Strukturtalent

TEXT Benedikt Sarreiter

FOTOS Jörg Koopmann

Der Maler Elmar Peintner setzt sich in seinen Bildern immer wieder mit seiner Heimat Tirol auseinander. Einen röhrenden Hirsch hat er noch nie gemalt.

Stimmt es, dass Sie für Ihr erstes bekanntes Bild „Frau Hitt und ihre Kinder“ vier Jahre gebraucht haben?

 

Viereinhalb Jahre sogar. Ich hatte damit neben anderen Arbeiten im zweiten Semester meines Studiums in den 70er- Jahren an der Akademie der bildenden Künste in Wien begonnen. Und dann hat es sich gezogen.

Warum hat es so lange gedauert, das Bild abzuschließen?

Es ist eine großformatige Radierung, eine sehr aufwendige Technik, bei der das Motiv in eine mit Wachs grundierte Kupferplatte geätzt wird. Die 36 Figuren, aber auch die Steine und Felsen im Hintergrund, wurden jede und jeder für sich mit der Radiernadel in den Ätzgrund der Druckplatte geritzt und in sieben Stufen geätzt. Anschließend wird die vom Wachs wieder gereinigte Platte mit Druckfarbe bestrichen, ausgewischt und dann auf Kupferdruckbütten gedruckt. Dadurch werden die Kontraste und Graustufen feiner nuanciert. Das braucht Zeit. Aber es war nötig, weil ich etwa die Gesichter der Figuren so realistisch wie möglich herausarbeiten wollte.

 

Ist es nicht nervtötend, so langsam zu arbeiten?

Es ist spannend. Man verändert sich ja im Lauf der Jahre. Ich habe am Anfang nicht gewusst, wie das Bild werden wird. Woche für Woche bin ich zu neuen Ideen gekommen, zu neuen Kompositionsmöglichkeiten, habe Dinge durchgespielt.

So wie die Idee, sich selbst in das Bild hineinzuzeichnen.

Genau. Ich habe mich im Hintergrund hockend dargestellt, als Beobachter, wie ein Seismograf der Gesellschaft. Diese Radierung ist gesellschaftskritisch, das Motiv geht auf die alte Tiroler Sage von der Frau Hitt zurück. Sie war eine reiche Frau aus Innsbruck, die eines Tages von einer Bettlerin, welche ein Kind auf dem Arm trug, um ein Stück Brot gebeten wurde. Frau Hitt gab ihr einen Stein. Als Strafe für ihre Herzenshärte wurde sie laut Sage in einen Felsen verwandelt, der heute Teil der Innsbrucker Nordkette ist. Er ist auch Teil meines Bildes. Alle dargestellten Figuren, auch ich, haben Kinderkörper und Greisenköpfe, was die Eigenart des Menschen ausdrücken soll, zwar älter zu werden, aber oft menschlich nicht zu wachsen beziehungsweise nicht zu reifen.

Die Mühe hat sich gelohnt, diese großformatige Radierung war der Startschuss Ihrer Karriere.

Ich bekam für diese Radierung an der Kunstakademie den Meisterschulpreis, und Dr. Walter Koschatzky, der damalige Direktor der Wiener Albertina, welche die größte grafische Sammlung der Welt besitzt, wollte diese Radierung unbedingt haben. Die Drucke wurden in den kommenden Jahren auch von anderen wichtigen Museen angekauft und bei zahlreichen internationalen Grafikbiennalen mit Kunstpreisen ausgezeichnet. In zahlreichen Kunstbüchern und Katalogen wurde sie abgebildet.

In Ihrer Klasse an der Kunstakademie waren einige Künstler, die später Teil der Neuen Wilden wurden, einer eher expressionistischen Kunstrichtung.

Das war damals ein neuer Stil in der Malerei, aber ich habe mich darin nicht wiedergefunden. Bereits vor meinem Studium an der Kunstakademie hatte ich einen persönlichen Weg entdeckt, mich zeichnerisch auszudrücken, und den wollte ich weiterentwickeln. Ich wollte mir immer selbst treu bleiben. Dabei war es mir ein Anliegen zu schauen, was unter der Haut ist, ich wollte Dinge und Lebewesen so zeigen, wie sie wirklich sind. Die Kombination „Kinder mit Greisenköpfen“ gab es bei mir auch schon vor der Radierung „Frau Hitt und ihre Kinder“. Ich habe immer schon hyperrealistisch gezeichnet und gemalt. Das heißt aber nicht, dass ich das, was ich sehe, genauso abbilde, wie ich es sehe, sondern ich möchte verschiedene Perspektiven auf die Realität in meinen Arbeiten umsetzen.

Geben Sie ein Beispiel!

Bei meinen Felszeichnungen habe ich versucht, sie nicht romantisch zu überhöhen, sondern ihr Wesen herauszuarbeiten, ihre Strukturen offenzulegen. Felsen verändern sich ständig, bleiben nie gleich. Mit Neuschnee sieht der Fels ganz anders aus als vor dem Schneefall, auch verändert ihn der Wechsel des Tageslichts. Die Natur wird so selbst zum Zeichner. Sie schafft Übergänge und Verwandlungen. Und diese möchte ich festhalten.

„Malen war für mich wie Atmen“

Sie zeichnen also den Archetyp eines Berges.

