden die einzigen Passagiere im Bus sind, die sich angeschnallt haben.

Edda und Georg.

Gero Günther

Je öfter Gero Günther nach Tirol fährt, desto mehr ziehen  ihn das Bundesland und seine illustren Bewohner in seinen Bann. Dabei schaut sich der Journalist und Autor genauso gern in Buchhandlungen, Cafés und Ateliers um wie in einsamen Seitentälern, auf Almweiden oder in Kuhställen.

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