Alte neue Musik

TEXT Maximilian Gerl

FOTOS Roderick Aichinger

Im kalten Winter hatten die Tiroler in ihren Stuben früher wenig Abwechslung und Unterhaltung. Außer: Musik machen. Jeder war willkommen. Jeder konnte mitspielen. Heute ist Tiroler Volksmusik populärer denn je. Wir haben Tiroler, die für die Musik leben und sie lieben, gefragt, warum das so ist. Und wo die musikalische Reise in Zukunft hingeht.

Christian Messner, Lukas Neuhauser, Florian Unterrainer und Josef Mühlegger

d’Stommtischsänger, Brandenberg

Wir kennen uns von klein auf und spielen seit Jahren in der Musikkapelle in Brandenberg. Das Singen als Viergesang hat sich bei uns aus dem Anklöpfeln entwickelt. Bei diesem Tiroler Brauch gehen wir im Advent von Haus zu Haus und singen Hirtenlieder. Als ,Stommtischsänger‘ haben wir dann eher zufällig angefangen, wir sind im Rahmen eines Volksmusiktreffens kurzfristig eingesprungen und von Haus zu Haus gezogen. Aber weil es Spaß gemacht hat, haben wir das beibehalten. Unser Repertoire besteht aus circa 30 Volksliedern, aber bei einem offiziellen Konzertabend brauchen wir meistens nur fünf, sechs Stücke. Das Beste kommt erst nach dem Auftritt, wenn du dich zu den Leuten setzt, mit ihnen ins Gespräch kommst und gemeinsam musizierst. Das ist ja das Schöne an der Volksmusik: Viele kennen sich, jeder kann mit jedem mitspielen, dazu musst du auch kein Profimusiker sein. Die Lieder sind meistens einfach und klingen trotzdem gut. Im Jahr haben wir etwa 15 Auftritte als ,Stommtischsänger‘ und mehr als 50 mit der Musikkapelle – alles in unserer Freizeit, neben der Arbeit. Aber die Zeit nehmen wir uns. Musik ist unser Hobby.“

Raymond Ammann

Musikethnologe, Universität Innsbruck

„Meine Doktorarbeit habe ich über Kehlkopfgesänge in Sibirien geschrieben. Das wird manchmal fälschlicherweise als Jodeln bezeichnet, ist aber eine ganz andere Gesangsform. Über den Ursprung des Jodelns im Alpenraum gibt es verschiedene Theorien. Eine besagt, dass die Menschen mit registerwechselnden Rufen über weite Entfernungen miteinander kommunizierten. Was man sicher weiß: dass das Jodeln je nach Tal, je nach Region anders klingt, ähnlich wie beim Dialekt. Die Vokalisation macht den Unterschied. Vereinfacht gesagt, arbeitet österreichisches Jodeln oft mit Kombinationen von Konsonanten in den Jodelsilben wie Tro und Tri, dadurch wird der Kehlkopfschlag nicht so dominant. In der Schweiz dagegen verwendet man häufig nur Vokale und die Konsonanten L oder D, und es knackt richtig beim Registerwechsel. Heute ist das Jodeln sehr beliebt. Und Jodeln ist grenzübergreifend: Ich kenne zum Beispiel eine Schweizerin, die in Wien Schweizer und österreichisches Jodeln unterrichtet. Das ist doch toll!“

Nora Dubsek & Jared Egger-Dubsek

Musikinstrumente Dubsek, Innsbruck

„Tirol ist ein musizierendes Land, es gibt über 300 Blasmusikkapellen, viele Volksmusikgruppen und ein gut subventioniertes Musikschulwesen. Wir betreuen die Musiker in unserem Geschäft und in unserer Werkstatt in Innsbruck. Nora erzeugt dort zum Beispiel Posaunen, die sie maßgeschneidert an die Bedürfnisse der Musiker anpasst. Oder wir reparieren Instrumente, es gibt immer genug zu tun. Unsere Branche ist so spannend, weil wir auf ganz unterschiedliche, interessante Menschen treffen. Was uns alle verbindet, ist die Musik. Gute Musik reißt die Menschen mit – und natürlich auch die Musiker. Wenn man diese Emotionen mit anderen teilen kann, wird es umso schöner. Daheim hören wir Klassik, Pop und Volksmusik: Je nachdem, auf was wir gerade Lust haben.“

Isa Kurz & Philipp Moll

Jütz, Vomperbach

„Wir spielen folkloristisches Liedgut. Aber unser Zugang zur Volksmusik ist anders. Philipp kommt aus der Experimentalmusik, Isa aus Pop und Klassik, und Daniel Woodtli, der Dritte im Bunde, aus dem Jazz. Wir haben alle Musik studiert und arbeiten neben Jütz an weiteren Projekten. Isa beherrscht viele verschiedene Instrumente, darunter Hackbrett und Geige. Philipp spielt Kontrabass und Daniel unter anderem Trompete und Flügelhorn. Wir versuchen, der traditionellen Musik mit unseren musikalischen Erfahrungen zu begegnen und etwas Neues daraus zu machen, behutsam und mit Respekt, ohne es zu verschandeln. Zusätzlich arbeiten wir viel mit Improvisation – diesen Freiraum nehmen wir uns. Daher werden wir gar nicht so sehr als Volksmusikgruppe wahrgenommen und treten oft auf Jazz- oder Klassikfestivals auf.“

Stefan Neussl

Bläser, Kaltenbach

„Ich selbst habe ganz früh und ganz schlecht mit dem Musikmachen angefangen. Heute, nach meinem Studium am Mozarteum Salzburg, unterrichte ich klassische Trompete und Flügelhorn. Außerdem schreibe ich Notensätze fürs Weisenblasen. Das ist eine besondere Tradition: Dabei wird ein Volkslied, das man eigentlich singen würde, mit Blasinstrumenten gespielt – und zwar mit mehreren Stimmen, zum Beispiel mit zwei Flügelhörnern. Wahrscheinlich ist das Weisenblasen in den 1920er-Jahren in Blasmusikkapellen entstanden. Es ist gar nicht so einfach, vier bis sechs Stimmen zu arrangieren. Die große Kunst ist, dass das Stück am Ende ganz einfach und natürlich klingt. Heute ist die Volksmusikszene so jung, so weiblich und so gut wie noch nie. Die Qualität der Musiker beeindruckt mich immer wieder. Viele wechseln problemlos von einer Stilrichtung in die andere. Volksmusik ist wieder cool.“

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