Glück ist nur heiße Luft

TEXT Wolfgang Westermeier

FOTOS Dominik Gigler

Eine Ballonfahrt im tiefsten Winter — das klingt zunächst irgendwie: kalt und ungemütlich. Dabei ist dieses Abenteuer gerade dann besonders spektakulär (und wärmer, als unser Autor dachte).

Im Angesicht eines Wunders verstummt der Mensch. Auch Helmut sagt für einen kurzen Moment nichts, obwohl er das ja schon Hunderte Male erlebt hat: Die 3400 Kubikmeter Luft im Inneren der Ballonhülle wurden durch den Brenner soweit erhitzt, dass der Quotient von Gesamtvolumen und Masse geringer ist als die Dichte der Umgebungsluft. So lautet die physikalische Erklärung für das, was ich gerade erlebe und kaum zu fassen vermag: Von einem Augenblick zum nächsten verliert der Weidenkorb, in dem wir stehen, den Kontakt zum Boden. Zunächst sind es nur ein paar Zentimeter, Sekunden später bereits zwanzig Meter. Und es geht weiter. Rasend schnell. Wie in einem freischwebenden Fahrstuhl fast senkrecht nach oben.

„Tschüss, liebe Erdlinge“

Derweil hat Helmut zu seinem mitteilungsfreudigen Selbst zurückgefunden und brüllt den Skifahrern, die unseren Start beobachtet haben, ein beherztes „Tschüss, liebe Erdlinge!“ entgegen. Dann heizt er noch mal ein. Lachend und mit drei Höhenmetern pro Sekunde entschweben wir der Welt. Und plötzlich: Stille. Der Lärm der Erdoberfläche verstummt, der Brenner spuckt für einen Moment keine Stichflammen und Helmut schweigt zum zweiten Mal an diesem Tag. Um uns herum nur noch die klare Luft und das endlos weite Bergpanorama. Durch meine Adern strömen Adrenalin, Endorphine und all die anderen lustigen chemischen Stoffe, die das Gehirn in Extremsituationen ausschüttet – und doch ist es einer der friedlichsten Momente meines Lebens.

Der erhabenen Stille der Lüfte ging jedoch ein Höllenlärm voraus. Um den großen Heißluftballon flugfertig zu machen, muss er zunächst „kaltgelüftet“ werden. Um acht Uhr morgens schmeißen der Ballonpilot Helmut Winkler und ich auf einem Parkplatz im Brixental einen generatorbetriebenen Ventilator an, der Luft in die noch schlaffe Ballonhülle bläst. Während Helmut sich darum kümmert, dass alle Seile richtig sitzen, halte ich die Öffnung der Hülle so nach oben, dass die Luft gut ins Innere strömt. Bei zwei Grad Außentemperatur gibt es angenehmere Aufgaben. Aber wer das winterliche Tirol aus der Vogelperspektive erleben will, muss da durch.

Das Abenteuer beginnt früh morgens auf einem Parkplatz im Brixental.

Der Ballon wird kalt gelüftet.

Und mit Luft gefüllt.

„Mit einem Ballon fliegt man nicht, man fährt“

Der Aufbau geht zügig voran. Nach einer halben Stunde ist der Ballon prall gefüllt und startklar. Vor dem Einsteigen muss ich noch einen Zettel unterschreiben, auf dem die Formulierungen „getötet, am Körper verletzt oder an der Gesundheit geschädigt“ vorkommen, dann klettern wir auch schon in den drei Quadratmeter großen Korb. Viel Platz gibt es nicht, in den Ecken stehen Propangasflaschen, direkt über unseren Köpfen hängt der Brenner, eine Art überdimensionaler Flammenwerfer, der die Luft im Ballon erhitzt. Ich gebe ein tapferes „Bereit zum Abflug“ von mir und begehe den ersten Fauxpas, noch bevor wir den Boden verlassen haben: „Mit einem Ballon fliegt man nicht, man fährt“, sagt Helmut. Die Wortwahl geht auf die ersten Ballonfahrer im 18. Jahrhundert zurück, die sich aus dem Vokabular der Seefahrt bedienten. Na dann: Bereit zur Abfahrt.

Bereit zur Abfahrt.

Die Luft im Ballon wird erhitzt.

Wenige Minuten nach dem Start schweben wir Hunderte Meter über dem schneebedeckten Brixental. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sich hier oben Eiskristalle auf meinen Augenbrauen bilden würden. Aber es ist wärmer als am Boden. „Das liegt an der Inversion“, sagt Helmut. Bei dieser Wetterlage legt sich kalte Luft – die eine höhere Dichte hat und damit schwerer ist – wie eine Decke über den Boden. In den oberen Luftschichten ist es dann deutlich wärmer. Hätte ich diese Ballonfahrt mal früher gemacht, denke ich. Etwa in der neunten Klasse, als ich wegen einer schlechten Note in Physik fast sitzengeblieben wäre.

Die Zivilisation entfernt sich langsam.

Neue Perspektiven tun sich auf.

Ein Knacken in den Ohren reißt mich aus meinen Tagträumen. Mittlerweile haben wir eine Höhe von über 2000 Metern erreicht. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich allein mit Helmut und vier hochexplosiven Gasflaschen in einem wackeligen Weidenkörbchen stehe, das nur mit ein paar dünnen Seilen an einem Ballon voller heißer Luft hängt. Aber die grandiose Aussicht lenkt mich ab: Im Norden ragt der Wilde Kaiser mit seinen schroffen Zinnen in die Höhe; eine halbe Umdrehung um die eigene Achse, und ich blicke auf die Hohen Tauern mit den wuchtigen Gipfeln von Großvenediger und Großglockner.

