Der Weg ist das Ziel

TEXT Gero Günther

FOTOS Manfred Jarisch

Was wären die Tiroler Berge ohne ihre Wanderpfade? Doch die Sanierung ist aufwendig. Ohne Freiwillige wäre sie nicht machbar.

Die Natur zeigt mal wieder, was sie kann. Dichte Nebelschwaden ziehen an den Flanken der Mieminger Kette hinauf in den Himmel und verhüllen die Sicht. Nur ganz selten erblickt man ein Stück Wand, eine Felsspitze, eine Wiese. Dramatisch sieht das aus. Und dann löst sich mit einem Mal die Wolkendecke auf, als hätte man in einem Theater den Vorhang aufgezogen, das gesamte Bergpanorama breitet sich vor den Betrachtern aus, bestens ausgeleuchtet von der leistungsbereiten Vormittagssonne. „Das da hinten muss der Hintertuxer Gletscher sein“, sagt Helmut „Helli“ Maier, der Gruppenleiter, und fährt mit ausgestreckter Hand am Horizont entlang: Stubaier Alpen, Karlspitze, Pirchkogel, Judenköpfe. Maier, 51, ist im bürgerlichen Leben Musiker und Gitarrenlehrer, in seiner Freizeit leitet er Umweltbaustellen des Österreichischen Alpenvereins. Neben ihm steht Martin Haßlwanter, 25, seit einem Jahr Wegewart der Marktgemeinde Telfs. Haßlwanter sagt nichts, grinst und genießt einfach den Blick – und das Gefühl, gerade den besten Job der Welt zu haben. Gestern, am Anreisetag, regnete es noch in Strömen. Für die Vorstellungsrunde vor der Alplhütte hatten sich die zehn Freiwilligen für den Wegebau warm anziehen müssen. Sie kommen aus verschiedenen Regionen Österreichs, dazu noch ein Bayer, fast alle sind Studenten, eine angehende Instrumentenbauerin und eine junge Bankerin, die sich extra Urlaub genommen hat, sind auch dabei. Fünf Tage wird die Gruppe hier unter Anleitung von Haßlwanter und Maier arbeiten.

„In meinem Brotberuf als Musikpädagoge sehe ich die Ergebnisse meiner Arbeit erst sehr spät. Wenn ich einen Weg saniere, ist das Resultat sofort spürbar.“

Schon vor einigen Tagen hat ein Helikopter die meterlangen Lärchenbretter gebracht, die für die Wegstufen gebraucht werden. So muss die Gruppe am ersten Morgen nur noch das Werkzeug nach oben schleppen. Eine knappe Stunde sind die Freiwilligen von der Alplhütte bis zum Wetterkreuz unterwegs. Spaten, Rechen, Pickel und Vorschlaghammer auf der Schulter, im Rucksack eine Brotzeit und genug Wasser für einen heißen Tag. Wie eine geheimnisvolle Prozession ziehen die Arbeiter bergan.

Zwischen Latschenfeldern und einem felsigen Abhang windet sich der Hintereggensteig hinauf zum Wetterkreuz. An vielen Stellen ist das Holz der Stufen morsch, der Pfad ausgewaschen und geröllig. Ganz klar, hier muss etwas getan werden. Etwa 200 Höhenmeter hat sich Haßlwanter für die kommenden fünf Tage vorgenommen. „Allein“, sagt er, „bekommst du so was gar nicht fertig. Wir brauchen die Freiwilligen.“

„An der Erosion sind wir Menschen nicht unbeteiligt. Ich will der Natur etwas zurückgeben.“

