In anderen Sphären

TEXT Wolfgang Westermeier

FOTOS Dominik Gigler

Aus dem Tal blickt man nach oben. Vom Gipfel aus in weite Fernen. Wenn man in einem Heißluftballon hoch über der Erde schwebt, verändert sich erneut der Blick auf die Welt: Bei einer Reise über das winterliche Tirol werden das System im Chaos und verborgene Zusammenhänge im Gebirge erkennbar – und man versteht, wie klein der Mensch ist.

 

Seit Anbeginn der Zeit träumt der Mensch vom Fliegen. Heute aber sind Drohnen und Google Earth Teil des Alltags. Verstehen wir wirklich, was wir von dort oben sehen, wenn wir nicht da sind?

Der Mensch hat sich noch nie mit der Zweibeinerperspektive begnügt. Seit jeher bastelt er an allerlei Geräten, die ihm helfen, seine körperlichen Grenzen zu überwinden: Kutsche, Segelboot, Auto, Drohnentaxi – die Zivilisationsgeschichte lässt sich anhand der Hilfsmittel erzählen, mit denen wir Ziele schneller erreichen oder einen neuen Blick auf die Welt bekommen wollen. Der Inbegriff dieses Höher, Schneller, Weiter ist der Traum vom Fliegen. In der griechischen Mythologie schwangen sich Dädalus und sein Sohn Ikarus mit Kunstflügeln auf – nur, um für ihren Übermut bestraft zu werden. Die Götter wollten sich ihr Privileg, die Draufsicht, nicht streitig machen lassen.

In Tirol ist einem der Blick von oben dennoch recht vertraut. Doch vom Gipfel schaut man eher in die Ferne statt „auf“ die Welt. Gut, es gibt die Wildspitzbahn im Pitztal, die einen auf 3.440 Meter Höhe bringt. Und riesige Steilwände. Aber wer wagt sich so nah an den Abgrund? Die Tragödie des Ikarus hat uns jedenfalls nicht davon abgehalten, es weiter zu probieren: Es ist kein Zufall, dass der erste Flug der Montgolfière – des ersten Heißluftballons – mit der Aufklärung und der Französischen Revolution einherging. Und Luftfahrtpioniere und später Astronauten als Superhelden gefeiert wurden. Frei nach „Startrek“: „Sie gehen dahin, wo der Mensch nichts verloren hat.“

Heute ist der Blick von oben für viele alltäglich: Fliegen ist sicherer als Autofahren. Drohnen sind ein normales Werkzeug. Und wer sich fragt, wie sein Haus von oben aussieht, startet Google Earth auf dem Smartphone. Im Alltag geht jedes Wunder unter.

Die letzten Entdecker sind Ballonfahrer und Gleitschirmflieger, die sich von freundlicher Thermik tragen lassen. Die erlebte Draufsicht verändert alles: Der Wind pfeift, und doch ist es still. Das Chaos der Welt ebbt ab – und es entsteht ein Bild der Klarheit. Die Spuren der einzelnen Skifahrer am Hang werden zu einem Gesamtkunstwerk. Plötzlich erkennt man, dass alle Höfe nach einem ähnlichen Muster gebaut sind. Versteht endlich die Vegetationszonen und die Bergkämme, für die man im Tal, wenn man sich nur nach dem Navi richtet, keinen Sinn hat. „Overview Effect“ nennt man die bewusstseinsverändernde Wirkung des Höhenflugs. „Ich fühlte mich nicht wie ein Riese“, sagte Neil Armstrong. „Ich fühlte mich sehr klein.“ Gerade weil wir heute so viele Satelliten- und Drohnenfotos zu sehen bekommen, lohnt es sich herauszufinden, wie es wirklich ist, da oben.

Eine Ballonfahrt im tiefsten Winter — das klingt zunächst irgendwie: kalt und ungemütlich. Dabei ist dieses Abenteuer gerade dann besonders spektakulär (und wärmer, als unser Autor dachte). Wir haben eine Ballonfahrt über das winterliche Tirol begleitet.

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