Wie alt bist du, Alm?

WOLFGANG WESTERMEIER

DAVID SCHREYER

In Tirol gibt es Almen, die Jahrhunderte alt sind. Aber woran erkennt man, ob eine Alm wirklich schon stand, als die Dampfmaschine noch nicht erfunden und Amerika noch nicht entdeckt war? Wir haben den Historiker Dr. Thomas Bertagnolli gefragt, der seit 20 Jahren der wissenschaftliche Leiter am Museum Tiroler Bauernhöfe in Kramsach ist.

Herr Dr. Bertagnolli, wie alt ist der älteste Bauernhof, den Sie in Tirol kennen?

Das wäre ein Bergbauernhof in Hart im Zillertal, der aus dem Jahr 1200 stammt.

Der steht noch?

Ja, Teile der ursprünglichen Struktur sind immer noch vorhanden. Aber natürlich wurde der Hof im Laufe der Jahrhunderte umgebaut und erweitert. Jeder Hof verändert sich zusammen mit den herrschenden sozialen und wirtschaftlichen Umständen.

Woher weiß man dann, wie alt der Hof ist?

Es existieren zwei sehr wissenschaftliche Ansätze, um herauszufinden, wie alt eine bestimmte Struktur ist: Die Dendrochronologie und die Radiokarbonmethode. Mit beiden Methoden lässt sich sehr genau ermitteln, wie alt ein Stück Holz ist. Es gibt da aber einen kleinen Haken.

Einen Haken?

Es kann passieren, dass genau jenes Detail, das man untersucht, nicht für den ganzen Hof gültig ist. Holz ist ja ein Baustoff, der weiterverwendet wird – vielleicht war mein Balken vorher ein Stadl oder ein Unterstand. Deshalb betreiben wir immer auch Urkundenforschung: Der Bergbauernhof im Zillertal lässt sich auf diese Weise bis auf das Jahr 1200 zurückverfolgen.

In Tirol gibt es Almen, die vor mehr als 500 Jahren gebaut wurden.

Die Radiokarbonmethode lässt sich nur schwer in den Rucksack packen. Gibt es eine Möglichkeit, als unbedarfter Wanderer einzuschätzen, wie alt etwas ist? Ich stehe immer wieder vor einer Alm und frage mich, ob die jetzt 20, 100 oder 500 Jahre alt ist.

Da lohnt es sich zunächst, den gesamten Baukörper zu betrachten: je rudimentärer, archaischer eine Alm ist, desto älter dürfte sie sein. Auch ein Blick auf die Fenster kann viel verraten: Fensterglas im herkömmlichen Sinne wurde erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts produziert und war sehr teuer. Davor waren Fenster nur kleine Löcher, die man mit Stroh zugestopft hat. Also: kleine Fenster, alte Alm.

Aber wenn eine Alm heute noch genutzt wird, wurde sie höchstwahrscheinlich auch mal modernisiert.

Das stimmt. Almen sind schließlich Zweckbauten: Sie werden nur kurzfristig bewohnt und während dieser Zeit steht die Arbeit im Vordergrund. Dass laufend Veränderungen an ihnen gemacht werden, ist da selbstverständlich. Mit ein bisschen Übung lässt sich trotzdem viel über ihr Alter herausfinden, zum Beispiel, wenn man sich den Boden oder auch die Balken ansieht.

Was verraten die einem?

Wenn die Bodenbretter echt massiv sind – also mehrere Zentimeter dick– kann man davon ausgehen, dass sie sehr alt sind. Die Balken muss man sich auch genau ansehen: Sind die noch von Hand mit einem Beil bearbeitet oder wurden sie bereits gesägt? Und man kann nach Spuren des Belebens Ausschau halten. Ich freue mich zum Beispiel immer sehr, wenn ich Pflockungen sehe.

Pflockungen?

Kleine Löcher im Türrahmen, in die man Segenssprüche gibt, und die man mit einem Stock wieder zupflockt. Sie sollen dafür sorgen, dass das Böse draußen bleibt. Spuren dieser Art findet man häufiger: Auf den Almen waren die Menschen ja oft über lange Zeiträume alleine. Was macht man da die ganze Zeit? Man verewigt sich, zum Beispiel mit einer kleinen Schnitzerei.

Im Jahr 1212 wurde der Komplex im Nationalpark Hohe Tauern, am Ende des Osttiroler Defereggentals erstmals urkundlich erwähnt.

Und wie erkenne ich, wenn die Alm nur so tut, als wäre sie alt? Diese Versuche gibt es ja öfter. 

Ja, oft wird probiert, Alterungsspuren durch technische Hilfsmittel zu erzeugen. Die Löcher, die der Holzwurm hinterlässt, lassen sich zum Beispiel mit Hilfe einer Lötlampe nachmachen. Wer genauer hinsieht, erkennt aber die künstliche Regelmäßigkeit daran. Außerdem kann man darauf achten, wie präzise alles verarbeitet ist: Wenn die Verzinkungen perfekt passen, müssen sie mit Maschinen hergestellt worden sein. Manchmal ist es aber gar nicht so einfach, alt und neu zu unterscheiden.

Warum?

Altholz ist ein begehrter Rohstoff. Wenn eine Alm oder ein Stadl nicht mehr genutzt wird, werden sie oft abgetragen und das Holz für neue Gebäude oder Möbel weiterverwendet. Das passiert auch mit geschmiedeten Beschlägen und Scharnieren.

Jahrhundertealte Almen verschwinden, damit ein Neubau urig wirken kann.

Richtig. Aber es ist auch schwierig: Viele Strukturen werden heute einfach nicht mehr gebraucht. Wenn ein Unterstand ungenutzt herumsteht, verfällt er und verschwindet eben auf diese Weise. 

Finden Sie das problematisch?

Sehr. Wenn die regionale Baulandschaft verschwindet, geht damit auch ein Stück Kulturlandschaft verloren. Damit ist man eigentlich bei einem Ausverkauf der eigenen Kultur. Wo es keinen Objektschutz gibt, wird schlichtweg gewinnmaximierend gebaut, die Architektur wird so austauschbar und die Regionalität verschwindet.

Der Zustieg zur Bodenalm in den Zillertaler Alpen ist spektakulär: Abschnittsweise geht es über Steinstufen, die grob in den Fels gehauen wurden.

Gute Chancen also, dass man im Museum Tiroler Bauernhöfe demnächst auch ein paar Almen finden wird?

Unsere Möglichkeiten sind leider beschränkt. Zum einen kostet es natürlich einiges, diese Almen vor der Zerstörung zu bewahren. Zum anderen haben wir nicht unbegrenzt Platz. Aber zwei Almen kann man bei uns bereits besichtigen: Eine aus dem Zillertal und eine Voralm aus der Wildschönau.

Zum Abschluss: Ihr persönlicher Lieblingsbauernhof in Tirol?

Da gibt es viele, aber einen mag ich ganz besonders: Ein fantastischer Hof in Brandenberg, gleich am Ortsanfang. Von außen ist er wunderschön bemalt, insgesamt wurde er sehr behutsam hergerichtet. Die Familie, die den Hof bewohnt, verzichtet sogar auf eine Zentralheizung – das muss man sich mal vorstellen. Ich finde es immer toll, wenn so alte Gebäude nach wie vor genutzt werden, ohne dass man die alten Strukturen komplett zerstört.

Weil früher im Tal nicht genug Futter gewonnen wurde, mussten die Bauern die Weidewirtschaft auf die Hochgebirge ausweiten.

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