Guter Stoff

TEXT Pauline Krätzig

FOTOS Martin Fengel

Der Taschnermeister Helmut Schmarda aus Innsbruck stellt seit Jahrzehnten Rucksäcke her. Sein Erfolgsrezept: nur nichts ändern.

Mit 17 Jahren haben Sie sich das Genick gebrochen. Schön, dass Sie hier sind.
Das war am 13. Juli 1956. Ich bin im Schwimmbad in ein seichtes Becken gehechtet. Das war bloße Angeberei und saudumm. Damals war ich im dritten Jahr bei meinem Vater in der Lehre. Die musste ich dann erst mal unterbrechen. Sechs Wochen lang lag ich mit einem Metallring um den Schädel und einem Schultergestell reglos im Bett. Danach hatte ich bis Weihnachten einen Gips bis unter die Ohrwascheln.

War es für Ihre Familie selbstverständlich, dass auch Sie Taschner wurden?
Für mich war es selbstverständlich. Ich war ja schon als Kind in der Werkstatt, hab dem Vater beim Nähen zugesehen und Pakete zur Post gefahren. Natürlich hat es mich irgendwann gejuckt, selbst die schweren Maschinen zu bedienen.

HELMUT SCHMARDA

1911 brachte Großvater Josef Schmarda die Taschnerei von Wien in die Maria- Theresien-Straße 3 nach Innsbruck, der Vater Robert übernahm 1939, sogar Mutter und Großmutter arbeiteten während des Krieges im Betrieb. Helmut Schmarda, geboren 1939, lernte zwei Jahre beim Vater, danach in Lederfabriken in London und Offenbach. Nach seiner Meisterprüfung übernahm er 1972 den Familienbetrieb. Die Werkstatt versteckt sich heute im Stöcklgebäude Hausnummer 7 – am Ende eines Gangs, vorbei an einem Nagelstudio. Ein Ladengeschäft gibt es nicht mehr, dafür einen Online-Versand. Dazu beliefert Schmarda Händler in Österreich und Deutschland. Auf Messen geht er nicht: „Ich will nicht drei Tage in der Gegend rumstehen. Wer Fragen hat, ruft an.“

Ihr Vater hat vor allem Fernglasköcher hergestellt.
Als ich die Taschnerei 1972 übernommen habe, waren wir noch zu 80 Prozent für Swarovski Optik tätig. Die passenden Köcher, Schnallen und Riemen zu den Ferngläsern, Teleskopen und Zielfernrohren haben wir geliefert. Mit dem Plastikboom in den 80er-Jahren fing die Firma an, Gläser mit Gummiarmierung zu fertigen. Die machten einen zusätzlichen Stoßschutz überflüssig, und die meisten unserer Artikel wurden ausgemustert. Plötzlich brach uns das Hauptgeschäft weg. Und ich musste mir etwas einfallen lassen.

Von den alten Stanzschablonen für die Fernglasköcher von Swarovski Optik kann Schmarda sich nicht trennen.

Was?
Ein befreundeter Vertreter hat mich damals an einen bekannten Grazer Wanderrucksack-Hersteller vermittelt. Die wollten mir für eine Millionen Schilling, also etwa 70 000 Euro, das Schnittmuster für einen Jagdrucksack verkaufen. Ich mochte die Idee, aber eine Million für so ein „Modell Wilderer“ war mir viel zu teuer. Also habe ich meinen eigenen Jagdrucksack konzipiert.

Wie haben Sie das genau gemacht?
Ich habe Jäger gefragt, wie der ideale Rucksack aussieht – zum Beispiel benötigt er Riemen für den Gewehrkolben und den Lauf und eine gut belüftete Einlage für das Wildbret, damit es nicht verdirbt. Jeden Prototyp habe ich die Jäger tragen lassen und mir ihre Verbesserungsvorschläge angehört. Es hat vier Jahre  gedauert, bis der „Atlas“ perfekt war – quasi mein Meisterstück. Vom „Atlas“ machen wir 30 bis 40 Stück im Jahr. Es gibt mittlerweile aber auch fünf reduzierte Jagdmodelle in verschiedenen Größen.

Was kostet das Standardmodell des „Atlas“?
180 Euro.

Wie lange dauert es, einen Rucksack fertigzustellen?
Musterschnitt, Riemen stanzen, Ösen stanzen, Schnallen montieren – etwa eineinhalb Stunden. Wir setzen auf das alte Handwerk und auf bewährte Herstellung. Die meisten Maschinen in der Werkstatt sind noch von meinem Großvater, zum Beispiel die Nähmaschine von Adler am Eingang – die ist 100 Jahre alt und macht immer noch die schönsten, filigransten Nähte. Wir verwenden auch seit drei Generationen natürliche, robuste Materialien: Rindsleder, Filz, steirischen Loden und Segelleinen.

