Grüne Kunst

TEXT Paul-Philipp Hanske

FOTOS Jörg Koopmann & Lene Harbo Pedersen

Ohne die Bergwälder würden Straßen und Siedlungen regelmßig von Lawinen und Steinschlag zerstört. Wie gut kennen wir die Bäume, die uns schützen?

Im Wald erleben wir unsere ersten Abenteuer: Hüttenbauen, Stockkämpfe, Klettern in die Wipfel. Auch später erfreuen wir uns an dem harzigen Duft der Nadelbäume und daran, dass die Zivilisation im Wald endlich mal Ruhe gibt. Aber das ist eine Illusion. So ursprünglich uns der Wald vorkommt, er ist ein Wirtschaftsraum und wird vom Menschen genutzt. Die europäischen Metropolen wuchsen dank Bauholz aus den Alpen. Bis vor 150 Jahren war Brennholz die wichtigste Energiequelle. Und in den Eichen- und Buchenwäldern mästete man Schweine.

Die Bäume sind die einzig wirksame Vorsorge gegen Lawinen, Erdrutsch und Steinschlag

In den Alpen ist die Bindung zwischen Mensch und Wald traditionell noch enger. Die Bäume sind die einzig wirksame Vorsorge gegen Lawinen, Erdrutsch und Steinschlag. „Schutzwald“ heißt der obere Teil des Bergwaldes auch, der die Täler vor Verwüstungen schützt. In den Zentralalpen wird diese Vegetationszone von wenigen Baumarten dominiert. Nur die zähesten Pflanzen wagen sich an die Baumgrenze heran – „botanische Kampfzone“ wird die windgepeitschte Region auch genannt. In Tirol sind es vor allem die Zirben, die diesen Kampf aufnehmen und sich auch noch im steinigsten Boden festkrallen. Je höher es geht, desto krüppeliger, kleiner und schiefer werden die Bäume, ehe sie dann abgelöst werden vom grauen Grün der Bergmatten, das sich einige hundert Meter höher im Geröll verliert. Das süßlich duftende, von zahlreichen Astlöchern gesprenkelte Zirbenholz wird besonders gern zum Ausbau von Stuben verwendet.

Lärchen können uralt werden, weil sie tief wurzeln und seltener von Lawinen mitgerissen werden als etwa Fichten. Diese Bäume, im Norden von Zedlach in Osttirol, sind weit über 500 Jahre alt.

Wandert man abwärts von der Baumgrenze, trifft man bald auf die eleganten, hoch aufschießenden Lärchen, die einzigen Nadelbäume, die im Winter kahl werden und im Herbst lichte Einsprengsel zwischen den dunkelgrünen, majestätischen Tannen bilden. Und man begegnet dem Bergahorn. Dieser prächtige Laubbaum ist in günstigen Lagen noch auf 2.000 Metern Höhe zu finden. Im Schutzwaldverbund kommt dem Bergahorn eine besondere Rolle zu. Seine Wurzeln wachsen schnell und tief, sodass sie sich sogar in bewegenden Geröllhalden festkrallen und diese somit stabilisieren. Der Name Schutzwald ist doppeldeutig. Er schützt Mensch und Tier – aber genau deshalb müssen wir ihn auch schützen. Das wurde nicht immer bedacht. Im späten Mittelalter waren die europäischen Wälder weitgehend abgeholzt. Der Energiehunger der frühen Industrialisierung verschärfte die „Holzkrise“ weiter.

Ein typischer Bergwaldverbund aus Latschenkiefern, Fichten, Lärchen und Ahorn. Der steile Hang wird durch die Wurzeln stabilisiert. Nur wenig höher beginnen die blanken Felsen.

Die Bergwälder waren zwar schwerer zu bewirtschaften, aber doch wurde im 18. und 19. Jahrhundert auch hier geschlagen, was nur ging. Vor allem in der Schweiz gab es Verwüstungen nach Erdrutschen, ganze Gegenden versumpften, weil der Bergwald das Wasser nicht mehr speicherte. Die damals noch junge Forstwirtschaft versuchte mit Aufforstung durch Fichten entgegenzuwirken, da diese extrem schnell wachsen. In den Alpen ist die Fichte heute mit bis zu 30 Prozent des Baumbestandes die häufigste Art. Und das ist ein Problem: Denn der Klimawandel setzt den Fichten arg zu. Die flach wurzelnden Bäume vertragen Wärme und Trockenheit nur schlecht, werden anfälliger für Sturmböen und stabilisieren den Hangboden immer weniger. Aber die Forstwissenschaft hat ihre Lektion gelernt und setzt wieder vermehrt auf andere Bäume: die Tanne zum Beispiel, die den alpinen Wald einst dominierte, zwar langsam wächst, sich aber mit ihrer Pfahlwurzel fest im Boden verankert. Naturgeschichtlich war der Siegeszug der Fichte also nur ein Wimpernschlag – ein Zeichen der Hybris des Menschen. Der beste Architekt des Schutzwaldes bleibt eben die Natur.

Ein sehr alter Bergahorn in der Nähe von Haslach. Das Holz des Bergahorns ist hell und hart – und deshalb bei Schreinern sehr beliebt.

Info

Aktuell gibt es 258 Naturdenkmäler in Tirol. Neben Seen und Felsformationen werden vor allem Bäume und Baumgruppen geschützt – denn Naturdenkmäler dürfen nicht verändert, entfernt oder zerstört werden. Die Umweltschutzabteilung des Landes Tirol hat ein Buch zum Thema veröffentlicht: „Von Bäumen, Quellen und Wasserfällen“. Und es soll auch noch grüner werden: Seit Kurzem können Tiroler Gemeinden für öffentliche Plätze vom Land Tirol kostenlos Bäume bestellen.

Eine ungewöhnlich hohe Zirbe in Kalkstein, am Ende des Villgratentals, neben der Kirche/Pfarrhaus Maria Schnee.

In Tirol sieht man den Baum vor lauter Wäldern nicht. Zirbe, Eibe und Ahorn prägen Landschaft und Wirtschaft. Aber wann feiern wir schon den einzelnen, prächtigen Baum?  Jetzt! Hier! Eine Hommage an die ältesten, höchsten und einfach tollsten Bäume des Landes.

Eine Eibe oberhalb der Plumsalm mit Blick ins Risstal. Diese Baumart starb im Mittelalter fast aus, weil das sehr harte Holz für die Produktion von Armbrüsten verwendet wurde.

Ein Ahornbaum im Karwendelgebirge. Der große und der kleine Ahornboden sind nach den bis zu 600 Jahren alten Bäumen benannt.

Lärchen im Zedlacher Paradies in Osttirol. Lärchen sind neben Kiefern die klassischen Nadelbäume Tirols. Ihr Holz wirkt aufgrund der ebenmäßigen Maserung sehr edel.

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