Der harte Kampf um die Zeit

TEXT Anke Helle

FOTOS Jens Schwarz

Es gibt nichts, was unserer Autorin so schwerfällt, wie früh aufzustehen. Kann sie von Tiroler Bergbauern und Bergsteigern lernen, den Morgen zu genießen?

Der Sinnspruch, den ich als Grundschülerin am häufigsten in Poesiealben schrieb, lautete: „Morgenstund hat Gold im Mund. Wer lange schläft, bleibt auch gesund.“ Im Alter von acht Jahren fand ich das irre witzig – und schon irre wahr. Eine der großen Konstanten meines Lebens ist, dass ich es hasse, vor 6 Uhr das Bett zu verlassen. Aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht mehr nehmen, denn ich muss mein Leben ändern. Ich bin Mitte 30 und stecke mitten in dem, was Soziologen auch „Rushhour des Lebens“ nennen. Ich habe ein kleines Kind, einen Job, der mir wichtig ist, ich will fit bleiben und wünsche mir eine erfüllte Liebesbeziehung. Kurz: Mein Tag bräuchte 36 statt 24 Stunden.

Eine andere Lösung, die ohne Umsturz des Raum-Zeit-Kontinuums auskommt, bietet Hal Elrod an, ein amerikanischer Motivations-coach, der den globalen Bestseller „Miracle Morning – die Stunde, die alles verändert“ geschrieben hat. Darin verspricht er, dass jeder Mensch glücklicher, entspannter und erfolgreicher wird, wenn er nur jeden Tag eine Stunde früher aufsteht. Viele Menschen folgen seit Langem diesem Ratschlag. Schauspieler Mark Wahlberg etwa betet jeden Morgen um 2.30 Uhr und geht dann ins Fitnessstudio. Start-up- Unternehmer schwärmen von der Kraft von Morgenritualen, und über Angela Merkel hält sich das Gerücht, dass sie nur vier Stunden schläft. Vielleicht braucht mein Tag nicht mehr Stunden, sondern ich nur weniger Schlaf. Das Problem: Ich komme morgens einfach nicht aus dem Bett. Zu warm, zu gemütlich, zu wenig Verlockendes draußen in der Welt.

Um mir diese Haltung abzutrainieren, fahre ich ins Kufsteinerland in Tirol, eine Gegend, in der die Menschen dank Landwirtschaft und Bergleben seit Jahrhunderten vor der Sonne aufstehen. Ein Crashkurs soll mir helfen, so zu werden wie sie: Drei Tage lang werde ich jeden Morgen noch ein bisschen früher aufstehen.  Das Programm lässt keine Ausreden zu: Frühyoga mit Blick auf den Wilden Kaiser, Arbeiten auf einem Bergbauernhof und Gipfelaufstieg zum Sonnenaufgang. Gute Nacht.

Tag 1
Weckzeit: 5.00 Uhr

Hurra, es ist ein Einsitzer! Im Skiurlaub wäre der langsam vor sich hin ratternde Kaiserlift mein Albtraum, heute ist er meine Rettung. Zwanzig Minuten länger Ruhe. Noch kein freundliches Gesicht machen, noch keinen Smalltalk mit Moni Egger führen, der Yogalehrerin, die mich gerade am Lifteingang so herzlich begrüßt hat. Es ist kurz vor 6 Uhr, vor einer Stunde klingelte mein Wecker, und hätte ich nicht die Verabredung mit Moni gehabt, wäre ich liegen geblieben. Als ich probehalber meinen Fuß unter der Decke hervorstreckte, hörte ich, wie sich mein Sohn in seinem Reisebett mit einem seligen Seufzer umdrehte. Geht es noch fieser, als aufzustehen, bevor ein Zweijähriger wach wird?

