Mit Hand und Fuß

TEXT David Mayer

FOTOS Marek Vogel

Wie gelingt der Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter? Wir stellen Tiroler Unternehmen vor, die ihren eigenen Weg gefunden haben.

DIE MÖGLICHMACHER

Im Innsbrucker Spielraum FabLab lernen die Besucher, industrielle Maschinen für eigene Zwecke zu nutzen.

Das Problem: Softwaregesteuerte 3-D-Drucker, Fräsen und Laserschneider könnten die Konsumwelt revolutionieren. Aber noch lösen sie ihr Versprechen nicht einmal ansatzweise ein. Die Technik ist noch weit davon entfernt, im Alltag ganz normaler Menschen anzukommen: Wer weiß schon, wo und wie er seine Badelatschen selbst ausdrucken oder sich seinen Wohnzimmertisch selbst entwerfen und zuschneiden kann?

„Jeder kann vom Konsumenten zum Produzenten werden“

Die Idee: „Nur wer mit eigenen Augen sieht, wie die Fertigung funktioniert, und die Bedienung der Maschinen mit seinen eigenen Händen ausprobiert, versteht, wie zugänglich die neuen Methoden sind“, sagt Stefan Strappler. Deshalb eröffnete er mit drei Partnern im Jahr 2015 Spielraum FabLab in Innsbruck. Strappler ist überzeugt: „Die neuen Fertigungsverfahren sind für alle da, jeder kann vom Konsumenten zum Produzenten werden.“

Das Ergebnis: In der Werkstatt herrscht an den Mitgliedertagen Ende der Woche Hochbetrieb. In einem Nebenraum schneidet ein junger Mann mit dem Lasercutter Untersetzer aus Holz für sein Vereinsheim zu, an der Wand hängt ein per Algorithmus entworfenes und selbst gebautes Regal, das einer der Gründer gestaltet hat. Ihr Geld verdienen diese mit Auftragsarbeiten für Kunden wie Architekturbüros. Mit den bei 15 Euro startenden Monatsbeiträgen der Mitglieder finanzieren sie den zugehörigen Verein. Der besteht aus Hobbybastlern, Schreinern, IT-Experten und Designern. „Gerade diese Mischung aus verschiedenen Perspektiven und Können ist unser Rezept“, sagt Strappler. Das Motto: Wenn jeder seine Stärke einbringt, können die Mitglieder des Spielraum FabLab tatsächlich alles selbst machen. Besonders wichtig ist es den Gründern, ihr Wissen Schülern zu vermitteln. Deswegen planen Strappler und seine Kollegen neben den schon laufenden Kursen im FabLab eine mobile Werkstatt – bestehend aus Geräten, die in einen Rucksack passen –, mit der sie die Schüler in ihren Klassen besuchen können.

SPIELRAUM FABLAB
Gegründet: 2015
Standort: Innsbruck
Mitarbeiter: 4

 

DIE GEBURTSHELFER

Moderne Büroflächen, ein großes Netzwerk und jede Menge Gleichgesinnte: Die Werkstätte Wattens bietet Gründern eine ideale Umgebung, um mit ihrem Technologieunternehmen durchzustarten – und sich später in der Region niederzulassen.

Das Problem: Das Unterinntal ist nicht das Silicon Valley. Während Start-up-Gründer, Programmierer und Designer die Bay Area rund um San Francisco überrennen, müssen sich Regionen wie Wattens bei Innsbruck etwas einfallen lassen, um die Arbeitsplätze von morgen anzulocken. Die Zeit drängt: „Nur, wenn wir es schaffen, die Digitalkompetenz der Wirtschaft weiter auszubauen, hat die Region nachhaltig eine Zukunft“, sagt Michael Stockinger vom Fraunhofer Innovationszentrum „Digitale Transformation der Industrie“ in Tirol.

Die Idee: Eine Gründerregion kann man nicht aus dem Nichts erschaffen. Die Gemeinde nutzte daher den Umstand, dass in Wattens bereits das Unternehmen Swarovski ansässig ist. Und gründete mit dem Weltkonzern zusammen im Jahr 2015 die Werkstätte Wattens, ein Zentrum, das jungen Gründern Büros, Technologien und Kontakte bietet. „Anders als andere Start-up- Hubs unterstützen wir unsere Gründer im Sinne der nachhaltigen Regionalentwicklung langfristig“, sagt Matthias Neeff, Geschäftsführer der Initiative Destination Wattens.

Das Ergebnis: 135 Menschen aus 36 jungen Unternehmen haben sich der Werkstätte Wattens bereits angeschlossen. „Ein großer Vorteil ist, dass wir hier gut wachsen können“, sagt Valentin Schütz, Gründer von Gronda, einer Karriereplattform für die Gastronomie. Anfangs ist Schütz noch zu zweit, bald beschäftigt er sieben, heute mehr als zehn Mitarbeiter. Jedes Mal ermöglichte ihm die Initiative den Umzug in ein größeres Büro. Bis Ende 2021 soll die Werkstätte Wattens ohne Zuschüsse auskommen und sich selbst tragen.

WERKSTÄTTE WATTENS
Gegründet: 2015
Standort: Wattens
Mitarbeiter: 135

 

DIE DURCHBLICKER

Kunden der Firma RIEDERBAU können schon vor dem ersten Spatenstich durch ihr neues Heim laufen – per Virtual-Reality-Brille.

