Alter Meister

TEXT Benedikt Sarreiter

FOTOS Verena Kathrein

Seit 40 Jahren stapelt Erich Gatt auf einer Alm im Valsertal Steine aufeinander. Und erschafft so eine einzigartige Welt. Warum er das tut, weiß er selbst nicht so genau.

Ist Erich Gatt ein Künstler? Auf den ersten Blick spricht nichts dafür. Er hat nicht Kunst studiert und war auch nicht bei einem Künstler in der Lehre. Er hat keines seiner Werke in einem Museum ausgestellt oder einem Sammler verkauft. Er gibt dem Feuilleton keine Interviews und sieht übrigens auch nicht aus, wie man sich üblicherweise einen Künstler vorstellt, also irgendwie vergeistigt oder weltfremd.

Gatt ist braun gebrannt und kräftig, er wirkt jünger als seine 64 Jahre. An diesem Sommertag sitzt er auf einer Bank vor der Zeischalm, schaut hinunter ins Valsertal und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Bis vor zwei Jahren hat Gatt als Installateur auf dem Bau gearbeitet. Seitdem ist er Rentner – und im Sommer außerdem Kuhhirte auf der Zeischalm. Die Alm gehört ihm nicht, sondern ein paar Bauern unten im Tal. Aber in den vergangenen Jahrzehnten hat sich Gatt die Alm doch zu eigen gemacht. Rechts von der Almhütte zum Beispiel zieht sich eine weitverzweigte Mauer nach oben, ein langes, graues, schlangenförmiges Gebilde, das bis hinauf zu den Hängen der Hohen Kirche reicht, einem 2600 Meter hohen Berg mit flachem Gipfel. Die Mauer war verfallen, Gatt hat sie wieder errichtet, und, wo er schon einmal dabei war, auch noch weitergeführt. Dabei hat er keinen Mörtel oder andere Bindemittel verwendet, sondern mit der sogenannten Trockenbauweise gearbeitet, die man in Tirol seit Jahrhunderten kennt. Es kommt darauf an, den genau passenden Stein für die passende Stelle zu finden und darauf, die Steine geschickt übereinanderzulegen. „Das kann nicht jeder, da braucht man Erfahrung und Gespür“, sagt Gatt. Über Steine redet er gern und viel „Manche haben eine Form wie eine Echse, manche wie ein Herz, manche wie das Hinterteil einer Wildsau.“

Erich Gatt vor dem Steinfeld unweit der Alm. Die grünliche Farbe stammt von Flechten, die über die Steine gewachsen sind.

Erich Gatt hat noch nie etwas von Andy Goldsworthy gehört. Und Andy Goldsworthy sicher noch nie etwas von Erich Gatt. Wie auch? Goldsworthy ist ein weltberühmter Künstler, einer der bekannten Vertreter der Land Art, also der gezielten schöpferischen Umgestaltung von Natur- und Stadträumen. Eine seiner wichtigsten Arbeiten sind die „Sheepfolds“ in Cumbria im Nordwesten Englands. Diese Schafshürden durchzogen einst das ganze Land, verfielen dann aber zu Ruinen. Mehr als 200 hat Goldsworthy innerhalb von acht Jahren wieder errichtet. Sie sind sein größtes Kunstwerk. Goldsworthy wollte so auch auf alte Bautraditionen aufmerksam machen. Und natürlich ähnelt sein Kunstwerk den Mauern, die Erich Gatt gebaut hat. „Ein Stein ist ein lebendiger Zeuge der Umgebung, in der er liegt“, hat Goldsworthy einmal gesagt. Gatt würde das ganz ähnlich ausdrücken. Ist Erich Gatt auch ein Künstler? Er lacht, seine sanften großen Augen werden noch größer, sein ausladender Schnauzer wackelt, wenn man ihm diese Frage stellt: „Manche sagen das, aber ich finde nicht, dass ich ein Künstler bin.“ Er sagt „Künschtler“, und so wie er das Wort mit seiner ruhigen, leicht murmelnden, perlenden Stimme ausspricht, wie er sie hebt und mit einem Schnörkel versieht, schwingt ein wenig Skepsis mit. Künstler, das sind für Erich Gatt Leute, die verschwurbelt sind, die kompliziert denken und handeln, wo es gar nicht nötig ist, die nicht so pragmatisch sind wie er, die mit Ornamenten arbeiten, wo es besser „primitiv“ sein muss, wie er sagt. Hier in seinem Reich, auf 2000 Metern, müssen die Dinge einfach und robust sein, schon weil die Witterung erbarmungslos ist. Dieses Reich beginnt eigentlich schon 600 Meter weiter unten, beim Anstieg zur Alm, der sich am Ende einer Forststraße befindet und sich als Pfad durch den Bergwald windet. Schon nach der ersten Kehre trifft man auf eine seltsame Konstruktion, an den Stamm einer Fichte hat jemand einen Holzklappstuhl montiert. „Den habe ich aus einem Krankenhaus, das alte Möbel weggeschmissen hat. Ich finde eben für alles eine Verwendung“, erzählt Gatt während des Aufstiegs. Es ist gemütlich auf diesem Stuhl, aber langes Verweilen erlaubt Gatt nicht. Er will nach oben zu seiner Alm. Wenn ein Stein auf dem Weg liegt, den auch die Kühe beim Auf- und Abtrieb nutzen, schiebt, wirft, kickt Gatt ihn zur Seite. Gatt räumt auf hier oben. Steine sollen nicht einfach so herumliegen, sie sollen Teil eines Gebildes sein.

