Auf ein Neues!

Vom Banker zum Hotelier. Von der Funktionärin zur Bäuerin. Wir haben Tiroler getroffen, die ihr Leben verändert haben.

PROTOKOLLE GERO GÜNTHER
FOTOS VERENA KATHREIN

Natürlich hätte sich Georg Gasteiger auch eine neue Wandgarderobe kaufen können. Vielleicht von einem Designer. Aus irgendeinem edlen Holz. Stattdessen hängt da ein Brett mit einfachen Haken. Die Wandverankerung ist herausgebrochen, man hat sie notdürftig mit Draht geflickt.

„Genauso mag ich es“, sagt Gasteiger.

Vor vier Jahren hat Gasteiger den Mesnerhof in Steinberg am Rofan aufwendig renovieren und sanieren lassen. Man sieht es nicht. Einige der Möbel wackeln, der Lack blättert. Eigentlich sieht es immer noch wie bei der Großmutter aus: die Fleckerlteppiche, die karierten Gardinen. Der Küchenherd wird nach wie vor mit Holz befeuert.

Georg Gasteiger wollte das so. Bloß nicht zu chic. Bloß kein Luxus-Chalet. Der Ex-Banker hatte eine ganz andere Idee. Ein „Community Retreat“ am Ende der Welt sollte aus dem leer stehenden Hof entstehen. „Ich wollte diesen einmaligen Ort unbedingt mit anderen teilen“, sagt Gasteiger. „Hier draußen kannst du gar nicht anders, als deinen Rhythmus zu verändern!“ Zum Beweis vollführt er eine große Geste und deutet über die verschneiten Wiesen und Wälder hinüber zu den watteweißen Gipfeln der Rofan-Kette.

„Wir wollen die Dinge absichtlich nicht immer bis ins letzte Detail durchdenken“

Zehn Jahre lang hatte Gasteiger als Leiter für Kreativwirtschaft und Innovation bei der österreichischen Förderbank gearbeitet. Projekte begutachten, Anträge auswerten, über die Ideen von anderen Menschen nachdenken. Nun war es an der Zeit, selber etwas Neues ins Leben zu rufen. „Es zog mich zurück zu meinen ländlichen Wurzeln“, sagt der 50-Jährige, der als Bauernbub im Inntal aufgewachsen ist: „Raus aus dem engen Terminkalender, den Hierarchien, den Empfindlichkeiten, weg von den Meetings und den Papieren, die eh keiner liest.“ Gasteiger spricht druckreif, ein PR-Profi in eigener Sache, aber auch ein fast verträumter Mensch, dessen Blick sich immer wieder in der Landschaft verliert. Städter? Landmensch? „Ich bin beides und mag mich nicht entscheiden müssen.“

Der Vater von Georg Gasteiger hatte vor ein paar Jahren den Mesnerhof von zwei kinderlosen Brüdern übernommen und erwogen, die maroden Gebäude abreißen zu lassen. „Bei so einem alten Ensemble wäre das ein Verbrechen gewesen“, befindet Gasteiger junior. Er sah seine Chance auf einen Neuanfang gekommen. „Ich habe mich gefragt: Wie lässt sich das ländliche Leben mit urbanen Ideen verknüpfen?“

 

Und so machte Gasteiger den Mesnerhof zum Mesnerhof-C. Eine Art Alternativhotel. Das C steht für Creation, Communication, Concentration, aber auch für Community, Chalet und Camp. Es ist für Menschen, die lieber in urigen, schlichten Räumen ein paar Tage Ferien machen als in 5-Sterne-Anlagen. Für mobile Städter, die nicht mehr strikt zwischen Arbeit und Erholung trennen. Leute, die trotz ihrer Naturverbundenheit per Laptop mit der Welt verbunden bleiben möchten. Wer im Chalet wohnen möchte, muss früh buchen.

Freundescliquen, Firmenteams, Uni-Abteilungen, aber auch amerikanische und arabische Großfamilien haben hier bereits gewohnt. In der ehemaligen Scheune startete Gasteiger einen weiteren Versuch: Gemeinsam mit Architekturstudenten aus Sankt Pölten entwickelte er die „Interpretation eines modernen Matratzenlagers“. Geschlafen wird in spartanischen Séparées, die Gasteiger „Nester“ nennt. Geteilt werden die Duschen und ein riesiger, lichtdurchfluteter Raum. Was dort stattfindet, bleibt den Gästen und der Dynamik ihrer Gemeinschaft überlassen. Yoga, Slack-Lining, Musik machen, töpfern? „Das entwickelt sich von selber“, sagt Gasteiger. „Wir wollen die Dinge absichtlich nicht immer bis ins letzte Detail durchdenken.“ Lieber Ideen einfach mal ausprobieren, Konzepte austesten und dann gegebenenfalls wieder über den Haufen werfen. „Rapid Prototyping“ nennt er das, analog zu einem Begriff aus der Designszene. Und allein die Vorliebe für englische Begriffe zeigt, dass Georg Gasteiger kein klassischer Aussteiger ist. Er will nicht der modernen Welt entsagen, er will das Beste aus unterschiedlichen Welten vereinen.

