Ich übermale Problemzonen

TEXT Günter Kast

FOTOS Robert Fischer

Jeder kennt sie: Die Panoramakarten auf großen Tafeln im Skigebiet oder auf den Faltblättern der Touristeninformation. Was kaum jemand weiß: Diese Karten werden von Hand gezeichnet. Nur wenige Experten weltweit beherrschen die Technik. Einer von ihnen ist Heinz Vielkind. Er hat schon ganz Tirol gemalt.

Verzeihen Sie die Frage: Aber wer braucht eigentlich noch Ihren Job? Sie zeichnen umständlich mit Pinsel auf Papier. Ginge das in Zeiten von Google Earth nicht viel einfacher?
Noch bin ich unersetzlich. Ich nutze Fotos auf Google Earth ja selbst für die Recherche. Aber es gibt ein prinzipielles Problem: Google Earth bildet die Realität zu exakt ab.

„Google Earth bildet die Realität zu exakt ab“

Warum ist das ein Problem?
Genau genommen gibt es zwei Probleme. Die Karten dürfen nicht zu genau sein, sonst werden sie unübersichtlich. Außerdem ist die Realität ja nicht immer so hübsch. Ich zeige, was meine Kunden wünschen und als wichtig ansehen. Tourismusverbände wollen ihre Region von der besten Seite präsentieren.

Wie? Sie schummeln?
Nein, ich rücke höchstens einen Berg so zurecht, dass er sich von seiner Schokoladenseite zeigt. Wie ein Visagist: Ich betone die schönen Stellen und übermale die Problemzonen. Vor allem aber greife ich in die kartografische Trickkiste: Ich lasse die Erdkruste, auf der Berge und Täler angeordnet sind, stärker als ihre natürliche Krümmung in Richtung des Betrachters abfallen. So erreiche ich, dass die Landschaft sich wie eine Ziehharmonika auffächert und Punkte freigelegt werden, die ansonsten versteckt in tiefen Tälern oder hinter hohen Bergen lägen.

Aber brauchen Wintersportler nicht exakte Karten, um sich in einem Skigebiet zurechtzufinden?
Nein, sie wollen die Talabfahrt oder den gewünschten Lift finden. Und dabei haben gemalte Panoramen einen großen Vorteil gegenüber topografischen Karten oder Luftbildern: Große, gebirgige Gebiete lassen sich übersichtlich und doch plastisch darstellen. Würde ich streng nach Maßstab arbeiten, würden entscheidende Informationen in der Fülle der Details untergehen.

Haben Sie keine Angst, dass sich diese Probleme schon bald technisch lösen lassen?
Nein. Mein Beruf wird sich auch in den kommenden 15, 20 Jahren nicht groß verändern. Ich glaube nicht, dass es schon bald ein Computerprogramm geben wird, in das man ein Foto der Landschaft einspeist und heraus kommt ein fertiges Panorama. Jedes meiner Werke ist ein Einzelstück – in Blickwinkel, Detailreichtum und Größe genau auf die Wünsche meiner Kunden abgestimmt.

Wie kommt man eigentlich zu Ihrem Beruf?
Ich konnte in der Schule gut zeichnen. Mit sechzehn bewarb ich mich deshalb bei Heinrich Caesar Berann, der 1955 eines der ersten Skipanoramen für Cortina d’Ampezzo entwarf, wo im Jahr darauf die Olympischen Winterspiele stattfanden. Der Professor für Kunstmalerei wurde mein Mentor, in den Neunzigerjahren übernahm ich sein Atelier.

Das heißt, Sie malen seit mehr als sechzig Jahren Panoramen. Und waren davon dreißig Jahre der Lehrling des Professors?
Irgendwann wussten wir nicht mehr, ob das jetzt sein oder mein Werk war. Das war dann sozusagen der Ritterschlag.

Heinz Vielkind in seinem Atelier in Innsbruck. Die Skizze entsteht per Bleistift. Ausgemalt wird dann mit Gouachefarben.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit genau vor?
Zuerst schaue ich mir die Region sehr intensiv an – früher auf klassischen Karten, heute zusätzlich mithilfe von Google Earth. Dann gehe ich mit einem Piloten in die Luft und schieße aus dem Flieger Hunderte von Fotos aus verschiedensten Winkeln und Richtungen. In meinem Studio im Univiertel von Innsbruck fertige ich dann zunächst mit Bleistift und Buntstift eine Skizze. Diese perfektioniere ich immer mehr und male dann mit Gouachefarben das Panorama. Am Ende werden die Bilder vergrößert. Meistens liefere ich jungfräuliche Landschaften ab. Hütten, Pisten und Lifttrassen werden meist erst später von den Tourismusverbänden eingefügt. Meine Arbeit sehen Sie dann als Pistenplan für die Jackentasche oder auf eine große Tafel gedruckt im Skigebiet.

