Make Schneemann great again

Aktualisiert am 21.01.2021Pauline KrätzigPauline Krätzig

Vom Buhmann zur Kultfigur zum Klimaopfer: Der Schneemann ist ein fragiles Geschöpf, und doch begleitet und beschreibt er seit Jahrhunderten unser Leben und Denken. Die kleine Kulturgeschichte einer bedrohten Spezies.

TEXT: PAULINE KRÄTZIG

FOTOS: JAKOB SCHMITT

Im Winter 2008 häuften sechzig Einwohner von Bethel, einer Stadt im US-Bundesstaat Maine, mit Baggern und Kranen einen historischen Rekord auf: Aus mehr als 4.000 Tonnen Schnee entstand eine 37 Meter hohe „Figur“: zwei Nadelbäume dienten als Arme, sechs alten Autoreifen bildeten den Mund, zwei Kränze die Augen und acht Paar Ski die Wimpern. „Olympia, Queen of the Mountain“ thronte mehrere Monate über der Stadt, bis sie sich langsam verflüssigte. Bis heute ist sie die höchste Schnee-Figur, die jemals gebaut wurde. Der größte Schneemann der Geschichte ist eine Frau.

Seitdem gab es nur noch Schneemann-Negativrekorde: 2016 bauten kanadische Wissenschaftler etwa einen Nano-Mann, der Kopf an Kopf liegend 20 Mal in eine Haaresbreite passte und nur dank Ionenlaser ins Mikroskop grinste. Der „Schneemann“ bestand aus Siliciumdioxid, sprich Quarz. Und auch außerhalb der Labore geht den Bau-Damen- und Herren der Stoff aus – denn seit zehn Jahren wird jedes Jahr zum schneeärmsten und wärmsten seit Wetteraufzeichnung ernannt. Auch in Tirol haben es Schneemann-Fans nicht leicht. Doch kein verspäteter Wintereinbruch, kein Tauwetter, keine globale Erwärmung hält uns davon ab, Schneemänner und -frauen zu bauen – sei es aus Quarz, Sand, Heuballen, Marzipan, Marshmallows, Melonen oder Seeigeln. Die Faszination für drei Kugeln mit Gesicht dauert schon Jahrhunderte an.

Die Geschichte des Schneemanns ist Jahrhunderte alt. Heute begegnet man ihm in Tirol auch mit zeitgenössischer Kopfbedeckung.

Die Geschichte des Schneemanns ist Jahrhunderte alt. Heute begegnet man ihm in Tirol auch mit zeitgenössischer Kopfbedeckung.

Wie die Schneefigur im Lauf der Zeit daherkam und daherkommt, erzählt immer auch etwas über das Verhältnis des Menschen zur Natur. Was sagt es uns, dass dieser hier zwar gut aussieht, aber gar nicht aus Schnee ist?

Wie die Schneefigur im Lauf der Zeit daherkam und daherkommt, erzählt immer auch etwas über das Verhältnis des Menschen zur Natur. Was sagt es uns, dass dieser hier zwar gut aussieht, aber gar nicht aus Schnee ist?

Der Schneemann ist nicht nur ein großer Kinderspaß, sondern auch eine 3-D-Metapher, anhand der sich die Menschheitsgeschichte vom Mittelalter bis in unsere Moderne verfolgen lässt. Zeit und Zeitgeist spiegeln sich in seiner Darstellung wider – „wie ein tiefgefrorener Forrest Gump“, findet der amerikanische Autor Bob Eckstein, der für seine History of the Snowman monatelang in Bibliotheken und Archiven wühlte. Gar nicht so leicht, dieses flüchtige Kulturgut einzufangen.

Wann genau der erste Schneemann gebaut wurde, weiß kein Mensch. Einer der ersten Menschen, der einen baute, war ein Genie: In Florenz hatte es im Januar 1494 heftig geschneit und auf Wunsch des Stadtherren Piero de’ Medici sollte der damals 19-jährige Michelangelo eine Figur aus Schnee formen. Leider ist nicht überliefert, wie diese aussah, man kann aber davon ausgehen: Sie war formvollendet. In den folgenden Jahrhunderten nimmt der Schneemann langsam auch auf dem Papier Gestalt an – nicht immer als positiv besetzte Figur. In Shakespeares „Richard II“ (1597) wollte der König wie „ein gekrönter Schneemann“ im Boden versinken, nachdem man ihn zum Rücktritt genötigt hatte. 1767 verglich der Schriftsteller Christian Felix Weiße den Schneemann in einem Kinderreim mit einem eitlen Fatzke: mehr blendender Schein als geistreiches Sein. Am häufigsten jedoch tauchte der Schneemann damals in der Kunst und in den Köpfen der Menschen als personifizierter Winter auf – ließ nicht als netter Kugelstapel kleine Kinderaugen leuchten, sondern peitschte als Unwesen mit bedrohlicher Miene ein Bündel Reisig durch die Luft. Damals herrschte in Europa ein entfernter Verwandter unserer aktuellen Klimakrise: die Kleine Eiszeit, deren Name verniedlicht, dass fast 700 Jahre lang harte Winter und nasskalte Sommer großen Hunger und Seuchen, Kriege und Revolutionen verursachten. Kein Wunder, dass sich die Menschen damals nicht auf die kalte und stille Jahreszeit freuten. Auf einem Druck von 1778 ließ der Kupferstecher Daniel Chodowiecki vier Kinder den menschgewordenen Winter mit Schneebällen bewerfen. Im Alpenland zogen die Menschen mit dämonischen Masken und Schellen durch die Dörfer, um den eiskalten Tod zu vertreiben.

