Mann oder Mäusschen?

TEXT Maximilian Reich

FOTOS Hans Herbig

Im Tiroler Ötztal – genauer gesagt: auf dem 47. Breitengrad – liegt der größte Outdoor-Freizeitpark Österreichs. Unser Autor, der einen Sommerausflug in die Berge bislang eher mit einer gemütlichen Wanderung verband, hat die Herausforderung Area47 angenommen.

Ich wollte doch noch so viele Dinge in meinem Leben machen: Einmal live beim Hahnenkammrennen dabei sein. Die Blechtrommel zu Ende lesen. Alexander Gauland ins Rosenbeet pinkeln … hm … na gut, so viele Dinge sind es wohl doch nicht. Trotzdem: Ich bin noch nicht bereit zu sterben. In diesem Sinne: Herzlich Willkommen in der Area 47. Der größte Freizeitpark Österreichs hat sich im Tiroler Ötztal bei Haiming, rund 50 Kilometer westlich von Innsbruck breitgemacht und umfasst 8,5 Hektar. Das entspricht etwa 12 Fußballfeldern, auf denen die Gäste mehr als 35 Attraktionen finden. Ein paar davon darf ich heute ausprobieren. Mir haben schon öfter mal Freunde von der Area vorgeschwärmt, aber heute will ich es selber herausfinden: Was hat die Area zu bieten?

Die Riesenschaukel

Dazu habe ich mich als erstes beim „Mega Swing“ angemeldet. Dabei hüpft man an einem Seil aus 27 Metern Höhe und schwingt schließlich über den Boden wie ein Hypnose-Pendel. Der Veranstalter nennt es „ein aufregendes Luftabenteuer“. Mein gesunder Menschenverstand nennt es „Selbstmord“. Ich stehe auf einer Plattform unterhalb einer Brücke und gucke in den Abgrund. Wobei es eigentlich eher ein Lugen in den Abgrund ist, weil ich mir die Hände vor das Gesicht halte. Meine Beine zittern wie ein Nacktmull unter einer Lawine. Ab zwölf Jahren darf praktisch jeder in den Tod springen, weshalb hinter mir bereits ungeduldig eine Gruppe von Kindern wartet.
„Das ist voll cool“, sagt ein Kind.
„Ich bin schon zweimal da runtergesprungen“, sagt ein anderes Kind.
„Ich versteh’ gar nicht, was daran schlimm sein soll“, sagt noch ein Kind.
Ich hasse Kinder.
Bald bin ich 35 Jahre alt. Ich war erst neulich bei der Leberfleckkontrolle. Vor ein paar Tagen habe ich angefangen, mir jeden Morgen so eine Superfood-Bowl zum Frühstück zu machen. Und nun klatsche ich gleich mit 50 km/h auf den Asphalt. Da helfen mir die Chiasamen dann auch nicht mehr. Aber meine Blutwerte sind bestimmt spitze.
So, Schluss mit den Horrorszenarien. Ich tu’s jetzt einfach. Ich springe. Mann oder Mäuschen?
Auf 3.
1 …
2 …
3 …
Mäuschen. Definitiv Mäuschen. Ich drehe mich zu dem Mitarbeiter um und flehe: „Okay, schubs mich!“ Ehrlich gesagt dachte ich, er würde zögern. Hätte Hemmungen. Würde mir nochmal Mut zureden. Von wegen. Als hätte er nur darauf gewartet, mich endlich runterstoßen zu dürfen, drückt er mir die Hand in den Rücken, schneller als ich „Lebensversicherung“ brüllen kann. Und dann falle ich. So rasant, dass mein Herz am Gaumen klebt. Dreißig Minuten freier Fall. Wahnsinn. Na gut, vielleicht auch nur eine Sekunde, aber es fühlt sich auf jeden Fall länger an.

Als ich schließlich unten bin und eine Hilfskraft mich vom Seil befreit hat, habe ich nur noch zwei Gedanken:
1. Hoffentlich bleibt mein Magen jetzt nicht für immer in der Kniekehle.
2. Ich will nochmal!
Geht aber leider nicht, schließlich warten ja noch weitere Attraktionen auf mich, die ich ausprobieren will.

