Die eigenen vier Holzwände

TEXT Gero Günther

FOTOS Peter Neusser

Die Selbstversorgerhütte ist das Gegenteil des Allinclusive-Resorts: Schnee schöpfen, kochen, Holz hacken. Ein Freundeskreis verbringt ein Winterwochenende in einem abgelegenen Haus in den Bergen. Ist das noch Urlaub oder schon Arbeit?

Vier milde, sonnige Tage sagt meine Wetter-App voraus. Tagsüber 15 Grad. Nur nachts soll es winterlich bleiben. Das lange Hüttenwochenende kann beginnen. Zwei befreundete Familien sind wir, Peter und seine Frau Carla mit Tochter Lea, meine Frau Christelle und unser Sohn Baptiste, plus Oskar, ein Kumpel der Kinder. Kinder? Eigentlich sind sie ja mit 18 und 20 schon Erwachsene, die längst ihre eigenen Wege gehen. Umso schöner, dass wir drei Tage zusammen verbringen wollen. Reden, lachen, schweigen. Auch Christelles Geburtstag wird nachgefeiert. Dafür haben wir uns einen Ort ausgesucht, der wenig Ablenkung bietet: eine Stube aus massivem Holz mit sehr viel Schnee rundherum. Unser Rückzugsort liegt auf dem Schwaigerberg bei Westendorf. Unten stehen einige Höfe, dann den Wald vier, fünf Kehren hinauf. Die Straße ist vereist, rechts und links türmt sich der Schnee. Außer uns gibt es hier oben weit und breit niemanden. Genial, sagt Carla, und alle atmen wie auf Befehl tief ein und aus. Von der Hohen Salve bis zum Gassnerkogel erstreckt sich das Panorama der Kitzbüheler Alpen, überzogen vom Tortenguss des Traumwinters.

Spuren eines Jahrhundertwinters: Die Gföllhütte verschwindet unter den Schneemassen.

Ein erstaunlich warmes Willkommen

Lange können die Vormieter nicht weg sein. Die Hütte ist noch warm. Wir stellen die Rucksäcke in die Zimmer, räumen die mitgebrachten Lebensmittel in die Schränke, stellen die beiden Bierkästen in den Schnee und schüren den Ofen. Jetzt gehört sie uns.

Die Gföllhütte ist ein 350 Jahre alter Blockbau. 1.030 Meter über dem Meeresspiegel gelegen. Zwei Stockwerke aus handgehauenen Balken. Drei Schlafzimmer oben, Stube, Küche und ein großes Bad unten. Der Ofen ist das Herzstück der Hütte – und die Eckbank, unter der in dieser Jahreszeit früher die Hühner gackerten. Im Eck hängt ein Kruzifix, daneben noch eine weitere Christus-Darstellung. Darunter sitzt mein Sohn, der dem gemalten Heiland mit seinen langen Locken und dem Bart verblüffend ähnlich sieht. „Stimmt schon“, sagt Oskar. „Nur trug Jesus meines Wissens keine Brille.“

Geheizt wird die Hütte mit Holz, die Scheite lagern neben dem Kamin.

Retrodesign: Fast alles in der Hütte ist aus Holz. Auch Türklinken und -„schlösser“.

Früher Nachmittag. Kaffee drinnen oder draußen? Wenn die Sonne schon mal so schön scheint? Abstimmungsergebnis: 4:3. Also Eckbank. Kerzen anzünden, Kaffee und Tee kochen und Carlas Guglhupf anschneiden. Mit der Stube steht und fällt eine Hütte. Zumindest im Winter. Warm muss sie sein und gemütlich, und diese hier ist wärmer als unsere Wohnungen in München. Manchmal müssen wir das Fenster aufreißen, so warm wird uns. Auf einem Regalbrett stehen ein paar Bücher: Ein belgischer Krimi, Kinder- und Witzebücher, Tiroler Sagen und „Prinzessin Diana. Ihre wahre Geschichte in ihren eigenen Worten“. Auf dem Brett darunter Spielkarten, Schnapsgläser, das übliche Inventar. Irgendwie sehen fast alle Hütten gleich aus. Es kommt auf die Gäste an, was sie draus machen.

Kerzenschein und Sonnenuntergang: Blick auf die Kitzbüheler Alpen.