Bevor der Schneemann als sympathischer Kugelhaufen Kinderaugen leuchten ließ, peitschte er als bedrohliches Unwesen ein Bündel reisig durch die Luft.

Bevor der Schneemann als sympathischer Kugelhaufen Kinderaugen leuchten ließ, peitschte er als bedrohliches Unwesen ein Bündel Reisig durch die Luft.

Während früher die Menschen den eiskalten Tod mit Masken und Schellen vertrieben, scheint dieser Genosse eher auf den nächsten Wintereinbruch zu hoffen.

Während früher die Menschen den eiskalten Tod mit Masken und Schellen vertrieben, scheint dieser Genosse eher auf den nächsten Wintereinbruch zu hoffen.

Als die Kleine Eiszeit zu Ende ging, nahm auch der Schneemann langsam freundlichere und weichere Züge an. Zur Zeit des Biedermeier Anfang des 19. Jahrhunderts schotteten sich Bürgerfamilien im trauten Heim und kleinen Glück gegen jegliche Stressfaktoren ab – und entdeckten ihren Sinn für die Natur. Die Kunst schuf ästhetische Motive wie unberührte Schneefelder und Eisblumen, die wir noch heute als romantisch, rührend und schön empfinden. 1860 zeichnete der Illustrator Gustav Süß den Schneemann zwar noch mit martialischem Bismarck-Schnauzer, doch schon von fröhlichen Kindern umgeben. Nach den Weltkriegen verlor der Winter dank neuen Technologien wie Heizsystemen und Nahrungskonserven endgültig seinen Schrecken. Der Schneemann wurde zum Inbegriff winterlicher Vergnügungen und heimeligen Familienfriedens. Steht am Rande oder im Zentrum von Schneeballschlachten, Schlittenfahrten, Eislaufpirouetten. Zwischen roten Bäckchen, Atemwolken und Zungen, die nach Flocken schnappen.

Nach den Weltkriegen wurde der Schneemann zum Inbegriff winterlicher Vergnügungen und heimeligen Familienfriedens – die Karotte im Gesicht blieb als letzte Reminiszenz an die Nähe zur bäuerlichen Vorratskammer bis heute erhalten.

Nach den Weltkriegen wurde der Schneemann zum Inbegriff winterlicher Vergnügungen und heimeligen Familienfriedens – die Karotte im Gesicht blieb als letzte Reminiszenz an die Nähe zur bäuerlichen Vorratskammer bis heute erhalten.

Schneemann, Schneefrau, Schneeperson? Genderfragen gegenüber ist die Schneefigur heute natürlich aufgeschlossen. Hauptsache, die Kinder mögen sie!

Schneemann, Schneefrau, Schneeperson? Genderfragen gegenüber ist die Schneefigur heute natürlich aufgeschlossen. Hauptsache, die Kinder mögen sie!

Ein derart beliebtes Objekt schreit ja förmlich nach mehr Publicity und wirtschaftlicher Verwertung. Der Schneemann wurde zu einem beliebten Kinderbuch-Helden. Postkartenverlage ließen ihn Weihnachts- und Neujahrsgrüße überbringen – klassisch auf Eis, ab den 50ern auch kess am Strand unter Bikinimädchen. Und genau wie der Heilige Nikolaus zum Werbeträger wurde, verkaufte auch der Schneemann bald Bonbons, Gurken und Tempo-Taschentücher. Er war und ist nach wie vor einfach für alles und in allen möglichen Varianten zu haben: als Christbaumschmuck, Seife, Kerze, Krawatte und Serviettenhalter. Natürlich brilliert der Schneemann auch auf Leinwand – außer im Splatter-Horror-Film „Jack Frost“, in dem er wahllos um sich killt und eine Frau in der Badewanne vergewaltigt, bis ihm die Karotte aus dem Gesicht poppt. In den meisten Animationsfilmen und Komödien erwacht der Schneemann zum Leben, erlebt Abenteuer und schmilzt, sobald die Moral der Geschichte erscheint – nur der Disney-Schneemann Olaf erhielt im zweiten Teil der „Frozen“-Films eine Dauerfrostbehandlung und ist fortan unzerstörbar.

Der Schneemann bedroht die Menschheit nicht mehr, er ist selbst bedroht, ein Opfer der Erderwärmung. Doch gerade, wenn er in Zukunft seltener auftreten wird: Er erinnert uns an die Kraft des Winters.

Der Schneemann bedroht die Menschheit nicht mehr, er ist selbst bedroht, ein Opfer der Erderwärmung. Doch gerade, wenn er in Zukunft seltener auftreten wird: Er erinnert uns an die Kraft des Winters.

