Eine Seillänge voraus

ALEXANDER ZIMMERMANN

Hundert Jahre alt oder moderne Klassiker aus den 80er Jahren: In den Tiroler Alpen gibt es zahlreiche Mehrseillängenrouten von kletterhistorischer Bedeutung. Mal steht das Genussklettern im Vordergrund, mal eher die technische oder psychische Herausforderung. Lohnend sind sie allemal. Doch auch, wenn man sie gar nicht wiederholen möchte, ist es spannend, wie viele Kletterlegenden in Tirol ihre Hände an den Fels gelegt haben. Auf den Spuren von Hias Rebitsch, Hermann Buhl, Wolfgang Güllich, Hans Dülfer und Darshano L. Rieser.

1. Versichert auf den Olperer

Walter Lindner beim Einstieg in den Olperer-NO-Grat. Foto: Darshano L. Rieser

Nicht nur Klassiker, auch Dauerbrenner: Die Besteigung der Olperer Nordostwand über den Nordostgrat. Einstieg auf rund 3200 Metern über die Wildlahnerscharte. Natürlich braucht es vorher die entsprechende Stärkung – entweder ostseitig auf der Gletscherhütte, oder westseitig auf der Geraerhütte, von der aus es über den Olperergletscher zum Einstieg geht. Harmonische Kletterei im zweiten Grad mit lediglich einer lösbaren Schlüsselstelle (3. Grad). Der Grat ist größtenteils versichert. Dennoch braucht es für die knapp 350 Meter lange Route zum Gipfel neben einem Einfachseil Karabiner oder Expressschlingen – allzu häufig müssen diese allerdings nicht eingesetzt werden. Für den Zustieg ist zudem Gletscherausrüstung nötig.

Erstbegehung: 1879

Erstbegeher: Emil und Otto Zsigmondy

Schwierigkeit: 3. Grad

Kletterlänge: 350 Meter

2. Klassiker für Granit-Liebhaber: Grundschartner 

Darshanol L. Rieser lässt den Alpinjournalisten Hans Steinbichler und dessen Sohn in den Genuss des Mittergrats am Grundschartner kommen. Foto: Darshano L. Rieser

Besten Granit und ein durchgehend eindrucksvolles Panorama bietet einer der Klassiker in den Ostalpen: die Mittergrat-Nordkante auf den Grundschartner in den Zillertaler Alpen (Titelbild). Im fünften und sechsten Grad geht es oberhalb der wild-romantischen Boden-Alm auf den Dreitausender (3.061 Meter). Zwar ist die Route technisch ebenso wie konditionell anspruchsvoll, doch nach kniffligen Passagen folgen gute Standplätze. Neben einem 60-Meter-Seil sollten Klemmkeile, Friends und unterschiedliche Bandschlingen im Gepäck sein.

Erstbegehung: 1928

Erstbegeher: Peter Aschenbrenner, Willi Mayr

Schwierigkeit: 6. Grad

Kletterlänge: 710 Meter

3. Unter Dach und Fach: Sagzahn

Erstbegehung der Route „Buhl bleib Cool“ (VII+) durch die Seilschaft Darshano L. Rieser & Hp J. Schrattenthaler. Die Route verläuft bohrhakenfrei direkt links der Buhl-Dachverschneidung durch die Sagzahn-Ostwand im Rofan-Gebirge.

Die Buhl-Dachverschneidung macht ihrem Namen alle Ehre und führt als moderner Klassiker über die Ostwand auf den Sagzahn (2.228 Meter) im Rofangebirge. Umgebungen von der vielfältigen und gleichzeitig schroffen Karstlandschaft geht es von der Ziereiner-Alm zum Einstieg, die direkt mit einer Verschneidung beginnt. Entlang der Verschneidung geht es zum ersten und zum zweiten Dach, die durchstiegen werden müssen. Die reine Kletterdauer beträgt etwa vier Stunden, die Dach-Passagen sind durchaus anspruchsvoll und eher erfahrenen Kletterern zu empfehlen. Schwierigkeit: VI+.

