Ho-La- Di-Ho, macht mich das Jodeln froh?

MAXIMILIAN REICH

MARTIN FENGEL

Normalerweise singt unser Autor nur unter der Dusche – und da auch lieber Popsongs. Jetzt macht er halt mal eine Ausnahme: Unter Anleitung der Tiroler Musiker Martha und Reinhard Schwaizer lernt er das Jodeln (ohne Diplom).

Wie macht die Kuh? Mmuuh!
So, damit hätte ich dann auch schon meine erste Lektion im Jodeln gelernt. Eigentlich gar nicht so schwer.

Ich sitze in der Gaststube des Reschenhofs in dem kleinen Örtchen Mils zusammen mit dem Ehepaar Martha und Reinhard Schwaizer, die mir heute das Jodeln beibringen. Na ja, zumindest wollen sie es versuchen. Singen konnte ich nämlich noch nie. Meine Stimme klingt wie eine Disney-Elfe, der man auf den Flügel tritt. Macht aber nichts, sagt Frau Schwaizer, denn „Jodeln kann jeder lernen, dazu braucht man keine Stimme wie ein Superstar.“ Und sie muss es wissen. Schließlich tritt sie mit ihrem Mann schon seit 55 Jahren als Jodlerin auf der Bühne auf und veranstaltet Jodelworkshops für Schulklassen. Viel schlechter als ein paar Schulkinder werde ich ja wohl auch nicht sein. Hoffe ich.

Aber unter uns: Als Großstadtkind habe ich natürlich keinen Schimmer vom Jodeln. Wer bei uns an der Schule gejodelt hat, der bekam im Pausenhof die Unterhose bis zu den Achseln hochgezogen. Über so was haben wir früher bloß Witze gemacht. Und nicht nur wir. Der Sketch von Loriot mit dem Titel „Jodeldiplom“ ist ein Klassiker. Aber wie sagt meine Oma immer? Früher war alles anders. Heute erfreut sich das Jodeln einer zunehmenden Beliebtheit, gilt als urig, authentisch und, ja, fast cool. In meiner Heimatstadt München findet jedes Jahr das Festival „LAUTyodeln“ statt, und in Luzern in der Schweiz kann man Jodeln mittlerweile sogar an der Hochschule studieren. Wenn jetzt plötzlich jeder jodelt, dann möchte ich das natürlich auch mal ausprobieren und herausfinden: Wie geht das eigentlich? Wie fühlt es sich an? Und: Kann ich das überhaupt?

Maximilian Reich ist in München aufgewachsen und verbringt gerne Zeit in den Bergen. Früher fand er Jodeln eher albern, aber er übernimmt keine Garantie, dass ihm in Zukunft auf einem Gipfel nicht ab und an ein Jodel-Juchzer entfliehen wird. Im April erscheint sein Roman „Muttersöhnchen“.

Das Hauptmerkmal der Kunstrichtung ist der sogenannte Jodelschlag. „Dabei wechselt der Sänger zwischen der Brust- und der Kopfstimme hin und her“, erklärt Herr Schwaizer, der mit Gitarre auf dem Schoß neben mir sitzt. Dadurch ist der Jodel auch über weite Entfernung hörbar, und die Senner konnten sich von Alm zu Alm verständigen – denn Jodeln, lerne ich, ist kein volkstümlicher Gesang, sondern ein Kommunikationsmittel.

Worin sich Kopf- und Bauchstimme unterscheiden? Herr Schwaizer gibt ein kräftiges MMUH von sich und fordert mich auf, es ihm nachzumachen. Das tiefe „Mhmmm…“ kommt aus der Brust und ist im Grunde unsere normale Stimme. Das hohe „… uuuhhh“ ist die Kopfstimme. „Das fühlt sich an, als ob der Ton irgendwo bei den Augen herauskommt“, sagt Frau Schwaizer. Und tatsächlich habe ich nach ein paar Kuh-Lauten das Gefühl, dass mein Kopf ganz rot ist. Könnte aber auch die Schamesröte sein, wir haben nämlich Publikum angelockt. Zwei Kinder stehen schüchtern an der Tür und gucken, wer der Irre ist, der hier in der Wirtsstube die ganze Zeit den wilden Stier spielt.