Welches Umfeld brauchen Sie zum Arbeiten?
Ich höre oft Barockmusik. Bachkantaten machen mich sehr konzentriert. Bis vor Kurzem leistete mir mein Kater Gesellschaft. Leider ist er gestorben.

Wie viele Panoramen schaffen Sie denn pro Jahr?
Je nach Größe und Umfang nimmt mich ein Auftrag für vier bis acht Wochen in Anspruch. Meine Arbeit hat mich rund um den Globus geführt. Derzeit male ich den Schwanberg in der Steiermark, dann kommt Verona mit den umliegenden Weinbergen dran.

„Meine Arbeit hat mich rund um den Globus geführt“

Welcher war denn Ihr spannendster Auftrag?
Vergleiche sind immer schwierig und ungerecht. Aber die Region um Takayama in Japan hat mir schon sehr gefallen. Wunderbare Landschaften, kaum Straßen und Dörfer. Außerdem durfte ich das Gebiet dreimal besuchen, jedes Mal in der Businessclass fliegen. Dazu die freundlichen, zurückhaltenden Menschen. Das Bild wurde 5,40 Meter breit und 80 Zentimeter hoch. Vor Ort wurde es auf 25 Meter Breite vergrößert.

Aber Tirol kommt gleich danach, oder?
Tirol ist Heimat. Und die nimmt man als selbstverständlich hin. Aber das ist vielleicht ein Fehler. Die schönste Ecke von Tirol ist für mich Osttirol – so viel unberührte Landschaft.

Wie viel Prozent der Tiroler Bergwelt haben Sie denn schon zu Papier gebracht?
Hundert Prozent! Für einzelne Kunden in den Tälern, aber auch als Gesamtpanorama für die Tirol Werbung.

Wie viel Geld bekommen Sie für Ihre Werke?
Ich habe nie hart verhandelt. Bei kleinen Aufträgen liegt mein Honorar zwischen 2.000 und 6.000 Euro. Große Darstellungen, etwa die gesamten Dolomiten als Wintersportpanorama, kosten bis zu 25.000 Euro.

Honorare bekommen Künstler. Würden Sie sich als solchen oder eher als Handwerker bezeichnen?
Es ist so ein Zwischending. Ein Künstler malt ein Bild ohne Auftrag. Meine Werke werden von Kunden bestellt. Andererseits: Auch ein Rembrandt hat von Auftragsporträts gelebt – so wie ich eben von den Panoramen.

Wie groß ist denn Ihre Zunft?
Es gibt kaum Konkurrenz. Drei bis vier werden es wohl sein.

Weltweit?
Ja. Japan hat einen guten Maler, Frankreich auch. Und dann gibt’s noch eine Kollegin von mir in Innsbruck, die ich selbst ausgebildet habe. Ich sah sie nie als Konkurrenz. Leider haben wir keinen Kontakt. Ich habe irgendetwas gesagt, das sie in den falschen Hals bekommen hat.

Vogelperspektive auf den Achensee und das Rofangebirge. Pisten und Skihütten werden meist später von den Tourismusverbänden eingefügt. Schnee findet Heinz Vielkind übrigens langweilig zum Malen. Bäume eignen sich viel besser, um die Topografie darzustellen.

Sie sind jetzt 79. Wie lange wollen Sie noch weitermachen?
Na ja, die Hobbys – Tennis, meine fünf Alfa Romeos – kosten Geld. Und gerade kam eine Steuernachforderung. Zum Glück beziehe ich bereits eine kleine Rente. Aber im Ernst: Ich spüre, dass ich schneller müde werde. Es macht nicht mehr ganz so viel Spaß wie früher.

Sind Sie eigentlich selbst viel Ski gefahren? Im Sommer zu Fuß in die Berge gegangen?
Die Zeit zum Skifahren wurde immer knapper über die Jahre. Im Sommer machen meine Frau und ich gern Hüttenwanderungen. Gipfel waren mir schon früher zu anstrengend. Ich mag’s gern gemütlich, mit einer deftigen Jause.

Heinz Vielkind

Der Mann hat einen Plan: Heinz Vielkind, 79 Jahre alt, lernte schon im Alter von 16 Jahren sein Handwerk bei dem berühmten Grafiker Heinrich Caesar Berann. Dieser kombinierte moderne Kartografie mit klassischer Malerei und erschuf so die Panoramakarte, wie wir sie heute kennen. Vielkind arbeitete lange mit Berann zusammen und übernahm dann in den 1990er-Jahren dessen Atelier in Innsbruck. www.vielkind.at

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