Ich kann es nicht anders beschreiben: To-ta-le Euphorie!  Die schneeweißen Berge scheinen weit weg und doch zum Greifen nah zu sein. Kein Ziel ist unerreichbar: Wir sind die Könige des Horizonts. Erhaben schweben wir über das Tal, unter uns ziehen Häuser, Straßen, Wälder und Skilifte vorüber. Aus der Vogelperspektive wirkt die Landschaft mit ihren natürlichen und menschengemachten Mustern wie ein perfektes Miniatur-Modell. Man kann es den winzigen Skifahrern auf den Pisten gut nachempfinden, dass sie sich so fleißig an den Liftstationen anstellen, um selbst so hoch wie möglich hinauszukommen. An das 360-Grad-Panorama eines mobilen Heißluftballons werden sie aber auch am schönsten Aussichtspunkt nicht herankommen.

Ein Skigebiet aus der Luft.

Das winterliche Tirol von oben.

Natürliche Strukturen werden deutlich.

Ein Bergrücken verdeckt die Sicht auf das dahinterliegende Tal und ich möchte Helmut gerade vorschlagen, ein wenig näher heranzufliegen, äh, zu fahren. Da fällt mir auf, dass ich noch keinen Gedanken daran verschwendet habe, wie man einen Heißluftballon überhaupt steuert. Die knappe (und zunächst beunruhigende) Antwort von Helmut: gar nicht. Tatsächlich ist es dann doch möglich, wenn auch in begrenztem Maß: In unterschiedlichen Höhen wehen unterschiedliche Winde. Möchte der Ballonpilot in eine bestimmte Richtung, muss er eine Höhe mit entsprechender Windrichtung auswählen. Dafür hat Helmut ein kleines Gerät dabei, das auf dem schwarz-weißen Display Informationen wie Höhe, Windrichtung und -geschwindigkeit anzeigt. Trotzdem bleibt der Zufall beim Ballonfahren ein nicht unerheblicher Faktor.

Tirol von oben

Eine Gämse beim Streifzug ertappt. Langläufern beim Skaten zugeschaut. Freeride-Spuren analysiert. Hier findest du noch mehr Bilder von der Ballonfahrt.

Daten, die bei der Steuerung des Ballons helfen.

Helmut hat elf Jahre Erfahrung und beherrscht das Spiel mit den Winden. Nachdem er uns einmal einen Überblick über das gesamte Tal und die umliegenden Berglandschaften verschafft hat, lässt er den Ballon so weit abfallen, dass wir gerade mal zwanzig Meter über den Boden hinwegschweben. Plötzlich kann ich wieder Details erkennen, unter uns verläuft eine Skipiste und ich kann die Wintersportler dabei beobachten, wie sie den Hang hinunterwedeln oder sich mühen, ihre klammen Finger in die Handschuhe zu zwängen. Dabei fällt mir auf, was für ein leises und elegantes Fortbewegungsmittel der Ballon ist: Solange wir nicht im direkten Sichtfeld der Skifahrer auftauchen oder die Sonne verdunkeln, bemerken sie uns nicht. Auch eine Gams lässt sich von unserem Erscheinen nicht weiter stören und hüpft gemächlich durch den Tiefschnee.

Stille Besucher und…

Heimliche Beobachter.

Ich könnte ewig so weiterfahren: Das sanfte Auf und Ab. Die fauchende Stichflamme, wenn der Ballon zu sehr an Höhe verloren hat. Dann wieder friedliche Stille. Die Berghänge, Wälder und Täler, die ich als Skifahrer, Wanderer und Kletterer kennengelernt habe, erlebe ich aus einer völlig neuen Perspektive. Landschaftliche Zusammenhänge erschließen sich, vor meinem inneren Auge spielt sich ein Film ab: wie sich über Millionen Jahre Erdplatten übereinander geschoben und Flüsse in die Täler gegraben haben. Aber kein Glück währt ewig. Bevor die Gasvorräte einen kritischen Stand erreichen, muss Helmut eine geeignete Landefläche finden – schon peilt er eine große Freifläche neben einer Langlaufloipe an. Dann bemerkt er den wehmütigen Ausdruck in meinem Gesicht. Statt weiter abzusinken, wirft er den Brenner noch mal an. Und es geht wieder nach oben.

Der Ballon wird zu Boden gebracht.

Danach wieder zusammengelegt.

Das Abenteuer endet wie es begonnen hat.

Aber nicht ohne Ballontaufe.

Zur Nachahmung empfohlen

Wer in den Weidenkorb eines Heißluftballons steigt, muss erstaunlich viel dem Zufall überlassen: Wo es hingeht etwa. Das ist nämlich abhängig von der Windrichtung in der jeweiligen Luftschicht. Wenigstens den Startplatz kann man sich aussuchen: In Tirol gibt es zahlreiche Anbieter, eine Ballonfahrt kann man fast überall starten – rund um den Wilden Kaiser zum Beispiel mit „Balloning Tyrol

Alle Fotos: Dominik Gigler

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