ZUR PERSON
Georg Gasteiger wuchs auf einem Bauernhof auf, den sein älterer Bruder übernahm. Gasteiger studierte in Wien und arbeitete bei der österreichischen Förderbank. Bis es ihn zurückzog zu seinen ländlichen Wurzeln. Gasteiger baute den Mesnerhof-C auf: „Ich habe mich gefragt: Wie lässt sich das ländliche Leben mit urbanen Ideen verknüpfen?“

Einen ganz ähnlichen Plan verfolgt auch Christina Mölk. Im Jahr 2009 war die Grafikdesignerin aus Innsbruck zusammen mit Freunden auf der Suche nach Ateliers für ihr Grafikbüro – und auch nach einem Ort, an dem man mal Veranstaltungen durchführen könnte. Sie wurde auf die ehemalige Großbäckerei in der Dreiheiligenstraße aufmerksam, die schon seit vielen Jahren leer stand. Zu dem Gebäude hatte Mölk eine besondere Beziehung. Hier war die Bäckerei ihrer Urgroßmutter Therese, hier war die Wohnung ihrer Großeltern und der Geburtsort ihres Vaters. Und jahrelang auch der Firmensitz der Tiroler Supermarktkette MPREIS, die der Familie von Christina Mölk gehört.

„Wir waren mit Taschenlampen in dem alten Gebäude unterwegs und haben immer neue Räume entdeckt“, erzählt die 35-Jährige. „Von Mehlstaub bedeckte Hallen, ein Zimmer mit knallrotem Boden, den verwinkelten Keller. Fast ein bisschen unheimlich.“ Mölk und ihre Freunde waren begeistert. Dieses geheimnisvolle Labyrinth war viel zu schade, um ungenutzt zu bleiben. (Und es war auch viel zu groß für ein Grafikbüro.) Schon lange hatte Mölk von einem Off-Space geträumt, einem Ort, an dem Kunstschaffende und Kunstinteressierte zusammenkommen können.

Jetzt beschloss sie, den Traum wahr zu machen. Zu den Gründern der „Bäckerei – die Kulturbackstube“ gehörte auch Christoph Grud, ein Architekt, der mit günstigsten Mitteln zu arbeiten versteht. Und so entstanden aus Sperrmüll und alten Hotel- und Wohnungseinrichtungen ein Café und eine Bühne, später Werkstätten, Co-Working-Spaces, eine Küche und Seminarräume. Immer mehr freiwillige Helfer stießen zu der Gruppe. „Die Motivation war riesig“, sagt Mölk. „Es hat so einen Ort einfach gebraucht in Innsbruck.“

Veranstaltungsraum, Kulturzentrum, Experimentierfläche oder Netzwerkraum, keines der Labels wird der Vielfalt der Bäckerei wirklich gerecht. Man kann hier Poetry-Slams, Konzerte und Ausstellungen besuchen, Arbeitsräume mieten, Vorträge hören oder sein Fahrrad reparieren. „Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter hat Mitspracherecht“, erklärt Mölk und gibt zu, dass dadurch nicht immer alles einfacher wird. Sie und ihre Freunde arbeiten inzwischen Vollzeit in der Bäckerei. Sie zahlen sich einen bescheidenen Lohn aus, es geht nicht um Karriere im herkömmlichen Sinn.

„Einfach nur dagegen zu sein, habe ich immer als unproduktiv empfunden.“

Mölks Aufgaben sind heute viel umfassender und abwechslungsreicher als in ihrem alten Beruf. Weniger klar umrissen. In der Bäckerei soll es nicht um Leistung und Effizienz gehen. „Wir wollen flexibel bleiben und Fehler zulassen“, meint Mölk. „Wenn etwas schiefgeht, ist das total okay.“ Etliche Projekte sind aus der Bäckerei heraus entstanden, viele Innsbrucker behaupten sogar, dass sich das kulturelle Klima in der Stadt dank der neuen Anlaufstelle grundsätzlich verändert hat.