Ja, Berge und Felsen entstehen aus der Beobachtung und meiner Fantasie. Ich habe allerdings auch Berge und Felsen gezeichnet, die es tatsächlich gibt. Doch ich schreibe ihre Namen nie in den Titel. Bei mir hat jeder Berg, jeder Felsen eine Nummer, welche ich auf die Rückseite des Zeichenpapieres oder der Leinwand schreibe. Im Zentrum steht der Berg als Berg, der Fels als Fels.

Sie sprachen gerade von romantischen Überhöhungen. In Tirol kann man diesen ja nur schwer entgehen. Auf Hauswänden oder in Gastwirtschaften sieht man stilisierte Berg-, Alm- oder Waldmotive. Haben Sie schon einmal einen röhrenden Hirsch gemalt?

Nein, ich wollte nie Dekorationsmaler werden. Die Tiroler Landschaft hat natürlich Einfluss auf meine Kunst. Die Natur hat mich immer fasziniert. Der Vorgang des Wachsens, aber auch ihr Welken. Ich habe über Jahre eine ganze Werkgruppe „Verwelkendes“ gezeichnet. Jedes Leben ist ein Sein zum Tod. Auch hier ging es mir darum, die Strukturen von Blättern, Rinden, Gräsern, Moos und anderem herauszuarbeiten. Das Verwelken bringt diese Strukturen erst zum Vorschein, wie das Altern auch beim Menschen Spuren hinterlässt.

Wie sind Sie eigentlich zur Kunst gekommen?

Meine Mutter war Schneidermeisterin. Als Kind habe ich ihr immer gerne dabei zugesehen, wie sie Entwürfe für ihre Kleider gezeichnet hat. Mein Vater unterrichtete in der Volksschule. In der dritten und vierten Klasse hatte ich ihn selbst als Lehrer. Seine Tafelzeichnungen waren großartig, und er hat auch zu Hause zur Entspannung mit dem Bleistift oder Kugelschreiber viel gezeichnet und Figuren wachsen lassen. Ich selbst habe das auch bei jeder Gelegenheit gemacht, es war etwas ganz Natürliches für mich, es war für mich wie Atmen. Ich habe drei Brüder und drei Schwestern, und trotzdem war in unserem Haus genug Platz, dass ich mir unter dem Dach ein kleines Atelier einrichten konnte.

Und was haben Sie damals gemalt in Ihrem Dachkammerl?

Berge, Felsen, Motive aus der Natur. Vor Kurzem habe ich eine Bleistiftzeichnung gefunden, die ich mit 15 Jahren gemacht habe. Sie zeigt die Krone eines entlaubten Baumes, ich war sehr nahe am Motiv, zeichnete sehr strukturell das Geflecht der Äste und Zweige im Wechsel von Dichte und Durchsichtigkeit. Das hat mich damals schon interessiert. Um diese Zeit bekam ich mit zwei Mitschülern vom Gymnasium die Möglichkeit, im Schloss Landeck auszustellen. Ich hatte sehr gute Kunstlehrer, die mich gefördert haben. Einer ist leider verstorben, zum anderen habe ich bis heute Kontakt. Sie waren Vorbilder für mich.

Sie bewegen sich zwischen extremen Polen. Einerseits stellen Sie auf Kunstmessen und Biennalen überall auf der Welt Ihre Bilder aus, andererseits leben Sie im beschaulichen Imst.

Hier in meinem Atelier kann ich sehr konzentriert arbeiten, da ich nicht das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Aber ich brauche auch die Megacitys: Das hektische Leben in Metropolen wie Peking oder Tokio, wo ich regelmäßig zu Grafikbiennalen und Ausstellungen eingeladen werde, inspiriert mich. Hier zeigt sich das Wesen der Menschen in all der Hektik noch einmal deutlicher. Die Erkenntnisse, die ich dort gewinne, setze ich dann in meiner Kunst um.

Wie hat sich Ihre Arbeit seit den Anfängen verändert?

Bei „Frau Hitt und ihre Kinder“ war die Botschaft klarer ersichtlich als bei meinen aktuellen Werken. Heute arbeite ich freier, setze mehr Farbe ein, manchmal durchdringen sich die Motive, sind transparent. Meine Fragestellung ist jetzt: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ich bin nicht mehr sozialkritisch in der alten Direktheit, die Kritik scheint nur noch durch, meine Kunst ist offener geworden. Mein Hyperrealismus muss im Kontext und in den Fragenkanon zur Wirklichkeit eingebettet werden. Es ist immer wieder interessant, was Sammlerinnen und Sammler alles in meinen Bildern sehen. Dinge, an die ich nie gedacht habe. Aber jeder Mensch bringt nun mal seine eigene Geschichte, seine Erziehung, seine Erlebnisse mit und legt diese dann in seine Betrachtung. Das gefällt mir.

ZUR PERSON

Elmar Peintner wurde 1954 in Zams geboren. Er studierte in der Meisterklasse von Maximilian Melcher an der Akademie der bildenden Künste in Wien und absolvierte eine Lehre beim japanischen Künstler Tetsuya Noda. Seit 1982 wohnt Peintner in Imst. In seinem Haus befindet sich auch sein Atelier. Seine Kunst war und ist weltweit in vielen Ausstellungen zu sehen, allein im Jahr 2016 waren es vierzehn. Peintner erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und das Ehrenzeichen des Landes Tirol.

www.peintner.at

 

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