24.000 Kilometer markierte Wege und Steige durchziehen die Tiroler Berge. Sie werden nicht nur von vielen Mitgliedern des Österreichischen Alpenvereins genutzt, sondern teilweise auch von ihnen unterhalten. Etwa zehn Umweltbaustellen pro Jahr schreibt der Alpenverein aus. Weil die Arbeit so schwer ist, müssen die Helfer zwischen 16 und 30 Jahre alt sein (andere Projekte, der Einsatz beim Almbauern oder im Waldbau, stehen allen Freiwilligen offen). Bezahlung gibt es keine, die Anreise übernehmen die Teilnehmer selbst, Kost und Logis sind umsonst. Warum tut man sich so etwas an? „An den Wetterschwankungen, die Erosion, Hangrutsche und Steinschlag verursachen, sind wir Menschen ja nicht unbeteiligt“, sagt Sophie Lücking, 23, eine der Freiwilligen. „Ich will der Natur etwas zurückgeben.“ Die anderen stimmen zu. „Aber natürlich bin ich auch einfach gerne in den Bergen“, wirft Lücking noch ein. Wieder nicken alle. Besonders viel wollen sie ohnehin nicht über sich oder ihre Motivation reden. Weil sie ihre Arbeit als Selbstverständlichkeit betrachten, nicht als heldenhafte Aufopferung. Weil sie lieber Taten sprechen lassen.

 

Ein Freiwilliger schlägt einen Stützpfosten in den Boden, der dann eine Wegstufe stabilisieren wird.

Fast ohne Einweisungen findet sich von der ersten Stunde an jeder in seine Aufgabe hinein: Steine wegräumen, Erdlöcher füllen, Stufen ausheben, Bretter einsetzen, um diese Stufen zu befestigen, Pfosten, die wiederum die Bretter stützen, in das Erdreich schlagen, Rinnen für das Regenwasser graben. Die Sonne brennt. Manchmal muss sich einer für ein paar Minuten in den Schatten der Latschen legen. Martin Haßlwanter hat sich vorgenommen, eine neue Schneise durch den Latschendschungel zu fräsen. Während der bisherige Pfad steil bergauf verläuft, will der Wegewart eine neue, bequemere Route in die Landschaft legen und obendrein eine kleine Aussichtsplattform zimmern, die den Blick auf einen Kessel voller meterhoher Felsbrocken freigibt. Die Motorsäge jault. Schon bald liegt über der gesamten Baustelle das intensive Aroma der Latschenkiefernöle. Als sollten die Freiwilligen für ihre Arbeit nicht nur mit wunderschönen Ausblicken belohnt werden, sondern auch mit den besten Gerüchen, die die Natur zu bieten hat.

Abends, auf der Hütte, nach dem Duschen, spielen die Freiwilligen Karten, trinken das eine oder andere Bier, diskutieren oder hören „Helli“ Maier dabei zu, wie er Anekdoten aus seinem Leben als Mitglied einer Partyband zum Besten gibt. In diesen Momenten wirken die Freiwilligen eher wie eine fröhliche Gruppe Wanderer als wie ein Trupp Schwerarbeiter. Natürlich macht auch die Gemeinschaftserfahrung einen Teil des Vergnügens aus. Und genießen kann man auch den Muskelkater, die Blasen und die Schwielen, die Schrammen und die Kratzer, die die Freiwilligen an diesem Abend mit Stolz herzeigen. Ein blauer Fleck ist wie ein körpereigener Orden, der Beweis, dass man etwas geleistet, dass man eine Spur hinterlassen hat. Genießen kann man das Gefühl der eigenen Wirksamkeit. „Helli“ Maier sagt: „In meinem Brotberuf als Musikpädagoge sehe ich die Ergebnisse meiner Arbeit erst sehr spät. Wenn ich einen Weg saniere, ist das Resultat sofort spürbar.“

Diesen Wegabschnitt haben die Wegsanierer „Stiegenhaus“ genannt, weil die Stufen so eng gesetzt sind.

Als am nächsten Tag die Gruppe wieder nach oben marschiert, hat sich die Wahrnehmung verändert: Jede Stufe, jede Wurzel, jede Kurve ist eine alte Bekannte. Der Weg ist jetzt ein Bauwerk, das eigene Bauwerk. Und der Witz liegt darin, dass dieses Stück Kultur so natürlich wie möglich aussehen soll. Je besser die Gruppe gearbeitet hat, desto weniger wird einmal darauf hindeuten, dass hier überhaupt eine Baustelle war. Desto weniger wird der Wanderer auf den Weg selbst achten. Und desto mehr auf die Schönheit der Bergwelt.

„Handeln, nicht nur reden!“ lautet das Motto bei den Umweltbaustellen des Österreichischen Alpenvereins. Junge Leute zwischen 16 und 30 werken unentgeltlich, beheben einen Umweltschaden oder helfen der Natur mit einem konstruktiven Beitrag.

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