Stellen Sie wirklich alles von Hand her?
Meine Serienmodelle lasse ich seit 2004 nach meinen Mustern in einer tschechischen Fabrik fertigstellen. Auftragsarbeiten, Sonderfertigungen, Reparaturen machen wir aber noch hier.

Wie viele Menschen arbeiten bei Schmarda?
Nur noch zwei. Wir hatten einmal 14 Mitarbeiter. Die Plastikwelle war hart für uns. Es haben in den 1980er-Jahren auch viele Webereien geschlossen, die Stoffe wurden knapp.

Ist Leinen denn überhaupt wetterfest genug für einen Rucksack?
Die Fasern von Leinengewebe dehnen sich bei Nässe aus. Der Stoff wird dadurch wasserdicht, und die Jause bleibt trocken. Da kann jede Kunstfaser einpacken: Entweder saugt sie Wasser oder ist nicht atmungsaktiv, dem Jäger knistert sie zu laut, und sie ist längst nicht so langlebig wie Leinen und Leder.

Das Netzpolster hinten am „Atlas“ ist aber aus Kunststoff?
Natürlich muss ich manchmal auch auf synthetische Stoffe zurückgreifen. Das gespannte Mesh durchlüftet verschwitzte Rücken nun mal besser. Und die Brustholster der Funkgeräte für die Tiroler Bergwacht brauchen schnelle Klickverschlüsse. Ich wähle aus meiner Erfahrung immer das Material, das sich am besten eignet.

Wer sind denn eigentlich Ihre Käufer – doch nicht nur Jäger, oder?
Der einzige Profi-Jagdrucksack, den ich anbiete, ist der „Atlas“ – dem Alltagsmenschen dürften Schweißeinlagen und die EU-Richtlinien für Fleischhygiene ja wurscht sein. Grundsätzlich eignen sich die Jagdrucksäcke genauso gut zum Einkaufen oder für einen Ausflug an den See. Dazu kommt ein charmantes Extra: Schlitztasche mit Innenfach, die fast alle meine Modelle am Rücken haben. Der Jäger nennt sie  Hasentasche, weil er den erlegten Hasen darin ohne Aufhebens verstauen kann. Der Nicht-Jäger kommt dafür mit einem Griff an seine Handschuhe oder die Wanderkarte. Inzwischen habe ich auch kleinere Damen- und Kinderrucksäcke aus Leinen und Loden im Sortiment. Und wir machen auf Anfrage Taschen für Laptops, iPads und Smartphones. Die Wünsche der Kunden sind ein bisschen ausgefallener und modischer geworden: Einer wollte mal eine Tasche aus Fahrradschläuchen, ein Italiener eine passende Hundeleine zum Rucksack.

Man sieht ja derzeit auch in den Großstädten viele Menschen mit Leinenrucksäcken. Haben Sie speziell etwas für den Wiener oder Berliner Hipster im Angebot?
Den „Schnerfer“. Er sieht modern aus, kommt aber ursprünglich aus dem Salzkammergut. „Schnerfer“ ist Mundart und bedeutet: Waidsack. Ein minimalistischer Rucksack, der gerade mal 700 Gramm wiegt. Außer zwei Metallnieten besteht er nur aus Leinen und naturbelassenem Leder. In dem „Schnerfer“, der hier liegt, sind zwei Gamsfelle verarbeitet.

Nutzen Sie privat auch Rucksäcke der Firma Schmarda?
Natürlich. Ich gehe zum Beispiel jeden Sonntag zwei Stunden mit meiner Frau oder meiner Schwester wandern. Da habe ich einen Rucksack von uns dabei, aber ein kleines, leichtes Damenmodell, wegen meines Rückens.

Schon mal einen Finger angenäht oder unter der 25-Tonnen-Stanzmaschine gequetscht?
Ich habe mir in meinem Leben viel gebrochen: Genick, Oberschenkel, Handgelenk und vor zwei Monaten bei einem Sturz die unteren Rückenwirbel. Bei der Arbeit habe ich mich aber in 70 Jahren nicht einmal verletzt.

Wer wird einmal den Betrieb übernehmen?
Da stellen Sie mir eine Frage. Ich hatte mal einen trockenen Säufer bei mir aufgenommen. Sieben Jahre hat er hier gearbeitet. Er war ein Perfektionist, ein Könner! Bei dem dachte ich, der wird mein Nachfolger. Dann ist er rückfällig geworden, und ich habe ihn rausgeschmissen. In zwei Jahren bin ich 80, dann sehen wir weiter. Können Sie so lange auf eine Antwort warten?

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