Alm, Älter, am Ältesten

Wolfgang Westermeier

David Schreyer

In Tirol gibt es Almen, die vor mehr als 500 Jahren gebaut wurden. Diese Ur-Berghöfe sind Spuren eines Lebens in den Alpen, das es so heute kaum noch gibt. Eine Entdeckungsreise zu fünf Orten, an denen die Zeit scheinbar stillsteht.

Stettauer Alm | Inneralpbach

Bei vielen der Ur-Almen lässt sich das ursprüngliche Baudatum nicht mehr genau bestimmen – zu viele Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Die Stettauer Alm bei Alpbach ist so ein Fall. Als gesichert gilt jedoch, dass sie zwischen 400 und 500 Jahre alt ist. Weil früher im Tal nicht genug Futter gewonnen wurde, mussten die Bauern die Weidewirtschaft auf die Hochgebirge ausweiten. Ein paar sogenannte Heimkühe blieben im Tal, das restliche Vieh verbrachte die Sommermonate auf den Almen. Auf diese Weise entstand über Jahrhunderte die für die Alpenregion charakteristische Kulturlandschaft. Bis heute erfüllt die Stettauer Alm ihren ursprünglichen Zweck und beherbergt Milchkühe. Überhaupt hat sich nicht viel verändert: Sogar das alte Schindeldach existiert noch, das von Bruchsteinen statt von Nägeln zusammengehalten wird. Das uralte Bauwerk kann bei einer gemütlichen Wanderung aus der Nähe besichtigt werden: Von Inneralpbach aus der Beschilderung Richtung Galtenberg folgen, aufwärts bis zum Alplkreuz, dann über die Stettauer Alm hinab zum Ausgangspunkt. Auf dem Rückweg öffnet sich die Landschaft, und es bietet sich eine gewaltige Aussicht auf das Alpbachtal und den Gratlspitz.

Eine Milchkuh verlässt den niedrigen Stall. Weil das Material mühsam auf den Berg geschafft werden musste, baute man Almen stets so klein wie möglich.

Hochstallalm | Bächental

Pferde- und Stieralmen findet man nur noch vereinzelt in den Alpen. Auf dem Hochleger der Hochstallalm im Bächental direkt an der deutsch-österreichischen Grenze ist in diesem Sommer trotzdem ein sanfter Brauner zu Gast. Sonst gibt es auch hier hauptsächlich Milchkühe. Die Alm im Bächental ist gut 300 Jahre alt. Wie bei vielen Tiroler Almen gibt es auch hier ein Hauptgebäude in höheren Lagen (Hochleger) und einen Niederleger weiter unten: Nachdem der Hochleger abgeweidet ist, geht das Vieh noch für einige Wochen auf den Niederleger, der besseren Schutz vor frühen Wintereinbrüchen bietet. Die Hochstallalm kann man sich bei einer Wanderung auf das Kuhjoch ansehen. Und die lohnt sich nicht nur wegen des großartigen Blicks von dort oben. Das Kuhjoch wurde aufgrund seiner geologischen Bedeutung von der International Union of Geological Sciences mit dem „Goldenen Nagel“ ausgezeichnet – und man kann dort jede Menge Fossilien entdecken.

Die Eingangstür der Hochstallalm ist schlicht gehalten. Die Arbeit hört nie auf, und der Sommer ist in den Bergen kurz.

Die Almen wurden meist in einfacher Blockbauweise errichtet – ohne senkrechte, tragende Bauelemente.