„Hier, auf 2000 Metern, müssen die Dinge einfach und robust sein“

Der Pfad bietet immer wieder Ausblicke auf die Gipfel der 3000er, die das Valsertal im Süden begrenzen. Dahinter ist Italien. Dann der weiße Schleier eines Wasserfalls, der sicher 100 Meter hinabstürzt. Er scheint dem idealisierten Bild eines Heimatmalers entnommen, so perfekt ist seine Form. Das Rauschen des Falls begleitet den Wanderer eine ganze Weile und vermischt sich ab und zu mit einem leisen Pfeifen und Plätschern. Kleine Wasserräder erzeugen es, die Erich Gatt in den zahlreichen Bächen und Strömen, die den Weg queren, installiert hat.

Um die Zeischalm herum drehen sich zahlreiche Wasserräder.

Aus Felsen und Steinen hat sich Gatt eine Freiluftdusche gebaut.

Stall und Wohnhaus der Zeischalm. An den Fassaden hängen Geweihe und Tierschädel, die dem Ort etwas Mystisches verleihen.

Der Aufstieg zur Zeischalm ist das zischende und glucksende Prélude zu Gatts ausufernder Freilichtinstallation. Die Natur vereinigt sich mit seinen Basteleien, eine leicht mystische Atmosphäre entsteht, die sich nach einer Stunde Wanderung oben auf der Alm voll entfaltet. Erich Gatt steht jetzt vor einer aus Ästen gezimmerten Figur. Schmale Glieder, im Vorwärtsschreiten verhaftet, einen Hirtenstab in der Hand, ein Fetisch, der die bösen Geister abhalten soll. So etwas wie Erich Gatts hölzernes Alter Ego. Besucher sehen es beim Eintritt, bevor sie Gatt ein wenig später in persona treffen. „Das Steinmandl da drüben habe ich als Erstes hier oben gebaut.“ Erich Gatt zeigt auf einen etwa zwei Meter hohen, rund zusammenlaufenden Kegel aus zahlreichen Steinen unterschiedlicher Form, auf dessen Spitze ein flacher, aufgerichteter Stein thront, „das Gesicht“. An der linken und an der rechten Seite ragen auf Brusthöhe zwei schmale, lange Steine heraus, „die Arme“. Warum hat er das gemacht? „Weil ein einfacher Steinhaufen nach nichts aussieht. Ist doch so viel schöner, oder?“ Interessanterweise sind die Steinmandl nicht nur gut anzusehen, sie scheinen sich auch alle zu ähneln. So wie man sofort ein Gemälde von Picasso erkennen könnte, so verraten auch die Steinmandl die Handschrift von Erich Gatt. Alle seine Stücke tragen seine Signatur.

Gatt nutzt nicht nur Steine, um Skulpturen zu bauen.

Eine von Gatts jüngsten Installationen: Seinen über drei Meter hohen „Kraftstein“ stellte er mithilfe eines Flaschenzugs auf

Traditionelle Bauweise: Die Trockensteinmauern rund um die Zeischalm halten auch ohne Mörtel.