Martha, Maximilian und Reinhard beim Jodeln.

Einen Text hat ein Jodler übrigens nicht: Er besteht lediglich aus einer Abfolge von Silben, also beispielsweise: „Ho-La-Di-Hi-Ti“. Dabei gibt es mehrere Arten von Jodlern, zum Beispiel neben der klassischen Melodie auch schnelle Jodler, bei denen der Sänger sehr zwischen Brust- und Kopfstimme hin und her wechselt, so zackig wie ein Specht. Das ist so schwer, dass man auch vom „Kunstjodeln“ spricht. „Das kann man nicht lernen, das ist einfach Talent“, meint Herr Schwaizer. „Von uns beiden kann das nur die Martha.“ Und dann stimmt Schwaizer seine Gitarre an für einen Echo-Jodler. Die gibt es nämlich auch. Almrufe, die der Jodler oben auf den Gipfeln gegen die massiven Bergwände schmettert und die dann klangvoll zurückprallen.

Schwaizer singt: „Ho-He-Hi“, Dann wirft er mir einen auffordernden Blick zu und wiederholt noch mal langsam: „Hoooo.“
Und Frau Schwaizer macht auch: „Hoooo.“
Und ich mache: „Höööö.“
Frau Schwaizer: „Na, da müss ma mit
der Stimme aufsteigen.“
Ich: „Huuuu.“
Frau Schwaizer: „Na, net so hoch.“
Ich: „Hoooo.“
Frau Schwaizer: „Sehr gut.“
Und dann singen wir alle im Chor:
„Ho-He-Hi.“
Und Herr Schwaizer macht weiter:
„Ho-He-Hi-Ho-He-Hi-Ri-Ja-Hu-Di.“
Ich: „Ho-He-Hi-Ho-He … äh …“ Mist, ich hab vergessen, wie es weitergeht.

Ist aber nicht schlimm, denn beim klassischen Jodeln haut man die Silben frei Schnauze raus, wie es einem Spaß macht. Freestyle, sozusagen. Das Wort Jodeln kommt ja auch vom „Johlen“, also dem Grölen und dem Jauchzen. Und das mach ich halt jetzt einfach mal: „Ho-He-Hi-Ha- Ho-Ja-Di …“

Martha Schwaizer hat sich das Jodeln selbst beigebracht. Mit 13 Jahren saß sie vor dem Radio und hat die Jodler einfach nachgesungen. Mittlerweile tritt die 70-jährige Tirolerin gemeinsam mit ihrem Mann seit 55 Jahren auf.

Es ist ein Wunder, dass die Biergläser auf dem Tisch vor uns nicht zerspringen. Ich klinge wie ein Spatz im Stimmbruch. Aber Frau Schwaizer beruhigt mich: „Die Damen tun sich beim Jodeln leichter.“ Der Grund: Männer singen normalerweise nicht so hoch. Deshalb haben sie größere Probleme, ihre Kopfstimme zu finden. Da hilft nur eins: fleißig üben. Darum singen wir gleich noch einen, und zwar einen Kuhtutten-Jodler, also den Jodler für die Milchlandwirte.

„Jede Berufsgruppe und jede Ortschaft hat ihren eigenen Jodler“, sagt Herr Schwaizer, den ich aber jetzt Reinhard nennen darf, weil man unter Jodlern wohl nicht besonders lange so förmlich ist. Der Tiroler ist zum Beispiel mehr ein E- und I-Jodler, während die Schweizer vorwiegend die Silben O und U in ihren Jodlern verwenden. Und den Gegenjodler gibt es auch noch. Den bitte was?