Die Leute haben Mut geschöpft, neue Wege auszuprobieren. Ein Beispiel dafür ist etwa der „endlich*-Store“ in Innsbruck, ein Ort, an dem Mode und Kunsthandwerk verkauft und hergestellt werden. Oder „bilding“, die alternative Kunst- und Architekturschule für Kinder und Jugendliche von vier bis neunzehn. „Wenn man nach Alternativen sucht, steckt das viele andere an“, sagt Mölk. „Einfach nur dagegen zu sein, habe ich immer als unproduktiv empfunden.“

ZUR PERSON
Christina Mölk ist eine Urenkelin von Therese Mölk, die 1920 einen Lebensmittelladen gründete und damit den Grundstein für die Supermarktkette MPREIS legte. Christina Mölk arbeitete zunächst als Grafikdesignerin, bis sie im Jahr 2009 in den Räumen der Bäckerei ihrer Urgroßmutter in Innsbruck den Off-Space „Bäckerei“ eröffnete: „Wir wollen flexibel sein und Fehler zulassen“, sagt Mölk. „Wenn etwas schiefgeht, ist das total okay.“

Einer, der selbst in der Bäckerei mit angepackt hat und begeistert ist von Innsbrucks zahlreichen Alternativprojekten, ist Oscar Germes Castro. Der Politologe und Gastronom, der mit 17 aus Chihuahua nach Tirol kam, hat in Innsbruck Politikwissenschaften studiert. Zehn Jahre lang arbeitete der Mexikaner im Bereich der Datenerhebung und Qualitätssicherung für die SOS Kinderdörfer. Eine interessante, erfüllende Aufgabe, die er sogar im europäischen Parlament präsentieren durfte. Nebenher spielte er Schlagzeug, organisierte Konzerte, drehte Videoclips. Alles prima, wäre da nicht diese unerfüllte Leidenschaft gewesen. Schon als Kind hatte Castro davon geträumt, einmal ein eigenes Lokal zu eröffnen.

Seit August 2014 führt er das wohl kleinste Restaurant Österreichs. Es besteht aus einer Theke, hinter der Castro schnippelt und an zwei Herdplatten kocht, und einem Tisch, an dem sämtliche Gäste zusammen essen. Acht, maximal zehn Plätze hat der Laden mit dem schlichten Namen „Oscar kocht“. Einfachheit ist Castros Devise, deshalb arbeitet er mit wenigen, aber exzellenten Zutaten. „Ich kaufe gutes Gemüse und gutes Obst“, erklärt der 38-Jährige und lacht: „Da muss man wenig machen. Ich pimpe das Essen nur ein bisschen auf.“ Warum er ausschließlich vegetarisch kocht? „Ich musste als Student mit einem sehr kleinen Budget auskommen, Fleisch kam finanziell einfach nicht in Frage“, erzählt er. „Deshalb kann ich sehr gut vegetarisch kochen.“ Und gute vegetarische Küche ist in Innsbruck Mangelware.

Das „Oscar kocht“ in Innsbruck gilt als kleinstes Restaurant Österreichs und bietet Platz für maximal zehn Personen. Alle sitzen am selben Tisch. Und kommen so fast zwangsläufig miteinander ins Gespräch.

 

Bei Castro wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Es gibt nur ein Menü, das jedoch wöchentlich wechselt. Hummus mit Amarant und Avocado, Polenta mit Zucchini und Granatapfel oder Schoko- Mohn-Tarte stehen auf der Karte. Alles ist saisonal und frisch, fast alles regional und biologisch angebaut. Da geht Castro keine Kompromisse ein. Die Portionen sind nicht riesig, dafür, so der Wirt, gebe es bei Bedarf einen Nachschlag. Auf diese Weise vermeidet er Reste, die er später entsorgen müsste. „Letztes Jahr habe ich zweieinhalb Portionen Risotto und zwei Suppen weggeschmissen. Bei 2.300 Gästen.“

Oscar Germes Castro ist ein Koch mit Prinzipien, ein politischer Koch sozusagen. „Ich rede oft ein bisschen zu viel“, sagt er: „Ich erkläre meine Weltanschauung. Meine politische Meinung. Ich erzähle was ich von Umweltverschmutzung halte und vom Konsumverhalten.“ Zumindest bei den Innsbruckern kommt er damit an. Wer in dem winzigen Restaurant speisen will, muss Wochen im Voraus reservieren.