Wir zuckeln im dichten Nebel dem Berg entgegen, als es unter mir im Wald knackst. Ein Reh rennt davon. Das will auch nur seine Ruhe, denke ich. Aus Tierschutzgründen darf der Kaiserlift nur acht Mal pro Jahr vor 8.30 Uhr starten. An diesen Tagen findet das öffentliche Sonnenaufgangs-Yoga statt. „Da kommen die Geister“, ruft der Liftmann, als wir am Plateau auf gut 1.200 Metern Höhe aussteigen. Er hat keine Ahnung, wie präzise er meinen Zustand beschreibt. Das menschliche Gehirn springt morgens in Etappen an: Zunächst ist nur der Teil aktiv, der sich um die Emotionen kümmert, später folgt der Verstand.

Monis Stimme hat den typischen Klang einer Yogalehrerinnenstimme. Alles was sie sagt, klingt warm und nett und so, dass man ständig nicken möchte. Selbst dann, wenn sie von Energieschleusen spricht, die sich am frühen Morgen besonders gut öffnen, und dass sich die eigenen Muskeln nach verrosteten Schranken anfühlen. Ich nicke also stumm, gehe auf alle viere und strecke Beine und Arme langsam in die Position des herabschauenden Hundes. Neben mir höre ich den gequälten Atem von Susi und Katrin. Die beiden sind 23 Jahre alt und waren gestern bis nach Mitternacht auf einem Weinfest. Ich lag um halb elf im Bett. Wir haben wenig gemeinsam, und trotzdem fühle ich mich ihnen verbunden. Heute gehören wir alle zum Club der Frühaufsteher.

„Ich mache die Augen auf. Die Sonne strahlt auf die Gipfel des Wilden Kaisers“

Jede Yogaposition, jede Kobra, jede Kuh, jeder Fisch macht die Muskeln weicher. Die Lunge füllt sich mit frischer Luft. „Lächelt euch selbst an“, höre ich Monis Stimme. „Gerade morgens. Wie könnt ihr am restlichen Tag sonst andere Menschen anlächeln?“ Ich spüre, wie sich meine Mundwinkel nach oben ziehen. Ich lächle tatsächlich. Wenn ich nach Feierabend zum Yogakurs gehe, bin ich selten so nah bei mir und meinem Atem. Stattdessen denke ich über unbefriedigende Meetings und unerledigte To-do-Listen-Punkte nach. Dass der Verstand um diese Uhrzeit noch nicht voll da ist, hilft dabei, wirklich loszulassen. „Schaut, wie sich alles öffnet“, dringt Monis Stimme an mich heran. Ich mache die Augen auf. Die Nebeldecke um uns ist aufgerissen. Die Sonne strahlt auf die Gipfel des Wilden Kaisers.

Im Lift nach unten fühle ich mich gut – und dann noch besser. Wenig verleiht ein so großes Überlegenheitsgefühl wie die Blicke der Wanderer im Sessellift, denen man um 8 Uhr morgens mit einer Yogamatte im Arm in Richtung Tal entgegenfährt. Garantiert nur für Clubmitglieder! Dem Hochgefühl am Morgen folgt der Tiefschlag am Nachmittag, als ich versuche, meinen Sohn zum Mittagsschlaf zu bewegen: Ich todmüde, er hellwach – nach einer Stunde heulen wir beide.

Tag 2
Weckzeit: 4.30 Uhr

Beim ersten Summen des Vibrationsalarms schrecke ich hoch. Für einen ganz kurzen Moment fühlt es sich so an, als hätte mein Körper nur darauf gewartet, endlich aufstehen zu dürfen. Im Badezimmer dann der Realitätscheck: Ein bleiches Gesicht blickt mich im Spiegel an, mir ist schlecht, ich friere. Ich fühle mich wie am ersten Tag nach einem Transatlantikflug, habe einen selbstverschuldeten Jetlag. Liegt der frühe Morgen einfach außerhalb meiner natürlichen Zeitzone? Ich habe schließlich schon in der Schule gelernt, dass es „Lerchen“ und „Eulen“ gibt – genetische Frühaufsteher und Leute wie mich. Wenn das stimmt, muss Bauer Chris vom idyllisch am Berghang gelegenen Lindhof in Hinterthiersee eine Lerche sein. Wer um 5.30 Uhr einen so festen Händedruck hat, ist definitiv voll da. Einen Tag werde ich ihn bei seiner Arbeit unterstützen. In meinem Beruf als Journalistin sitzt kaum ein Kollege vor halb zehn im Büro. Früher lag das daran, dass tagsüber die Nachrichten passierten und abends die Zeitung in den Druck ging. Heute finden wir es wohl irgendwie lässig, später als die meisten am Schreibtisch zu sitzen.