Auch, wenn dieser Schneemann an seine Herkunft aus der Welt der Ungeheuer erinnern mag: Man muss ihn einfach mögen. Oder?

Auch, wenn dieser Schneemann an seine Herkunft aus der Welt der Ungeheuer erinnern mag: Man muss ihn einfach mögen. Oder?

Im 21. Jahrhundert hat der Schneemann zwangsläufig eine weitere Symbolfunktion inne: Sein Schmelzkörper und dessen Überreste stehen für den gegenwärtigen Klimawandel wie der Eisbär auf der immer kleiner werdenden Scholle. Der Schneemann bedroht die Menschheit nicht mehr, er ist selbst eine bedrohte Spezies – ein Opfer der Erderwärmung. Nicht einmal am Welttag des Schneemanns, dem 18. Januar, gibt es in den Alpen eine Schnee-Garantie. Der moderne Schneemann muss aber kein Opfer sein, sondern könnte wie die Friedenstaube ein Wahrzeichen für den Weltfrieden werden! Oder zumindest für ein nachhaltigeres Leben zu stehen. Denn jeder mag den Schneemann. Jeder. Kein Wunder, dass wir ihn uns sofort zur Gesellschaft machen, sobald der erste Schneefilm liegen bleibt. Diese Figur ist einfach leicht zu mögen: Der Schneemann kann männlich, weiblich, divers, Putzmann, Baulöwin, Einhorn sein. Er kennt keine Vorurteile und diskutiert grundsätzlich nicht über Religion, Politik, Lebensmittelunverträglichkeiten und die aktuelle Freundin von Til Schweiger. Überhaupt ist er angenehm schweigsam und ein geduldiger Zuhörer. Ethnien und Hautfarben sind dem Schneemann völlig egal – er selbst ist nur im Schein weiß, im Umkreis von Auspuffen wird er schwarzbraun, im Abendlicht golden, im Schatten blau. Apropos blau: Alkohol stellt er höchstens für andere kalt. Er raucht nicht einmal mehr Pfeife, der Gute, und als Gesichtsausdruck dienen ihm anstatt von Kohlebriketts heute Schneemann-Baukastenteile aus umweltneutralem Vliesstoff. Den neuesten Apple braucht er nicht, der Schneemann mag viel lieber Karotten. So mustergültig kann kein Mensch, auch keine Turteltaube, jemals sein.

Dass der Schneemann keine Sonne mag, ist nur die halbe Wahrheit. Zumindest für die Schneebeschaffenheit, die für besonders prächtige Exemplare nötig ist, tut ein wenig wärmende Strahlung eher gut.

Dass der Schneemann keine Sonne mag, ist nur die halbe Wahrheit. Zumindest für die Schneebeschaffenheit, die für besonders prächtige Exemplare nötig ist, tut ein wenig wärmende Strahlung eher gut.

Es lohnt sich also, für den Schneemann zu kämpfen: Im steierischen Skigebiet Riesneralm wurde im Februar 2020 mit allen Mitteln (Schneekanonen, Bagger, Hochleistungsfräse) und ein bisschen Mode-Schummelei (6-Meter-Hut) ein neuer Rekord-Schneemann erbaut. Er war 38,04 Meter groß, wog aber nur noch ein Siebtel von Snow-Superwoman Olympia. Die Tiroler Tageszeitung prämiert auch weiterhin den schönsten Schneemann der Saison. Und überall in Tirol schichten und schaufeln und schieben die Menschen jedes Jahr Schneemassen zu Touristenattraktionen auf. Denn wie traurig wäre der Winter, wenn keine Schneeflocke mehr ihren Sinkflug überlebte und uns von Höfen, Wiesen, Einfahrten und Verkehrsinseln keine drei Schneekugeln mit Gesicht mehr zulächelten. Allein, um uns dieses Lächeln zu bewahren, sollten wir alles für ein gesundes Weltklima machen. Make Schneemann great again.

Wie traurig wäre der Winter, wenn keine Schneeflocke mehr ihren Sinkflug überlebte und uns keine Schneekugeln mit Gesicht mehr zulächelten? Eben …

Wie traurig wäre der Winter, wenn keine Schneeflocke mehr ihren Sinkflug überlebte und uns keine Schneekugeln mit Gesicht mehr zulächelten? Eben …

Pauline Krätzig

Pauline Krätzig schreibt am liebsten über Menschen – deren Kultur, Geschichte(n) und Traditionen. Davon gibt es in Tirol jede Menge. Und verdammt guten Latschenlikör.

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2 Kommentare

Walter Gebhard

Hallo nach Tirol,

ich bin begeistert über die schönen Beiträge in der außergewöhnlichen Zeit.
Vielen Dank und herzliche Grüße aus D vom Bodensee.
Wir sehen uns wieder,
Walter Gebhard

Ismaela Brux

Lieber Walter,
es freut uns sehr, dass dir unsere Beiträge so gut gefallen. :-)
Wir hoffen auch auf ein baldiges Wiedersehen im schönen Tirol!
Ganz liebe Grüße,
Ismaela

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