Die Tiroler Big 5

WOLFGANG WESTERMEIER

JÖRG KOOPMANN & LENE HARBO PEDERSEN

Der Mensch prägt die Natur, aber die Natur auch den Menschen. In Tirol kann man dieses Wechselspiel besonders gut beobachten: anhand von fünf Tieren, die für die Tiroler Seele fast so wichtig sind wie die Berge, in denen sie leben. Steinbock, Steinadler, Bartgeier, Gämse und Murmeltier: In vielen Schutzgebieten in Tirol kann man die Big Five der Alpen in freier Wildbahn sehen. Eine Spurensuche lohnt sich aber auch im Alltag.

Wilde Tiere sind in Tirol ein vertrauter Anblick: Man begegnet ihnen im Supermarkt, an der Liftstation und im Wirtshaus, sie bewachen Hauseingänge und füllen Souvenirshops: Steinadler, Murmeltier, Gams, Bartgeier und Steinbock. Zugegeben, trifft man nicht auf leibhaftige Tiere, sondern auf Aufkleber, Embleme, Gemälde, man trifft sie in Form von Statuen – und von Kuscheltieren. Über etwas, das im Alltag ständig auftaucht, macht man sich selten viele Gedanken. Dabei gibt es nichts, das interessanter ist.

König der Lüfte: Der Steinadler wurde für seine Kraft und Schönheit immer bewundert – als Jagdkonkurrent aber auch bekämpft.

Rote Brust: Von Natur aus ist die Brust des Bartgeiers eigentlich weiß – weil die Vögel aber auf Felsen mit Eisenoxid nisten, verfärbt sich das Gefieder.

Besucher wundern sich vermutlich, warum ihnen in Tirol überall dieser pummelige Nager entgegenblinzelt: im Souvenirshop, auf Schnapsflaschen, ausgestopft an der Restaurantwand. Das Murmeltier, erklärt man dann, gehört zu den „Big Five der Alpen“. Und jeder versteht. Als „Big Five“ bezeichneten früher Jäger in Afrika Elefant, Löwe, Nashorn, Büffel und Leopard. Die Tiere beeindruckten die Menschen so sehr durch ihre Größe, Kraft und Schönheit, dass sie zum Symbol ihres Lebensraums wurden. Noch heute sind Safaribesucher (ohne Gewehr) enttäuscht, wenn sie die „Fünf nicht vollmachen“.

Kuscheltierdiplomatie: Das Fett der niedlichen Tiere wird auch heute noch zu Murmeltiersalbe verarbeitet. Heute sind sie aber mehr Touristenmagnet denn Hausmittel.

Im Alltag verwoben: Der aufmerksame Beobachter findet in Tirol fast überall Hinweise auf die „Big Five“ – auch im hintersten Winkel.

Tiroler und Tirol-Besucher kennen das: Die Freude, wenn man auf einer Bergwiese die Murmeltierpfiffe vernimmt. Der Nervenkitzel, eine Gamsherde in der Steilwand zu beobachten. Die Erhabenheit des Steinbocks in der Ferne. Das Staunen, wenn die Silhouette von Adler oder Geier über den Himmel zieht. Vor jeder Wanderung hofft man, einen der „Big Five“ zu sehen. Gleichzeitig sind die Tiere uns vertraut. Die „Big Five“ vereinen Heimatgefühl und Sehnsucht. Eine starke Kombination.

Exklusive Tipps

Wo man die „Big Five“ sehen kann und wie man sie am besten aufspürt, könnt ihr hier erfahren. Big-Five-Wanderungen

Stütze der Gesellschaft: Vom funktionierenden Naturschutz profitieren nicht nur die Tiere – immer mehr Menschen suchen in Tirol das besondere Naturerlebnis.

Beliebter Hutschmuck: Besonders Jäger sind hinter ihnen her, nicht zuletzt wegen des Gamsbarts, der – anders als der Name vermuten lässt – vom Rücken der Tiere stammt.

Wenn Steinadler oder Steinbock heute in Vereinswappen, Logos und Kunstwerken auftauchen, verbirgt sich dahinter:: die Liebe zur Natur, der Ausdruck einer Identität, die Hoffnung, sich ein wenig von ihrer Kraft zu borgen. Früher lief diese Aneignung nicht nur metaphorisch ab: Dem Steinbock zum Beispiel wurden Heilkräfte nachgesagt, weshalb sein Horn zu Pulver zerstoßen wurde; das Herzkreuzlein – die verknöcherte Sehne des Herzmuskels – trug man als Amulett um den Hals. Die Steinböcke wurden erbarmungslos gejagt, der letzte Bartgeier in Mitteleuropa bereits im Jahr 1887 getötet (weil er im Ruf stand, Lämmer, Hunde und Kleinkinder zu töten). Der Steinadler, galt schon immer als König der Lüfte und schmückte das Tiroler Wappen, wurde aber auch als Konkurrent und Trophäenlieferant bekriegt. Seitdem hat sich unsere Beziehung zu den „Big Five“ gewandelt. Wir sind uns der eigenen Zerstörungskraft zunehmend bewusst und schätzen besondere Naturerlebnisse. Durch gezielte Zucht- und Schutzprogramme haben sich die Bestände in den letzten Jahren erholt. Es reicht uns, wenn wir die „Big Five“ ab und an in der Ferne sehen. Für den Rest des Jahres haben wir die Kuscheltiere.

Stolzer Bock: Hoch oben in den Bergen hat der Steinbock keine natürlichen Feinde – und ist Wanderern gegenüber erstaunlich zutraulich.

Stolz der Hohen Tauern:  Die Tiere der Berge stehen mittlerweile unter besonderem Schutz. Durch Wiederansiedlung in den Nationalparks erholen sich die Populationen.

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