„Das Leben beginnt erst mit der Sonne“

Chris hat keine Zeit für Lässigkeit, sondern klare Routinen: Wasser für die Gänse, Heu für die Kühe, Getreide für die Hühner. Ich laufe hinterher und versuche, nicht wie ein vollständiger Idiot zu wirken. Erst nach einiger Zeit fällt mir auf: Auf dem Lindhof ist es trotz der vielen Tiere erstaunlich still. „Das Leben beginnt erst mit der Sonne“, sagt Chris. Ein Satz wie aus einem Abreißkalender, und der 37-Jährige sagt ihn so lapidar, wie er mir vorher das Mischungsverhältnis des Hühnerfutters diktierte. War er immer schon so klar in seinen Überzeugungen? Chris zeigt auf die grauen Strähnen in seinen Haaren: „Die sind aus meinem alten Leben.“ Mit 15 hat er angefangen als Koch zu arbeiten, mit 34 hatte er genug von Arbeitszeiten bis weit nach Mitternacht und Hochdruck am Herd. Der Liebe wegen zog er nach Hinterthiersee und kam zum Lindhof, der Lebensmittel für zwei Hotels liefert. Ein Ort, so schön wie Bullerbü. „Ich bin fest angestellter Bauer – mit geregelten Arbeitszeiten und auch mal Urlaub“, sagt Chris. „Ich liebe meinen Job!“ Und wie zur Bestätigung erklingt hinter ihm ein lautes „Muh“. Wir drehen uns um. Aus dem Tal steigen die ersten Sonnenstrahlen herauf.

Macht es ihm wirklich nichts aus, so früh allein hier zu stehen, frage ich später noch einmal, als wir Karotten aus dem Boden ziehen. Als Antwort streckt er mir eine Rübe entgegen. „Probier mal! Diese Karotte ist hier, weil ich sie angepflanzt habe. Das Grün kriegen nachher die Hühner, und die geben dann Eier für die Hotelgäste. Es ist alles ein Kreislauf – ganzheitlich würde man modern wohl sagen. Und dazu gehört eben auch, dass ich morgens hier stehe und mich kümmere!“ Ich bin sichtlich ergriffen. Schnell fügt Chris hinzu: „Außerdem finde ich es super, dass ich oft schon am frühen Nachmittag Feierabend habe.“

Früher war es normal, so wie Chris mit dem ersten Licht aufzustehen und mit der Dunkelheit ins Bett zu gehen. Ich dagegen gehe spät ins Büro und hänge dafür oft bis nachts vor dem Bildschirm und finde dann im Bett keine Ruhe. Laut Schlafforscher Till Roenneberg von der Uni München hat der Unterschied zwischen Tag und Nacht in den letzten Jahrhunderten immer weiter abgenommen. 95 Prozent aller Menschen würden heute später aufstehen und später ins Bett gehen. Klingt bequem, aber ist es auch gut für uns? Denn natürlich hat Chris Recht: Wer früher anfängt, ist auch früher fertig.