Das habe ich erwartet: Einen Herzinfarkt.
So hat es sich wirklich angefühlt: Ein bisschen wie nach dem ersten Kuss. Das Adrenalin schießt vor Aufregung durch die Blutbahn wie Sebastian Vettel über den Nürburgring.
Beim nächsten Mal: Verkrampfe ich nicht mehr so vor Angst und genieße den freien Fall.

Der fliegende Fuchs

Für die nächste Attraktion muss ich noch einmal hoch unter das Dach der Brücke, wo ich gerade eben schon stand. Der freundliche „Schubser“ von vorhin steht auch immer noch da und legt nun ein Geschirr um meine Hüfte, das er anschließend an ein Seil über meinem Kopf hakt, welches wie ein Gondelkabel über dem Gelände verläuft. Ich werfe mich zu Testzwecken ein paar Mal in den Gurt – und als ich sicher bin, dass er mein Gewicht hält, schubst der Instructor mich wieder an, woraufhin ich geschmeidig über die Area hinweg gleite. Es hat ein bisschen was von der Weihnachtsaufführung in der Klasse 4B, als ich den Engel spielen musste und am Flaschenzug über die Schulbühne flog. Bloß, dass ich diesmal nicht der Isabell Bingelhammer auf den Heiligen Schein kotze und die Aussicht besser ist. Ich fliege hinweg über das Restaurant und Wasserrutschen und kann den Turmspringern beinahe auf den Kopf spucken. Nach ungefähr zwei Minuten ist der Flug zu Ende und eine Mitarbeiterin am anderen Ende des Areals holt mich wieder auf den Boden zurück. Schön war’s. Aber jetzt hab’ ich erstmal Hunger.

Das habe ich erwartet: Lähmende Höhenangst.
So hat es sich wirklich angefühlt: Toll. Von Angst keine Spur!
Beim nächsten Mal: Nehme ich eine GoPro-Kamera mit. Diesen Ausblick will ich festhalten.

Einfach mal abtauchen

Nach dem Mittagessen im Restaurant der Area zieht es mich in den Wasserbereich. Ein 20.000 Quadratmeter großer Nasspark mit fünf Wasserrutschen und einem Sprungturm mit mehreren Plattformen auf der Höhe von drei, fünf und zehn Metern sowie eine mechanische Hebebühne, die sich auf Knopfdruck 27 Meter hochfahren lässt. Dort hoch dürfen aus Sicherheitsgründen nur Profis. Also Menschen, die von Klippen so anmutig springen wie das Männer-Modell aus der Cliff-Werbung in den 90ern. Ich dagegen würde runter plumpsen wie ein bekiffter Lemming. Deswegen klettere ich stattdessen auf das Drei-Meter-Türmchen, das immer noch ganz schön hoch ist. Hinter mir warten vier Badegäste, jeder von ihnen muskulöser als der Vordermann. Wir sehen aus wie die berühmte Abbildung der Evolutionstheorie. Bloß, dass die Reihe nicht mit einem haarigen Affen beginnt, sondern mit einem blassen Mops. Nämlich mit mir. Kein Bauchplatscher kann so beschämend sein, wie neben diesen Abercrombie-Heinis zu stehen. Also springe ich. Als ich auftauche, klatschen die Zuschauer am Beckenrand. War mein Sprung etwa so gut? Nein, die professionellen Cliff Diver fahren gerade mit der Rampe zur 27-Meter-Markierung. Pff. Angeber.

Das habe ich erwartet: Einen schmerzhaften Rückenplatscher.
So hat es sich wirklich angefühlt: Als wäre ich von einem 100-Meter-Turm gefallen.
Beim nächsten Mal: Springe ich, ohne dabei zu schreien.

Volle Kanone!