Erstbegehung: 1947

Erstbegeher: Hermann Buhl, Fritz Stadler

Schwierigkeit: 6. Grad

Kletterlänge: 130 Meter

4. Ganz ursprünglich auf den Taufenkopf

Darshano L. Rieser während der Erstbegehung der Route „Sei Poet“. Foto: Gerhard Hörhager

Unberührt, ursprünglich bohrhakenfrei, herausfordernd, lohnend: Man muss kein Hellseher sein, um die von Darshano L. Rieser erstbegangene Route „Sei Prophet“ auf den Taufenkopf in den Zillertaler Alpen zu erklimmen. Hier kommen besonders Freunde der Risskletterei auf ihre Kosten – voller Körpereinsatz ist in manchen Passagen gefragt. Da darf man nicht nur Keile legen, sondern gerne auch mal Faust, Knie oder den ganzen Arm zum Verkeilen nutzen. Eine lohnende Herausforderung ist zudem das gesamte „Täufer-Quartett“ von Darshano. Denn neben dem inzwischen sanierten„Sei Prophet“ führen auch seine Kreationen „Sei Poet“, „Sei Chaot“ und „Sei Godot“ auf den Taufenkopf.

Erstbegehung: 1984

Erstbegeher: Darshano L. Rieser, Gerhard Hörhager

Schwierigkeit: 8. Grad

Kletterlänge: 200 Meter

5. Sanierte Paradetour in der Fleischbank

Knackiger Einstieg, dann in den Schlüssellängen sehr gute Absicherung durch Bohrhaken – die Rebitsch-Spiegl-Führe, die in den letzten Jahren saniert wurde, verläuft meist entlang von Rissen durch den festen Kalk der Fleischbank-Ostwand im Wilden Kaiser. Zudem fordern einige Verschneidungen etwas technisches Geschick von den Kletterern. Wurde bei der Erstbegehung lediglich mit Holzkeilen und Haken gesichert, muss man heute nur noch im oberen und zugleich etwas leichteren Teil der Route seine eigenen Sicherungen legen. Der Zustieg erfolgt über die Griesneralm in Richtung Stripsenjoch und dann durch die Steinerne Rinne. Wer am Ende noch Kraft übrig hat, kann den Ausstieg von „Vertical Tango“ (8-) dranhängen.

Erstbegehung: 1946

Erstbegeher: Mathias Rebitsch, Sepp Spiegl

Schwierigkeit: 6. bis 7. Grad

Kletterlänge: 300 Meter

6. „Dülfer“ – Eine Frage der Ausdauer: Totenkirchl

Mit über 600 Metern ist die „Dülfer“ durch die Totenkirchl-Westwand einer der langen Klassiker, die einiges an Kondition abverlangen. Dafür gibt es sehr guten, griffigen Fels, nur selten muss man mit brüchigen Tritten oder Griffen rechnen. Gebohrte Stände erlauben zudem ein entspanntes Durchatmen.  Gestartet wird entweder vom Hans-Berger-Haus oder über das Stripsenjoch – von beiden Richtungen aus geht es zur Winklerschluch. Dort befindet sich der Einstieg in die Tour. Die größte Schwierigkeit im Nasenquergang lässt sich als Seilzug-Quergang entschärfen. Mobile Sicherungen sollte man auf jeden Fall dabeihaben, auch wenn Teile der Route mit Haken abgesichert sind.

Erstbegehung: 1913

Erstbegeher: Hans Dülfer, Willi von Redwitz

Schwierigkeit: 6. Grad

Kletterlänge: 660 Meter

7. Hier geht’s „Locker vom Hocker“

Wolfgang Müller und Darshano L. Rieser bei der vierten Wiederholung der „Locker vom Hocker“-Route . Foto: Darshano L. Rieser

Nicht nur die Route selbst, auch die Namen der Erstbegeher sind bei „Locker vom Hocker“ an der Schüsselkarspitze im Wettersteingebirge echte Klassiker: Wolfgang Güllich und Kurt Albert durchstiegen die abwechslungsreiche Tour mit Rissen, Platten und Verschneidungen erstmals im Jahr 1981. Die mit fordernden Platten gespickte Tour steht heute unter „Kletterdenkmalschutz“. Hier geht es abwechslungsreich zur Sache, die Sicherung erfolgt meist händisch – in der Route sind nur wenige Bohrhaken zu finden.

Erstbegehung: 1981

Erstbegeher: Wolfgang Güllich, Kurt Albert

Schwierigkeit: 8. Grad

Kletterlänge: 280 Meter

Noch mehr Mehrseillängenrouten?

Vom Tiroler Oberland bis in die Steinberge, vom Tannheimer Tal bis nach Osttirol: Mehr als 600 Kletterrouten über mehrere Seillängen, mit Topokarten und detaillierten Routenbeschreibungen, in den Schwierigkeitsgraden, die zum persönlichen Können passen, finden sich auf  der Website von Climbers Paradise.

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