Mindestens vier Monate im Jahr verbringt Erich Gatt auf der Zeischalm. Wichtiges Utensil: die Kraxe aus geflochtenen Weiden.

Schon immer ist Gatt gerne auf die Zeischalm gegangen, er kommt aus der Gegend, aus St. Jodok am Brenner. Vor 40 Jahren fing er dann gemeinsam mit seinem Bruder an, das Dach des Stallgebäudes der Alm zu renovieren. Es folgten die Steinmauern in der Umgebung der Alm. In jeder freien Minute war er mit seiner Familie auf der Alm. Von der Welt hat er nicht viel gesehen. Und im Winter wartete er nur darauf, dass der Schnee schmolz und er endlich wieder hinaufkonnte. Was hat ihn an der Alm so gereizt? Wieso hat er die Mauern wiederaufgebaut? Teilweise dienen die dazu, das Vieh, das hier im Sommer weidet, im Zaum zu halten, aber das gilt noch nicht einmal für alle Mauern: Warum also alle diese Mühen? Auf solche Fragen antwortet Gatt ausweichend. In diesen Momenten ist er dann doch fast ein Künstler, der keine Lust hat, sein Werk zu erklären. Weil er will, dass das Werk für sich selbst spricht.

Gatts Arme erscheinen länger als bei anderen Menschen, seine Hände ein wenig zu groß für seine Größe. Schaufeln aus Muskeln, Knochen und Haut, geformt vom jahrzehntelangen Steinewuchten. In den Händen steckt nicht nur Kraft, sondern auch sehr viel Gefühl, sie bringen Gatts ungewöhnliche Ideen in die Wirklichkeit. Diese Ideen materialisieren sich beinahe auf jedem Meter um die Zeischalm. Erich Gatt passiert drei Wasserräder in verschiedenen Formen, mit eckigen Speichen oder geraden, aus Metall oder Holz, die sich unaufhörlich im Lauf des Wassers drehen. Gleich daneben ein kleines Beet mit Kräutern und Edelweiß, mit Steinen eingefasst. Immer wieder Steine, die aufrecht auf anderen Steinen hocken. Rock-Balancing nennt man das in der Kunstwelt. Aber Erich Gatt balanciert die Steine nicht wie dort üblich aus, damit sie Haltung bewahren, er befestigt sie mit einem Bolzen. „Einfach muss es sein.“

Gatt erreicht mehrere schmale, etwa eineinhalb Meter lange Felsen, die aufrecht in einem Halbkreis stehen. Er schraubt einen Duschkopf, den er gerade aus dem Kuhstall geholt hat, auf ein Rohr, öffnet am Boden ein Ventil und im feinen Strahl perlt kaltes Gebirgsbachwasser in die Freiluftkabine hinter den Felsen. „Das ist meine Duscholux. Wenn ich von einer Bergwanderung komme, ziehe ich mich aus, bevor ich überhaupt in die Hütte gehe, und dusche hier. Was Schöneres gibt es nicht!“ Das Wasser kommt aus einem benachbarten Bach, zu dem Gatt ein Rohr verlegt hat. Das Gefälle des Rohrs sorgt für den nötigen Druck. „Wenn meine Frau hier ist, dann duscht sie immer ganz in der Früh, trotz der Kälte. Die ist da eisenhart“, sagt Erich Gatt. Sie besucht ihn im Sommer am Wochenende, weil sie im Tal noch als Krankenschwester arbeitet. Ansonsten ist er allein, liest keine Zeitung, schaut nicht fern, er hat kein Smartphone. Von der Welt, die sich weiterdreht wie eines seiner Wasserräder, bekommt er fast nichts mit. Eine Meditation aus Kuhglockengebimmel und dem Klacken von Stein auf Stein. Wie fühlt er sich, wenn er nach dieser Zeit wieder ins Tal zurückkehrt? „Ja, gut, sehr gut natürlich, erholt und frisch.“ Mehr sagt er nicht, mehr muss er auch nicht sagen.