Aber die Gföllhütte ist schon wirklich ein Prachtexemplar. Das Holz schimmert in Schokoladentönen. Die Ost-und Südfassaden sind fast schwarz. An anderen Stellen ist die Außenhaut der Hütte grau wie der Rücken eines alten Hofhundes. Mit Äxten hat man die Balken früher behauen. Als man im Tal noch Getreide angebaut hat und die Gföllhütte ein Bergbauernhof war.

Ganz schön urig: Die Gföllhütte ist mehr als 350 Jahre alt und liegt auf 1.030 Metern Höhe in den Kitzbüheler Alpen.

Christelle und Carla spazieren den Berg hinunter, um bei einer Sennerin kiloweise Käse zu kaufen. Pete und ich schnippeln Wurzelgemüse und Salat. Die Kids wickeln sich auf dem Balkon in Decken ein. Philosophieren. Oskar hat sich rittlings auf einem Balken positioniert, der unter der Dachluke auskragt. Früher hätte man warnen, mahnen, schimpfen müssen. Zum Glück ist das vorbei. Schwere, niedrige Türen, sogar ich mit meinen 176 cm muss den Kopf einziehen. Mit geschnitzten Griffen und Riegeln. Türen so einfach wie ein Satz aus drei Worten. Mach mich auf. Mach mich zu. Bei der Treppe ins Obergeschoss bin ich mir nicht sicher: Ist das noch eine Treppe oder schon eine Leiter? Man muss sie ganz vorsichtig hinabklettern. Besonders nachts. Das Wasser kommt aus einer Quelle im Wald – und wird durch Rohre ins Haus geleitet. Es gibt einen Boiler und eine heiße Dusche. „Im Winter schadet ein bissl Komfort nicht“, sagt Lea. „Sommers kann ich gut ohne.“

Weise Worte: „Im Winter schadet ein bissl Komfort nicht“, meint Lea. „Sommers kann ich auch ohne.“

Wir haben beschlossen, den gemauerten Außengrill freizuschippen. Aufgabe der Jungs ist es, eine anständige Glut hinzubekommen. Sie hocken vor dem Feuer und pusten, bis ihnen schwindlig wird. Lagerfeuerprofis. „In uns stecken kleine Pyromanen“, sagt Baptiste und stochert in der Glut. Funken sprühen aus dem Ofenrohr. Jetzt, wo es dunkelt, sieht man, dass wir nicht so allein sind, wie es tagsüber schien. Überall piksen Lichter wie Stecknadelköpfe aus der Landschaft. Höfe, Hütten, Pensionen. Drüben im Skigebiet kriechen die Pistenraupen über den Berg.

Den Außenofen mussten die Hüttenbewohner erst freischaufeln.

Und Zack: Oskar macht Kleinholz zum Anfeuern. Auf einer Hütte wird man zum Pyromanen.

Plötzlich kommt Besuch

Nach den Steaks und den Bratwürsten, nach dem Rote-Bete-Salat mit Schafsjoghurt und Äpfeln bekommen wir Besuch. Sepp und Klara sind unsere Vermieter. Sie wohnen einige Kehren tiefer auf einem stattlichen Hof. 40 Stück Vieh, zwei Schweine, eine Ziege und jede Menge Forst. Sepp hat Selbstgebrannten mitgebracht und ein Fotoalbum. Bilder von Familienfeiern und Baumaßnahmen. Kommunionskleider und Dirndln, Koteletten und Dauerwellen. Der Vater, erzählt Sepp, habe die Hütte in den 60er-Jahren gekauft. Für 80.000 Schilling. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Der erste Mieter, so erfahren wir, war ein Münchner Kleinunternehmer. Einen großen Citroën habe der Bayer gefahren und einen Kinderlift gebaut. „Ein erfinderischer Geist.“ Erst viel später hat man die Hütte wochenweise vermietet. An Stammgäste hauptsächlich, wie Klara betont. Einmal sei ein Berliner mit seiner jungen Freundin angereist, erzählt sie: „Den haben seine Kinder überrascht und die falsche Frau vorgefunden.“ Hüttengeschichten.