Jagdhausalm | St. Jakob im Defereggen

Im Jahr 1212 wurde der Komplex im Nationalpark Hohe Tauern, am Ende des Osttiroler Defereggentals erstmals urkundlich erwähnt. Die Jagdhausalm ist damit die älteste Alm in Österreich. Seit ihrer Erbauung wurden Monarchien und Nationen gegründet und lösten sich wieder auf, Kriege verwüsteten den Kontinent, Amerika wurde entdeckt, die Dampfmaschine und das Internet erfunden – die 16 Steinhäuser stehen immer noch. Almen sind immer auch ein Spiegel der Landschaft und der vorhandenen Ressourcen in der Region. Weil es oberhalb der Baumgrenze kaum Holz gab, baute man eben mit Steinen. Deshalb wird die Alm oft „Klein Tibet“ genannt. Die Wanderung beginnt an der Oberhausalm. Ganz in der Nähe liegt der Oberhauser Zirbenwald, der größte seiner Art in den Alpen. Unbedingt vorbeischauen.

Heute besitzen Südtiroler Bauern das Weiderecht für die Jagdhausalm. Im Sommer werden hier knapp 350 Kühe, wie es heißt, „gealpt“.

Die Jagdhausalm in Osttirol. Wo es kein Holz gab, musste man Steine nehmen.

Kundlalm | Wildschönau

An den Farnen und hoch wachsenden Gräsern in der Nähe der Kundlalm sieht man sofort, dass hier schon lange keine Rinder mehr grasen. Der Komplex in der Wildschönau zählt zu den ältesten Almen Tirols – und lässt sich bis ins Jahr 1416 zurückverfolgen. Heute wird die Alm nicht mehr bewirtschaftet. In der Gegend sieht man deshalb sehr deutlich, wie stark die Alpen durch die landwirtschaftliche Nutzung geprägt sind. Um Weideflächen zu schaffen, werden Wälder gerodet und so die natürliche Baumgrenze um bis zu 500 Meter gesenkt. Sobald die Almwirtschaft aufgegeben wird, verwalden die Flächen wieder. Die Kundlalm ist der Hochleger der Schönanger Alm, die in der Zwischenzeit ausgebaut und modernisiert wurde. Dort kann man nach der einfachen Wanderung zur Kundlalm gut einkehren.

Viele Almen bestehen aus unterschiedlich alten Bestandteilen – um Arbeit zu sparen, werden Materialien oft wiederverwertet.

Bäume und Farne kriechen an die verlassene Kundlalm heran. Die Wolken hängen tief. Kein Wunder, dass man sich erzählt, hier oben gebe es Gespenster.

Bodenalm | Mayrhofen

Der Zustieg zur Bodenalm in den Zillertaler Alpen ist spektakulär: Abschnittsweise geht es über Steinstufen, die grob in den Fels gehauen wurden. Man kann sich kaum vorstellen, wie es die Kühe schaffen, hier hoch- und wieder runterzuklettern. Was ambitionierte Wanderer freut, erschwert die Arbeit der Bauern. Wenn die Bodenalm nicht bald mit Forststraßen und Infrastruktur erschlossen wird, so meint der Obmann der Almgemeinschaft, müsse man die Bewirtschaftung wohl aufgeben. Die alten Almen wirken zwar wie eine Mischung aus Freiluftmuseum und Postkartenmotiv, müssen sich aber wirtschaftlich rechnen. Das Leben auf den Almen hat sich stark verändert. Verbrachten früher ganze Familien den Sommer auf dem Berg, ist heute das Personal knapp. 1873 lebten im Schnitt acht Personen auf einer Alm, heute ist es nur noch eine. Und wenn die uralten Almen nicht mehr genutzt werden, verfallen sie.

Einsam und abgeschieden liegt die Bodenalm in einem Nebenwinkel des Zillergrundes. Im Hintergrund: der Gipfel des Grundschartner.

Interview

In Tirol gibt es Almen, die Jahrhunderte alt sind. Aber woran erkennt man, ob eine Alm wirklich schon stand, als die Dampfmaschine noch nicht erfunden und Amerika noch nicht entdeckt war? Wir haben den Historiker Dr. Thomas Bertagnolli gefragt, der seit 20 Jahren der wissenschaftliche Leiter am Museum Tiroler Bauernhöfe in Kramsach ist. Zum Interview.

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