Diese Attraktion erinnert mich ein bisschen an die Zirkusnummer, bei der Clowns aus einer Kanone fliegen. Ich sitze auf einer Abschussrampe. Hinter mir ist ein riesiges Loch und dahinter befindet sich eine Pumpe, die Wasserdruck erzeugt. Sobald er zwei Bar erreicht hat, schießt mich ein Wasserschwall über die Schanze. Die gute Nachricht ist: Ich werde in einem Wasserbecken landen. Die schlechte Nachricht: Ich habe vorhin beim Turmspringen das Gummiband verloren, welches meine Badehose fixiert. Jetzt sitzt sie locker wie der letzte Zahn meiner Oma und ich habe die Befürchtung, dass gleich nur einer von uns beiden ins Wasser katapultiert wird – ich oder meine Badehose. Mehr Zeit, um darüber nachzudenken, habe ich nicht. Denn plötzlich leuchtet die Ampel grün auf und signalisiert, dass der Wasserdruck nun hoch genug ist. Ich drücke auf den Button neben mir – und im nächsten Moment katapultiert mich auch schon eine Fontäne mit lautem „Wusch“ durch die Luft. Ist es ein Vogel? Ist es Supermann? Nein, es ist der nackte Po eines Journalisten.

Das habe ich erwartet: Den Verlust meiner Badehose.
So hat es sich wirklich angefühlt: Wie früher, als mein Vater mich beim Baden in die Luft geworfen hat.
Beim nächsten Mal: Lehne ich mich entspannt zurück und fiebere dem Abschuss entgegen.

Der menschliche Kiesel

Mit einem Schnürsenkel habe ich meine Badehose repariert und kann mich nun gefahrlos zum Waterslide begeben. Wobei, ist diese Wasserrutsche wirklich ungefährlich? Sie ist knapp 17 Meter hoch und hat ein Gefälle von etwa 32 Grad. Man reicht mir eine Art Bodyboard, mit dem ich die Treppen hinaufsteige. Ich fühle mich wie David Hasselhoff in Baywatch. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich ebenfalls in Zeitlupe laufe. Ein bisschen mulmig ist mir nämlich schon. Ich soll mich mit dem Bauch auf das Plastikboard legen und mit dem Kopf voraus nach unten in das Wasserbecken rutschen. Aufgrund der hohen Geschwindigkeit schlittert man nach dem Ende der Rutschpartie noch zehn oder fünfzehn Meter über die Wasseroberfläche. Einerseits finde ich es super, endlich mal eine andere Wasserrutsche zu erleben als immer die gleichen Reifen- und Röhrenrutschen in anderen Schwimmbädern. Andererseits stand der Ausdruck „mit dem Kopf voraus“ noch nie für eine besonders gute Idee. Egal. Ich mach’s jetzt einfach. Als ich über das Becken gleite, fühle ich mich wie ein flacher Stein, den jemand über einen See flutschen lässt. Aber es macht wirklich Spaß. Und nun, da ich weiß, dass es gar nicht schlimm ist, stelle ich mich gleich nochmal dafür an.

Das habe ich erwartet: Ein blaues Auge und ein paar Schrammen im Gesicht.
So hat es sich wirklich angefühlt: Suuuuuuuuuuper! Wie im Winter, wenn man auf einer Plastiktüte bauchlinks den Hügel hinunterrutscht.
Beim nächsten Mal: Stürze ich mich mit noch mehr Schwung hinunter.

Wasserski 2.0

Als nächstes geht es zum Wakeboarden. Dabei handelt es sich um eine Sportart, die sich zum Wasserski verhält wie das Snowboarden zum Skifahren. Man steht auf einem Brett und wird von einem Lift über die Wasseroberfläche gezogen. In der Area 47 gibt es gleich zwei kleine Seen, über die man gleiten kann. Einen für Anfänger mit einem Lift, der lediglich vor und zurückfährt – und vielleicht hundert Meter weiter einen zweiten See von der doppelten Größe, mit fünf Liften. Hier können die Wakeboarder quer über den See flitzen und an sieben Hindernissen ihr Talent vorführen. Ziemlich cool, wenn man es kann – was auf mich leider nicht zutrifft, weshalb ich mich am Deppenlift anstelle. Damit jeder Gast mal dran kommt, ist die Fahrtzeit auf etwa fünf Minuten begrenzt. Es steht aber keiner mit einer Stoppuhr daneben. Meistens gibt der Einweiser hilfreiche Tipps und beendet die Runde erst, wenn der Gast zumindest einmal bis zur Boje und zurückgefahren ist, ohne ins Wasser zu plumpsen. Schließlich soll jeder glücklich mit einem Erfolgserlebnis nach Hause gehen. Obwohl ich seit zwölf Jahren nicht mehr auf einem Snowboard stand, scheinen meine Vorkenntnisse ein bisschen zu helfen. Ein paar Runden kann ich ohne Sturz ins Wasser absolvieren. Und als ich aus dem See klettere, muss ich meiner Exfreundin leider recht geben, die immer gesagt hat: Fünf Minuten sind viel zu kurz.

