Alles im Blick

TEXT Maximilian Gerl

FOTOS Peter Neusser

Wer vorübergeht, übersieht sie oft. Wer sich niederlässt, erlebt einen Kurzurlaub. Die Bankerl vor dem Haus oder auf dem Dorfplatz sind ein zentraler Ort der Dorf- und Stadtlandschaft. Hier erzählen Tiroler, Zugereiste und Reisende von ihrem Lieblingsplatz.

Ferdinand Hummel, Patsch

Die Hühner laufen frei herum, nur ein paar Meter weiter rauschen die Autos über die Landstraße. „Überfahren wurde noch keins“, schmunzelt Ferdinand Hummel. Und wenn doch mal ein Tier in Gefahr geraten sollte, würde Hummel es von seinem Bankerl aus als Erster merken. Ein echter Logenplatz, unten fließt die Sill durchs Tal, ringsum recken sich Gipfel. Hummel war Viehbauer. Heute führen Tochter und Schwiegersohn den Hof. Der 94-Jährige schaut jetzt den Autos nach, die vorbeiziehen. Oder er geht spazieren am Waldrand. Seine Bank steht auf der Südseite. Wenn der Wind arg geht, setzt sich Hummel einfach um: auf die Bank hinterm Haus. Dort gibt es keine Sicht auf Straße und Hühner. Dafür sieht er die Berge besser.

 

Herlinde Meindl, Innsbruck Hofgarten

Im Teich schwimmen Enten oder putzen sich am Ufer das Gefieder. Manchmal weht der Wind auch Gitarren- oder Geigenklänge vom nahen Musikpavillon herüber. „Ich bin gerne in der Natur“, sagt Herlinde Meindl. Vor allem im Sommer ist die 55-Jährige deshalb viel unterwegs, am Berg, auf Almen oder an Seen. Ein grüner Platz aber ist unschlagbar schnell zu erreichen: der Weiher im Innsbrucker Hofgarten. Zehn Minuten braucht sie von ihrer Wohnung nur. Und sitzt einmal in der Woche hier und denkt eigentlich an gar nichts. „Ich will die Natur genießen, wie sie ist“, sagt sie: die Vögel, das Wasser, die Ruhe. Bis zu anderthalb Stunden bleibt sie hier oft sitzen. „Danach fahre ich nach Hall, meinen Mann im Heim besuchen.“

 

Anna Werth, Innsbruck Hungerburg

Dreimal die Woche ist sie mit ihrem Rad unterwegs. Manchmal landet Anna Werth dann auf dieser Bank an der Hungerburg, von wo man ganz Innsbruck überblickt. Gleich gegenüber: die futuristische Haltestelle der Nordkettenbahn. „Das ist mein Hausberg“, sagt Werth, „ich wohne im Westen von Innsbruck, die 5 Kilometer da herauf bieten sich einfach an.“ Die 28-Jährige studiert Rechts-wissenschaften, das bringt lange Tage in der Bibliothek mit sich. Der Rennradsport ist eine willkommene Abwechslung. „Wenn ich nicht an die frische Luft und aufs Radl komme, ist der Tag wesentlich anstrengender“, sagt Werth. Und wenn sie mal nicht hier an der Hungerburg sitzt? „Dann suche ich mir unterwegs eine Bergbank. Bissl in die Gegend schauen.“

 

Veronika & Leopold Siebertz mit Emilia, Paulina und Leni, Leutasch, Moos

Der Lieblingsplatz von Familie Siebertz ist diese alte Bank vor dem Haus. „Sie wurde von einem alteingesessenen Mooser mit Holznägeln gebaut“, erzählt Veronika Siebertz. Die Siebertz leben in München, aber so oft sie können, fahren sie in ihr altes Bauernhaus in Moos. Leopolds Vater hat es vor Jahrzehnten gekauft und restauriert. Zu jeder Tageszeit sitzt die Familie auf dem Bankerl vor dem Haus, ruht sich aus, macht Brotzeit, ist einfach da. Ein mobiles Tischlein bietet Platz für Geschirr. „Man hat von hier alles unter Kontrolle“, sagt Leopold, „man sieht, wer kommt, wer geht.“ Oft bleiben Passanten und Nachbarn zum Ratschen stehen. „Man ist nie allein, wenn man draußen sitzt.“

 

Schwester Bernaud, Christine Schobel & Schwester Elisabeth, Leutasch Kirchplatzl

Ein besonderer Ort. Seit Jahrzehnten fahren die Kreuzschwestern Bernaud (l.) und Elisabeth (r.) auf Sommerfrische ins Leutaschtal. „Die kennen jeden Bergweg“, bestätigt Christine Schobel. „Da kann eine Wienerin wie ich nur andächtig zuhören, wo die schon rumgeklettert sind.“ Schwester Elisabeth sagt: „Alle Höhen.“ Schwester Bernaud sagt: „Und alle Tiefen.“ Gelächter. Schobel bezeichnet sich als „Halbschwester“, die im Kloster Anerkennung finde. Den Urlaub verbringen sie mit „andächtigem Wandern“ und „Steine klauben, Wurzelchen begutachten, Blümlein anschauen“. Und: „jedes Bänklein benutzen“. Manchmal haben sie das Gefühl, dass sie darüber fast ein Buch schreiben könnten: „Über das Sitzgefühl jeder Bank in Leutasch.“

 

Michelle Schmidsberger & Elvis Arzîc, Innsbruck Hofgarten

Wenn der Nachwuchs kreischt, haben die Eltern ein wenig Zeit für sich. Michelle Schmidsberger und Elvis Arzîc wohnen mit ihren beiden Kindern in der Innenstadt. Der Spielplatz im Hofgarten, sagt Schmidsberger, „ist der ruhigste Platz, den wir in Innsbruck finden konnten.“ Etwa dreimal im Monat kommen sie hierher, seit acht Jahren – seit der Geburt des ersten Kindes. Seitdem verfolgen sie von ihrem Stammplatz, wie die Kleinen immer größer werden. „Die Zeit geht so schnell vorbei“, sagt Schmidsberger. Arzîc nickt. Manchmal kommt er auch mit seinem Vater in den Hofgarten: Ein paar Meter weiter ist ein Schachbrett auf den Boden gemalt, sie spielen mit den übergroßen Figuren. „Die letzten 15 Jahre habe ich meistens verloren“, sagt Arzîc. Langsam werde es aber besser.

 

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