Die Tour ist noch nicht zu Ende. Noch einmal geht es nach oben. Etwa 70 Meter oberhalb der Zeischalm befindet sich eine Hochebene, die von eindrucksvollen Bergen gerahmt wird, von der Hohen Warte, der Hohen Wand, vom Kluppen. „Auf denen war ich schon oben, ohne Seil oder so was, brauch ich nicht“, sagt Erich Gatt, während er auf einer Bank vor einem mächtigen Steinmandl sitzt. Zwei von ihnen hat er vor 30 Jahren am vorderen Rand der Hochebene wie zwei Wächter errichtet. Schweigend, erhaben, ewig. Sie sind riesig, das größere hat eine Höhe von vier Metern. Man kann es vom Tal aus sehen.  „Das ist mein schönstes Stück“, sagt Erich Gatt. Zwei Jahre hat er gebraucht, um es aus den Steinen der Gegend zusammenzufügen. Die Felsen der beiden Arme sind jeweils einen Meter lang. Er hat sie allein nach oben gehoben und verbaut. „Heute wundert es mich, wie ich das geschafft habe, die Kraft hätte ich jetzt nicht mehr.“

„Steine speichern Energie, da bin ich mir sicher“

Hinter den Wächtern oberhalb der Alm breitet sich die Hochebene aus. Hier grast im Sommer das Vieh. Überall gluckert und gurgelt Wasser in kleinen Bächen. An einer Stelle sammelt es sich in einem Pool, den Gatt zum Baden für seine vier Kinder angelegt hat. Etwas weiter hinten ragt aus einer Weide ein drei Meter hoher, grünlich schimmernder Fels empor. An dem Felsen hängt eine Jesusfigur. „Das ist mein Kraftstein“, sagt Gatt. „Man muss ihn umarmen, und er spendet Energie. Steine speichern sie, da bin ich mir sicher. Aber man muss sie anpacken, um sie zu bekommen.“

Den Kraftstein hat Gatt mit einem Flaschenzug aus einem Steinfeld geholt, das sich hinter dessen neuem Standort erstreckt und ihm nun gewissermaßen die Bühne bereitet. Das ganze Steinfeld ist von Flechten überwachsen, daher die giftgrüne Farbe. Von der Zeit und der Erosion geformte Natur und Gatts Installationen spielen ein Duett, es entsteht ein irritierend berückender Alpenschamanismus.

Wieder unten an der Hütte. Erich Gatt schenkt Schnaps aus, holt Speck, zeigt auf einen etwa drei Meter langen Steinbogen ein wenig unterhalb der Alm, den er diesen Sommer gebaut hat. Er trägt sich von selbst. Indem alle Steine nach unten fallen wollen, blockieren sie sich und halten sich so in der Luft. Andy Goldsworthy hätte es nicht besser hinbekommen. Gatt gelingt, wovon wohl jeder Künstler träumt. Er bietet dem Betrachter eine neue Perspektive, er bietet eine neue Wahrnehmung der Welt. Natürlich ist er also ein Künstler, da kann er noch so oft den Kopf schütteln und schmunzeln. Und er ist sogar ein Künstler, der sich für die ganz großen Themen interessiert: für die Zeit und die Vergänglichkeit, für die Natur und für den Menschen und für das Verhältnis zwischen beiden. Und ganz besonders interessiert er sich für die Schönheit. Gatt schenkt noch einmal Schnaps aus und deutet nach rechts: „Siehst du die Mauer? Die Stelle, wo der Stein oben rausschaut? Das ist nicht aus Versehen. Das ist Absicht. Ich habe mir gedacht, das braucht die Mauer an dieser Stelle, das sieht einfach besser aus.“

 

Hinkommen

Erich Gatt ist von Mai bis Ende September auf der Alm. Er schenkt gern Schnaps aus und freut sich über eine kleine Spende. Brotzeit sollte man selbst mitbringen. Mit dem Auto: Über St. Jodok am Brenner bis nach Innervals fahren. Dort am Parkplatz vor den Nockeralmen parken. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Mit dem Zug nach Steinach am Brenner. Von dort mit dem Bus nach Vals im Valsertal und dann zu Fuß bis zum Parkplatz vor den Nockeralmen. Aufstieg: Von dort den Weg in Richtung Landshuter-Europahütte einschlagen. Nach etwa eineinhalb Stunden zweigt inmitten einiger Latschen ein schmaler Weg zur Zeischalm ab. Achtung: Dieses letzte Wegstück ist nicht ausgeschildert.

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