Dann erzählt Sepp von seiner Zeit als Sennbub. Damals mit 15. „Harte Arbeit.“ Aber schön gemütlich war es heroben auf der Alm. „Weniger Stress gab es früher als heute“, findet Sepp und schenkt uns noch einen Obstler nach. Und dann reden wir über Mondholz und Lastschlitten, Wallfahrten und die großen Portionen, die die holländischen Touristen verdrücken. Beim Abschied laden uns Sepp und Klara zum Kaffeetrinken auf ihren Hof ein. Gerne sagen wir zu, sind neugierig auf den Hof unserer Gastgeber.

Prosit! Die Hüttenfamilie mit ihrem Gastgeber Sepp (ganz links).

Feuer frei: Oskar, Baptiste und Lea heizen den Ofen vor der Hütte ein.

Ich wache mitten in der Nacht auf. Kein Mucks. Kein Knarren, kein Schnarchen, nichts. Dabei hört man in dieser Hütte eigentlich jeden Ton. Der Mond ist fast voll. Draußen ist es so hell, dass man die Berge zeichnen könnte. Eine Landschaft aus Milch, Rahm und Topfen. Am Morgen bin ich der Erste, der aufsteht. Ich setze mich in den Liegestuhl, der neben dem Schuppen im Schnee steckt. Exakt drei Minuten nach acht klettert die Sonne über den gegenüberliegenden Kamm. Plötzlich glitzert und funkelt alles. Der Himmel blau, als hätte man ihn angeknipst. Wenig später kann ich die Kapuze vom Kopf ziehen. Es ist warm geworden. In der großen Birke neben der Hütte singen die Rotkehlchen und Kohlmeisen. Dutzende von ihnen. Am Stadel tropft es aus den Eiszapfen. Das Frühstück also heute draußen. Mit Eiern von Klara und frischer Milch vom Hof. Einen ganzen Eimer haben sie uns dagelassen. Dazu gibt es Käse und Speck, Marmelade und Preiselbeerjoghurt. Brot, das nach Bockshornklee schmeckt, Kümmel und Koriander.

In der Stube: Christelles Strickzeug, Ladekabel, leere Weinflaschen und Bücher, die wir kaum aufgeblättert haben. Statt zu lesen, unterhalten wir uns. Auf der Ofenbank die Gitarre, nach der Oskar mehrmals am Tag greift. „Wish You Were Here“, singt er und „Creep“ von Radiohead.

Anleitung für einen Hüttenurlaub

Lagerfeuer statt Hotelbar, Spieleabend statt Afterparty, Selbstgemachtes statt Vollpension. Beim Urlaub in der Selbstversorgerhütte genießt man die Gemeinschaft mit Freunden und bestimmt selbst das Urlaubsprogramm. Wichtig ist die richtige Vorbereitung – hier sind die wichtigsten Tipps.

Wir tanzen im Bergwald

Drinnen zu bleiben, ist bei diesem Wetter keine Option. Mit den Schneeschuhen stapfen wir den Berg hinauf. Vorbei an Heustadeln, Jagdhütten und klopfenden Spechten. Überall meterhoher Schnee. Die strahlende Sonne verpasst dem Nadelwald eine leuchtende Aura. Beim Abstieg drei Stunden später stecken uns die Kids mit ihrer ungestümen Energie an. Wir hüpfen an steilen Stellen mit den Schneeschuhen in den Tiefschnee. Keine gute Idee, weil nass, aber sehr lustig. Dann stehen wir auf einer Kuppe, tanzen zu Discohits aus dem Handy und filmen dabei unsere extralangen Schatten. „Wie die Bekloppten“, sagt Baptiste.

Mit Schneeschuhen lässt sich die Umgebung stilecht erkunden.

Erst mal den Braten in den Holzofen schieben. Kaffee kochen. Hatten wir nicht noch Schokolade? Christelle und Carla halten eine späte Siesta ab, Lea und Oskar spielen Mühle, ich schneide die Kartoffeln. Ab und zu erklingt die Gitarre. Ansonsten läuft Musik aus den mitgebrachten Lautsprechern. Ry Cooder, Beastie Boys, äthiopischer Jazz. Das Menü zur Geburtstagsnachfeier besteht aus Rinderbraten in Rotwein, Ofenkartoffeln und Orangensalat mit Feta. Obwohl wir keine Ahnung haben, wie der alte Herd reguliert wird, schmeckt das Fleisch hervorragend und hinterlässt eine Eckbank voller müder Menschen. Wir versuchen Rommé mit zwei verschiedenen Decks zu spielen. Leider fehlen die meisten Joker, und das Spiel erlahmt nach ein paar Runden. Wir haben inzwischen zwei Fenster geöffnet, weil es zu warm ist in der Hütte.

