Über alle Berge

Auf der einen Seite Pistenrummel, auf der anderen Seite ein wildes, unberührtes Tal. Wohl jeder Skifahrer kennt die Versuchung an der Bergstation: einfach auf der falschen Seite abzufahren. Weiß man, wohin die Abfahrt führt, kann man genau das machen. Und an einem langen Wochenende alle Gletscherskigebiete des Landes verbinden – zu einer Grand Tour de Tirol.

TEXT OLIVER STOLLE
FOTOS FRANK STOLLE

Zur besten Zeit, im Spätwinter, gehen die Jahreszeiten fließend ineinander über. Hier: das Zillertal Ende April.

Die Anreise zur Grand Tour funktioniert am besten mit Bahn und Bus: Wer am Anfang kein Auto in Hintertux deponiert hat, kann nach Ende der Durchquerung direkt nach Hause fahren.

Die Wahl-Innsbruckerinnen Teresa Brenner (links, ursprünglich: Oberbayern) und Melissa Presslaber (rechts, ursprünglich: Osttirol) sind eigentlich in steileren skialpinistischen Unternehmungen zu Hause. Die Tiroldurchquerung war für die leidenschaftlichen Freeriderinnen trotzdem ein spannendes Projekt.

Am Start: Geradeaus geht es vom Hintertuxer Gletscher hinab ins Wildlahnertal Richtung Brenner. Vor uns liegen vier weitere Gletscher, fünf große Abfahrten – und ein umfassendes Bergerlebnis rund um die höchsten Gipfel des Landes Tirols.

„Die interessantesten Touren liegen manchmal vor der Haustür. Oft macht man sie nur nicht.“
Teresa Brenner

Powder für die Geduldigen: Nach schneearmem Frühwinter, eiskaltem Januar und nahezu niederschlagsfreiem Februar und März herrschen im Frühling 2017 auf der Abfahrt ins Schmirntal hochwinterliche Bedingungen.

Wer sich mit der Tiroldurchquerung Zeit lässt, hat Chancen auf das Beste aus allen Welten: Pulverschnee in der Höhe, Firn in den mittleren Lagen, Blumenwiesen und gurgelnde Bäche in den
Tälern. Im Vordergrund: Teresa Brenner auf dem Weg zum gleichnamigen Pass. Im Hintergrund spitzt die Wildspitze in den tiefblauen Himmel.

Übergang de luxe: Die besten Freeride-Abfahrten erschließen sich nur dem Falschfahrer. Weil ein Aufstieg zurück ins Skigebiet anstrengend und zeitraubend wäre, bleiben viele der
Varianten auf die „falschen“ Seiten tagelang unverspurt. So wie dieser Hang zwischen Ötz- und Pitztal.

Eine Tiroldurchquerung bietet auch dem Kenner neue Perspektiven: Selbst wer die einzelnen Skigebiete mitsamt der gängigen Varianten seit Jahren frequentiert, wird neue Seiten entdecken, Projekte für kommende Jahre ins Auge fassen – und die Tiroler Berge auf seiner inneren Landkarte miteinander verbinden.

Am Ende der ersten Etappe vom Tuxertal nach Schmirn. Dass man hier auf abgetauten Wegen zu Fuß gehen muss, ist nicht tragisch. Der Abschnitt ist ohnehin flach, mit viel Neuschnee
bis ins Tal hätte man mühsam auf Skiern hinausschieben müssen.

Der beste Freund des Tiroldurchquerers ist der Rucksack. Da passt nicht nur Wasser, Brotzeit und Wechselwäsche rein. Auf den manchmal unvermeidlichen Abstiegen dient er zudem als Skikraxe.

Die Mehrtagestour verlangt ein gutes Orientierungsgefühl. Und man sollte lieber einmal zu oft auf die Karte blicken als einmal zu wenig.

Auch wenn die Lifte viel Arbeit erledigen: Die Distanzen, die auf der Grand Tour überwunden werden, sind groß. Das kann schon einmal zu Erschöpfungszuständen führen.