Das habe ich erwartet: Dass ich keine zwei Meter schaffe, ohne abzusaufen.
So hat es sich wirklich angefühlt: So cool wie früher auf dem Snowboard.
Beim nächsten Mal: Will ich länger fahren!!!

Schwerkraft für alle

Der Blob ist eigentlich bloß ein Luftkissen, das im Wasser liegt. Ein Badegast sitzt vorne am Kopf. Ein anderer steht hinter ihm auf einem vielleicht vier Meter hohen Turm und springt auf das hintere Ende der Matratze. Den Rest übernimmt die Physik. Der Hintermann verdrängt beim Aufprall auf das Kissen Luft, die sich nach vorne ausbreitet und den Badegast an der Spitze in die Luft katapultiert. Je schwerer dabei der Springer ist, desto mehr Luft wird verdrängt. Heißt: desto höher geht es hinauf. Als ich es mir vorne bequem gemacht habe und den Kopf nach hinten drehe, um zum Turm hinauf zu gucken, bekomme ich einen Schreck. Oben auf dem Sprungturm steht ein zwei Meter großer Bodybuilder, schwer genug, um eine Kuh ins All zu befördern. Bitte lass ihn neben das Kissen springen, bitte lass ihn neben das Kissen springen, bitte lass ihn neb … AAAAHHHHHH!
Wie hoch ich am Ende war? Keine Ahnung, ich hatte natürlich die Augen geschlossen. Ich meine, eine Vogelfeder am Rücken gespürt zu haben. War aber vielleicht auch nur der kalte Schweiß, der mir vor Schreck den Rücken runterlief. Die Zuschauer haben jedenfalls applaudiert, als ich mit einem lauten „Pflatsch“ wieder im Becken gelandet bin. Denn der Blob liegt direkt vor der Restaurant-Terrasse.

Das habe ich erwartet: Dass ich einen kleinen Hopser machen würde.
So hat es sich wirklich angefühlt: Wie ein großer Hopser.
Beim nächsten Mal: Balle ich in der Luft die Faust und strecke den Arm aus, wie Superman. Man muss dem Publikum schließlich was bieten.

In der Area47 geht es wild zu. Selbst die Uhrzeiger drehen sich hier anscheinend schneller als an anderen Orten. Als ich auf die Uhr gucke, ist es fast Abend und bald fährt mein Zug zurück nach Hause. Dabei will ich noch gar nicht gehen. Es gäbe doch noch so viel zum Ausprobieren. Zum Beispiel bietet die Area auch Rafting-Ausflüge auf dem Inn, Höhlentouren und Canyoning-Erlebnisse an. Aber dafür braucht man mehr Zeit. Deshalb gibt es auf der Area auch 86 Doppelzimmer und 17 Lodges sowie 26 Tipis, in denen man übernachten kann – und der Eintritt in die Water Area ist im Preis enthalten. Als ich in der Umkleidekabine meine Badehose an den Nagel hänge und wieder in meine Straßenklamotten schlüpfe, beschließe ich daher: In ein paar Wochen komme ich wieder. Dann bleibe ich gleich ein paar Tage – und dann werde ich wirklich alles ausprobieren.

AREA 47
Oetztaler Achstraße 1
6430 Oetztal-Bahnhof
+43.5266.87676
info@area47.at
www.area47.at

Unser mutiger Autor Maximilian Reich

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