Fenster auf! In der Stube wird es so heiß, dass man regelmäßig lüften muss.

Am nächsten Morgen setzen wir uns noch vor dem Frühstück auf die Schlitten. Peter, Oskar und ich. Schon bald wird der Schnee zu weich zum Rodeln sein. Hundert Meter den Hang hinunter. Das reicht zum Aufwachen. Entschleunigung mit Karacho.

„Mit der Karibik kannst du mich jagen“

Und wieder eine Schneeschuhtour. Diesmal zu viert. Nur Peter, Christelle, Lea und ich. Die anderen wollen lieber chillen. „Ist doch so schön hier“, sagt Oskar. Uns aber treibt die Sonne nach draußen. Außerdem verspüren wir einen Bewegungsdrang nach der Völlerei der vergangenen Tage. An manchen Stellen sackt die Schneedecke mit einem dumpfen Geräusch ab. Ein bekanntes Lawinenwarnzeichen – und ein bisschen unheimlich. Wir meiden deshalb allzu steile Hänge, marschieren ein Stück durch den Wald und setzen uns vor einer fremden Hütte in die Sonne. Weiß der Kuckuck, warum sich das Gespräch plötzlich um Themen wie Eifersucht und freie Liebe dreht. Ausgerechnet. Als wir zurückkehren bietet die Hütte ein idyllisches Bild: Auf der Terrasse sitzen sich die Jungs gegenüber. Schach im Anorak. Versunken in das Spiel. Drehzeug und Jazz aus dem Handy. „Madig“, sagt Oskar, als Baptiste seinen Turm einkassiert: „Jetzt kannst du mich safe fertigmachen.“

Spuren im Schnee: Unser Autor macht mit seiner Frau Christelle und Carla eine Schneeschuhwanderung.

Von der Terrasse blickt man auf die Hohe Salve und den Gampen- und Gassnerkogel.

Zeit für unseren Besuch bei Sepp und Klara. Weil Baptiste sich den Fuß verknackst hat, nehmen wir den Wagen und rattern auf Schneeketten ins Tal. Rahmmus gibt es, mit Preiselbeeren, und danach Kaiserschmarren. Klara hat alles auf dem Holzofen zubereitet, aus eigenen Zutaten, versteht sich. Wir löffeln die Speisen direkt aus der Eisenpfanne und bekommen zur Verdauung Vogelbeerschnaps serviert. „Mit der Karibik kannst du mich jagen“, sagt Klara plötzlich: „Ich geh lieber auf die Berggipfel und bleib so, wie ich bin.“

Danach zeigt uns Sepp seinen Hof. Die Sägen und die Traktoren, den Aebi-Transporter und die Schnapsbrennerei. Die Kälber, den Stall mit der trächtigen Kuh und das Heulager. „Dürfen wir?“, fragen die Kids und lassen sich in das Bergheu fallen. Es riecht nach Sommer, nachBlumen, Bienen und Schmetterlingen. Und dann ist wieder Winter. „Was ich an einer Hütte so mag“, sagt Lea, „ist die Gemeinschaft. Dass man in der Stube sitzt und etwas zusammen macht.“ Ohne Verabredung, Whatsapp-Gruppe oder Terminkalender. Einen „kleinen Ausnahmezustand“, nennt sie das. Darauf trinken wir unsere letzten Flaschen Bier. Und dann müssen wir packen.

Hütten-Finder

Ein Häuschen mitten im Nirgendwo: Für Städter und Naturliebhaber Musik in den Ohren. Aber wie findet man das richtige? Eine große Auswahl mit vielen Tiroler Hütten für Romantikurlauber und „Dein Bett auf der Alm“-Sucher gibt’s auf almliesl.com.

Einen schnellen Überblick über Hütten in Tirol finden man auf www.tirol.at/huetten-tirol

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