Der Reinhard stimmt also wieder die Gitarre an und singt „Jo-He-Jo-He-Jü-Di- Ei-Jo“. Kurz darauf steigt seine Frau ein und jodelt etwas völlig anderes: „Ho-De- Rü“. Das also ist ein Gegenjodler. So ein ganzes Musikalbum bloß mit Ho-La-Di-Hos gefüllt wäre aber halt dann auf Dauer doch arg langweilig. Deshalb gibt es sogenannte Jodellieder. Das sind klassische Volkslieder, bei denen der Jodler den Refrain bildet. Der Jodelprofi spricht dann vom „chorischen Jodeln“. Eines der wohl bekanntesten Jodellieder ist das Kufsteiner Lied, und das singen der Reinhard und die Martha jetzt mit mir.

„Wenn ich auf hohen Bergen steh,
wird mir ums Herz so wohl.
Ich schau hinab ins tiefe Tal,
ins schöne Land Tirol.
Dort drunt im Tal die Nebel ziehen,
die Sonne scheint ins G’went,
Tirolerland, mein Heimatland,
dich lieb ich ohne End.
Ho-La-Di-Ho-Ju-Hi-Ho-La-Di-Ri-Jo.“

Klingt zwar immer noch, als würde der Wind durch ein Toilettenhäuschen pfeifen, wenn ich jodel, aber die Schamesröte ist mittlerweile aus meinem Gesicht verschwunden. Die kleinen Kinder an der Tür stören mich auch nicht mehr, im Gegenteil: Ich lächle ihnen sogar zu, während ich singe. Und mir ist auch egal, was die anderen Gäste im Speisezimmer nebenan denken oder ob sich der Schweinebraten vor Schreck auf ihrem Teller dreht – ich singe einfach weiter …

„Bei uns in Tirol,
Da fühlst du dich wohl.
Ho-La-Di-Ho-La-Rai.“

Reinhard Schwaizer hat schon als Kind gerne gesungen und Gitarre gespielt. Das Jodeln hat dem heute 71-Jährigen aber erst seine Ehefrau beigebracht. Immerhin so gut, dass die beiden schon Auftritte in Holland und in der Ukraine hatten.

Jodeln ist ein fröhlicher Gesang, den man einfach zur Gaudi singt, wie man hier oben sagt. Er ist nicht so perfektionistisch wie ein Popsong, bei dem man jeden Ton treffen muss, wenn man nicht von Dieter Bohlen mit einem schwangeren Wellensittich verglichen werden will. Beim Jodeln steht der Spaß im Vordergrund und nicht der Klang. Die Stimmung ist ein bisschen wie im Fußballstadion. Da grölst du auch einfach mit und machst dir keine Gedanken, wie es klingt. Das Jodeln ist sozusagen der Fangesang des Almbauern, bloß mit Akkordeon oder Gitarre statt mit Vereinsfahne und Bier. Wobei, ein bisschen neugierig bin ich natürlich trotzdem, wie die Experten meine Jodelkünste beurteilen? „Ja, also du bist am Beginn“, sagt der Reinhard diplomatisch. „Die Technik mit der Brust-Kopf-Stimme hast du schon raus. Das musst du jetzt nur verfestigen.“ Außerdem solle ich an der Atmung arbeiten. Denn beim Jodeln braucht man viel Luft. Klingt ja blöd, wenn man zwischen dem Ho-De-Hi und dem Ju-De-Dü nach Luft japst. Aus diesem Grund atmet der Jodler nicht in die Lunge – sondern pumpt die Luft in seinen Bauch. Ich nehme also einen tiefen Zug – aber außer dem Kalbsschnitzel vom Mittagessen bleibt der Magen leer. Dreißig Jahre falsche Atmung lassen sich nicht einfach mal so eben korrigieren. Aber der Reinhard verspricht: „Wenn du dreißig Minuten am Tag übst, bist du in einem halben Jahr ein ganz passabler Jodler.“

Das sind doch gute Aussichten. Ich frage mich bloß, ob sich meine Nachbarn wohl auch so für das Jodeln begeistern werden, wenn ich jetzt jeden Morgen in meiner Wohnung probe?
Ho-La-Di-Ho-La-Rai! Ho!

Nachmachen

Wer selbst mal jodeln möchte, kann das im Huberhof in Rum bei Innsbruck tun. Hier veranstalten Martha und Reinhard Schwaizer immer am ersten Freitag des Monats einen Jodelstammtisch. Mehr Informationen.

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