Das Problem: Wer ein Haus bauen lässt, hat zwar genaue Vorstellungen – weiß aber kaum, wie sich diese umsetzen lassen. Ob ein neues Haus wirklich den Ideen seiner Besitzer entspricht, merken sie oft erst beim ersten Rundgang. „2-D-Pläne vermitteln zum Beispiel Höhen von Räumen oder Fenstern nur sehr umständlich“, sagt Richard Thrainer, Geschäftsbereichsleiter Planen der Baufirma RIEDERBAU aus Schwoich bei Kufstein. Und einmal gebaut, lassen sich viele Details eines Hauses nur mit Aufwand korrigieren.

Die Idee: Kunden müssten das Haus schon besichtigen können, bevor die Bagger rollen – zum Beispiel per Virtual-Reality- Brille. „Als die ersten Modelle in den Verkauf kamen, haben wir uns gleich an die Arbeit gemacht“, sagt Thrainer. Neben leistungsstarken Computern für ruckelfreie Bilder schaffte die Firma eine Software an, mit der ihre Spezialisten digitale Entwürfe in die Virtual-Reality-Ansicht übertragen können.

Ein Kunde besichtigt in der Firmenzentrale von RIEDERBAU sein zukünftiges Haus.

Ein Kunde besichtigt in der Firmenzentrale von RIEDERBAU sein zukünftiges Haus.

Das Ergebnis: Die Kunden von RIEDERBAU sitzen an einem Tisch in der Firmenzentrale, haben eine Virtual-Reality- Brille auf der Nase und einen Joystick in der Hand. Neben Ansichten des Hauses können Thrainer und sein Team eine Simulation der Umgebung hinzufügen. „Dadurch kann der Betrachter etwa sehen, wann wie viel Sonnenlicht auf die Terrasse fällt oder wie der Blick aus dem Küchenfenster sein wird“, sagt Thrainer. Und wenn dem Kunden die Holzdielen nicht gefallen, kann er sie noch während der Besichtigung austauschen. Nach und nach sollen mehr Details in den Simulationen ergänzt werden – etwa Originalsessel aus dem Katalog.

RIEDERBAU
Gegründet: 1956
Standort: Schwoich
Mitarbeiter: 130

 

DIE SAUBERMÄNNER

Der Hygienedienstleister hollu modernisiert sich – und will dabei menschlich bleiben.

Simon Meinschad, Geschäftsführer von hollu

Simon Meinschad, Geschäftsführer von hollu

„Wenn wir uns heute nicht verändern, werden wir morgen nicht mehr existieren“

Das Problem: Die Digitalisierung stellt jedes Unternehmen vor Herausforderungen. Sogar solche, die ein analoges Produkt anbieten. Die Firma hollu Systemhygiene aus Zirl bei Innsbruck stellt zum Beispiel Waschmittel und Reinigungsgeräte bereit, damit Hotels ihre Wäsche oder Industriebetriebe ihre Fußböden säubern können. Die Geschäfte laufen gut, warum also alles auf den Kopf stellen?

Die Idee: „Wenn wir uns heute nicht verändern und auf die neuen technischen Möglichkeiten einstellen, werden wir morgen nicht mehr existieren, weil sie jemand anders anbietet“, sagt Simon Meinschad, der Geschäftsführer von hollu. Das Unternehmen muss seine Produkte neu erfinden – und seine Arbeitsweise.

Das Ergebnis: In der neuen Produktionshalle für Reinigungsmittel werden dank intelligenter Technik demnächst statt 25 nur noch fünf Angestellte arbeiten. Aber niemand muss um seinen Job fürchten. Vorausgesetzt, er ist bereit dazuzulernen. In einem Weiterbildungsprogramm können die Mitarbeiter Kompetenzen lernen, auf die es im hollu der Zukunft ankommt – etwa Mechatronik oder Datenauswertung. Außerdem experimentiert die Firma mit den Möglichkeiten der digitalen Technik, zum Beispiel mit einer intelligenten Dosiermaschine, die schon heute in vielen Hotels und Betrieben hängt: „Je nach Wäsche und Faktoren wie der lokalen Wasserhärte stellt sie dann Rezepturen aus bis zu sechzehn verschiedenen Produkten – von Weichspüler bis Weißwaschmittel – zusammen und versorgt damit unabhängig voneinander bis zu vier Waschmaschinen“, erklärt Meinschad. In Zukunft soll die Anlage bei Bedarf selbstständig Waschmittel nachbestellen. Auch Rechnungsstellung, Zahlung und im Fall der Fälle die erste Mahnung können automatisch ablaufen. Bei der zweiten Mahnung würde sich aber doch ein Mitarbeiter melden. „In sensiblen Situationen, in denen es auf persönlichen Kontakt ankommt, wollen wir ihn sogar ausbauen“, sagt Meinschad.

Simon Meinschad setzt auf Technologien wie die Dosiermaschine, hier auf dem Prüfstand im Labor.

Simon Meinschad setzt auf Technologien wie die Dosiermaschine, hier auf dem Prüfstand im Labor.

HOLLU
Gegründet: 1905
Standort: Zirl
Mitarbeiter: 400

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