ZUR PERSON
Oscar Germes Castro kam als Deutschstudent nach Tirol – und verstand erst einmal kein Wort. Niemand hatte ihm gesagt, dass es im deutschsprachigen Raum viele unterschiedliche Dialekte gibt. Mittlerweile gefällt ihm die Tiroler Mundart – und die Tiroler Küche, die er aber ausschließlich vegetarisch interpretiert: „In Tirol wurde früher auch kaum Fleisch gegessen.“

Tausend Meter hoch liegt der Obstgarten von Regula Imhof. Der Ertrag ist gut, die Qualität hervorragend.

Eine von Castros liebsten Lieferantinen ist Regula Imhof. Von der Schweizerin, die seit Jahren in der Gemeinde Natters lebt, bezieht er seine Äpfel, Birnen und Zwetschgen, den Essig und die Säfte. Beste Bioqualität. Auch Imhof ist eine Umsteigerin. Bis vor Kurzem war sie als Vizegeneralsekretärin der in Innsbruck ansässigen Alpenkonvention tätig, einer Institution, die sich grenzübergreifend um die nachhaltige Entwicklung der alpinen Staaten von Slowenien bis Monaco kümmert. Vorher führte sie die Geschäfte der Liechtensteinischen Gesellschaft für Umweltschutz, danach arbeitete sie für ein Entwicklungsprojekt sechs Jahre in den Bergregionen Zentralasiens. Eine Macherin, international vernetzt, weltläufig und umtriebig. Ich hatte bisher ein spannendes, vielseitiges und erfülltes Berufsleben“, sagt Imhof. „Aber der Drang, draußen zu arbeiten, hat sich irgendwann nicht mehr auf die Freizeit beschränken lassen.“ Also machte die 47-Jährige Schluss mit den Reisen, Konferenzen und der Büroarbeit. Von nun an wollte sie einen eigenen Betrieb aufbauen, mit den eigenen Händen arbeiten, an der frischen Luft.

Tausend Meter hoch liegt ihr Obstgarten in Raitis, eine von drei Flächen, die Imhof bewirtschaftet. Ungewöhnlich hoch für Obstbäume. „Viele Milchbauern wundern sich, warum man den Platz hier mit Birnbäumen verschwendet.“ Dabei ist der Ertrag gut, die Qualität hervorragend. Nährstoffreich und tiefgründig sind die Böden. Aber was der Bauer nicht kennt, das mag er eben auch nicht probieren. Imhof aber schon. Jetzt, in der Winterruhe, werden die Birn- und Apfelbäume geschnitten. 5.000 sind es insgesamt. Wenn Imhof über ihre Conference- oder Alexander- Lucas-Birnen spricht, über ihre Glosteroder Geheimrat-Oldenburg-Äpfel und die Zwetschgen, die sie am liebsten frisch verkauft, aber auch verarbeitet, spürt man ihren Stolz auf die „Gute Frücht“, wie ihr Unternehmen heißt.

„Der Drang, draußen zu arbeiten, hat sich irgendwann nicht mehr auf die Freizeit beschränken lassen.“

Ihre Entscheidung umzusteigen, kam nicht spontan. Alles war gut vorbereitet. Seit 2011 hat sich die diplomierte Forstingenieurin mit allen Facetten von Obst befasst. Erst kam die Ausbildung zur landwirtschaftlichen Facharbeiterin, dann die agrarpädagogische Hochschule in Wien, schließlich die Obstbau-Meisterprüfung. Begeistert berichtet sie von der Arbeit im Feld, von Sensorik-Schulungen und Verkostungen mit Konsumenten. Imhof bückt sich, um junge Bäumchen zu inspizieren, deren Wurzeln anscheinend von Nagern abgeknabbert wurden. „Da helfen wohl nur Mausefallen.“ Sich die Finger schmutzig zu machen, gehört dazu. Genau das wollte Imhof ja. Anpacken. Pflanzen, pflegen und ernten.

Ob ihr die Arbeit in den Gremien fehlt? Das Politische? „Für mich ist Politik immer Teil des Lebens“, antwortet Imhof. „Auch was ich hier mache, ist Politik.“ Weil sie biologisch arbeitet, weil sie sich selbst verwirklicht, weil sie für sich ein ganz neues Verständnis von Arbeit und Freizeit vorlebt, ein kleines großes Glück. Imhof packt ihre Baumschere in den Kofferraum. Genug für heute. Daheim wartet der selbst gebackene Apfelkuchen.

ZUR PERSON
Regula Imhhof arbeitete in verschiedenen gehobenen Positionen im Bereich Umweltschutz. Bis sie 2011 als Obstbäuerin begann: „Auch was ich hier mache, ist Politik.“