Hatte auch dieses Mal den Riecher für die richtige Tour zur richtigen Zeit: Teresa auf dem Weg nach oben.

Gefühlt Halbzeit: Am dritten Tag der Reise fahren wir nach dem  Hintertuxer und dem Stubaier Gletscher zum höchsten Punkt des Pitztaler Gletschers. Die Pitztaler Wildspitzbahn beamt uns hinauf auf 3.440 Meter über dem weit entfernten Meer.

„Mit den Liftanlagen macht man einfach viele Höhenmeter. Das ist auch mal angenehm.“
Melissa Presslaber

Auf der Abfahrt unterhalb der Wildspitze ins Taschachtal führt die Tiroldurchquerung durch zerklüftete Gletscher, wie man sie sonst nur aus den Westalpen kennt.

Eine der erstaunlichsten Erkenntnisse der Tour: Schon ein paar hundert Meter von den markierten Abfahrten entfernt findet man sich in hochalpiner Wildnis wieder. Der Lärm ist verschwunden. Und am Himmel ist Platz für das ganz große Wolkentheater.

Einer der wenigen Anstiege unserer Tour führt vom Taschachhaus in Richtung Hintere Ölgrubenspitze. Im Sonnenkessel schmelzen die Trinkwasservorräte schnell dahin. Und am Ende wartet ein
knackiges Kar.

Vor der letzten Abfahrt vom Kaunertaler Gletscher überqueren wir die Grenze zwischen Österreich und Italien.

Zucker hilft! Er gibt Energie nach den entscheidenden Aufstiegs-Metern. Und zwingt zur kurzen Pause, zum Beispiel mit Blick auf die Abfahrt ins Taschachtal (rechts). Die von uns gewählte Variante führt unterhalb der Taschachwand (im Schatten unter der Wolke) entlang bis zum kurzen Gegenanstieg zum Taschachhaus.

Wo kommt sie denn auf einmal her? Dieser Speed-Turn von Teresa fand auf der Abfahrt vom Stubaier Gletscher ins Ötztal statt, sah aber auf dieser Doppelseite – eigentlich viel zu weit hinten in der Geschichte – einfach noch besser aus.

Eine Standard-Tourenausrüstung reicht für die Tiroldurchquerung. Wer mögliche alpinere Varianten mitnehmen will (Gletscher, Grate), packt ein leichtes Seil, Gletscherausrüstung, Steigeisen und Pickel ein.

„Gerade warst du noch im Trubel des Skigebiets. Und plötzlich – totale Einsamkeit!“
Teresa Brenner

Letzte Rast nach der finalen Abfahrt vom Kaunertaler Gletscher. Die Hütte, an der die Skier lehnen, war übrigens nicht eingeplant: Sie stand – wie so viele malerische Accessoires der großen Kulturlandschaft Alpen – rein zufällig an der richtigen Stelle am Wegesrand.

Glücklich, wer gut eingefahrene und eingelaufene Skischuhe hat. So kann man am Ende der Tour entspannt die blasenfreien, ungequetschten Füße kühlen. Ein paar leichte Sneakers passen in fast jeden Rucksack. Lohnt sich!

Haltbar wie vor hundert Jahren: Speck, Bergkäse und Bauernbrot überleben locker vier Tage im Marschgepäck.

Am Ziel: Immerhin gibt es in Melag eine Bushaltestelle, die unsere Rückreise in die Zivilisation ermöglicht.

VON HINTERTUX BIS INS KAUNERTAL
Die Tiroldurchquerung mit 8.000 Höhenmetern Abfahrt und 800 Höhenmetern Aufstieg kann man in zwei Tagen schaff en. Entspannter und spannender ist sie in drei bis vier Tagen. Eine ausführliche Beschreibung mit zahlreichen Varianten fi ndet sich im „PowderGuide Tirol“ von Lorenzo Rieg, Marius Schwager und Lea Hartl (Tyrolia-Verlag).