 

Tag 3
Weckzeit: 3.00 Uhr

Die Rechnung ist simpel: Um 6 Uhr geht auf dem Kufsteiner Hausberg Pendling die Sonne auf, minus zwei Stunden Gehzeit, minus eine halbe Stunde Puffer, gleich Abmarschzeit 3.30 Uhr. Als der Wecker klingelt, ahne ich, dass ich mich in den letzten Tagen höchstens im Amateursportbereich der Frühaufsteher bewegt habe. Das hier ist eine andere Liga: Erst habe ich keinen Plan, wo ich bin, dann bleibe ich mit dem Schienbein an der Ecke des Bettes hängen und im Bad suche ich nach einer Socke, bis ich feststelle, dass ich sie bereits trage.

Als Fotograf Jens und ich am Berggasthof loslaufen, ist es stockdunkel. Unsere Stirnlampen leuchten auf dem feuchten Schotterweg die Richtung: immer nach oben. Lange Zeit hören wir nichts außer dem Knirschen unter unseren Füßen. Irgendwann mischt sich ein Rauschen dazu. Ein Fluss? Nein, die Autobahn, auf der Lkw-Fahrer und Touristen im Tal in Richtung Süden rauschen. Hier oben sind wir weit weg davon. Fast wie in einer magischen Parallelwelt. Es ist kurz vor halb sechs, als wir auf ein Gipfelkreuz treffen. In der Ferne beginnt es zu dämmern. Als ich mein Handy aus der Jacke ziehe, um diesen Moment des Erfolgs festzuhalten, erscheint vor mir ein roter Punkt. Nicht die Sonne, sondern das Symbol für zwei neue Nachrichten auf dem Bildschirm. Ohne nachzudenken, drücke ich auf den Maileingang: Ein Kontaktlinsenanbieter offeriert 50 Prozent Rabatt, und eine Nachbarschaftscommunity schreibt, dass ich mich lange nicht gemeldet hätte. Ich ärgere mich. Erst über Leute, die mir so einen Mist schicken, dann noch mehr über mich selbst: Warum öffne ich um 6 Uhr morgens Mails, während vor mir die Sonne über einer prächtigen Bergwelt aufgeht? Wer soll um diese Zeit etwas Sinnvolles von mir wollen?

Wanderung

Für den Aufstieg auf den 1.563 Meter hohen Pendling geht es am Gasthaus Schneeberg in Thiersee los. Nach etwa 15 Minuten Schotterweg folgt man den roten Punkten links in den Wald und erreicht nach ungefähr 90 Minuten den Gipfel. Nicht weit davon liegt das Pendlinghaus, das ab 7.30 Uhr zum Belohnungsfrühstück mit Blick auf das Kaisergebirge geöffnet hat.

Mehr Informationen zu der Wanderung auf den Pendling

„Der frühe Morgen hält die Welt auf Abstand und gibt mir dadurch ein Gefühl von Kontrolle zurück“

Der Morgen, das wird mir in diesem Augenblick klar, ist vielleicht nicht die richtige Zeit für mich, aber dafür gehört er MIR – mir ganz alleine. Kein Mensch, der etwas von mir will, keine Nachricht, die dringend beantwortet werden muss, keine Erwartungen, die mir vorgeben, was ich zu lassen oder zu tun habe. Sogar mein Sohn schläft bis 8.30 Uhr. Der frühe Morgen hält die Welt auf Abstand und gibt mir dadurch ein Gefühl von Kontrolle zurück. Egal, wie lang die To-do-Liste ist: Es liegt in meiner Hand, was ich aus dem anbrechenden Tag mache. Und das gilt nicht nur auf dem Berg, sondern überall auf der Welt. Früh aufstehen ist sicher kein Allheilmittel, wie es Hal Elrod propagiert, aber es kann durchaus kleine Wunder wirken. An diesem Morgen nehme ich mir jedenfalls fest vor, in Zukunft besser aus dem Bett zu kommen. Ich glaube nicht, dass ich es immer schaffen werde. Aber ich habe keine Zweifel mehr, dass es sich lohnt.

Tipps für Sonnenaufgang in Tirol

Von Tautreten auf der Alm bis zum Morgenbad im Bergsee – wir haben weitere Aktiv-Tipps für Frühaufsteher.

nach oben
nach unten