Schwarz und Weiß

TEXT Gero Günther

FOTOS Verena Kathrein

Sie tauchen in Kinderbüchern auf, auf Hochzeitstorten und als Glücksbringer: Kaminkehrer sind die Fabelwesen der Berufswelt. Aber es gibt sie auch noch im 21. Jahrhundert. Besonders wichtig und besonders rußverschmiert sind die Rauchfangkehrer in den verschneiten Tiroler Hochtälern, wo noch viel mit Holz geheizt wird und Wärme besonders wichtig ist.

Familientradition: Simon Henökl, 24 Jahre, übt den Kaminkehrerberuf in der vierten Generation aus.

Der Werkzeugkasten: Im Kastenwagen der Kaminkehrer finden sich Bürsten in allen Formen und Größen.

Die Leite in Obernberg gehört zu den höchstgelegenen Orten auf Simon Henökls Runde. 1.500 Meter über dem Meeresspiegel liegen die Höfe an dieser steilen, kurvigen Straße. Es ist 8 Uhr morgens, ein kräftiger Wind weht von den Lärchenwäldern herüber, Schnee liegt in der Luft. Am Staudhof steht die Leiter schon parat. „Die Leute wissen ja, dass wir kommen“, sagt der 24-jährige Kaminkehrer. Simon und seine Auszubildende Elisa Pöltl brauchen nur hinaufsteigen und durch den Schnee zum First stapfen. Vorsichtig. Die Dächer könnten vereist sein und rutschig. Auch auf Stromleitungen müssen sie achtgeben, die manchmal keine Isolierung haben. Und dann stehen die beiden auf dem Dach. Zwei schwarze Gestalten umgeben von ganz viel Weiß. Beherzt stecken sie ihre Bürsten in die Kamine. Während Simon das Nylonseil herablässt, erklärt er, dass „Rußpartikel den Abzug des Rauchs behindern und sich selbst entzünden können.“ Gegen diese Gefahr kämpft er. Lässt das Seil hinab, zieht es hoch. Immer wieder, immer weiter. So lange, bis der Kamin durchgeputzt ist. Routiniert wirkt das. Geradezu entspannt. Simon lässt dabei den Blick in die Weite schweifen. Vom Olperer im Osten über den Sattelberg, das Kreuz- und Grubenjoch hinüber zur Tribulaun-Gruppe. Das Massiv liegt wie ein frisch aufgeschütteltes Kopfkissen in der Winterlandschaft.

Beruf mit guter Aussicht: Aber Simon und Elisa müssen aufpassen, auf dem Dach nicht abzurutschen.

Nebel? Wolken? Rauch? Ein Bauernhof vor den Lärchenwäldern. Fast alle Kunden von Simon Henökl wohnen über 1.000 Meter Seehöhe.

„Ich liebe die Berge“, sagt Simon und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Ein Lächeln bis in die Haarspitzen, die unter seiner schwarzen Kappe hervorlugen. Eigentlich strahlt der Naturbursche den ganzen Tag wie ein glühender Schwedenofen. Man spürt sofort: Simon Henökl liebt den Beruf, den er in der vierten Generation ausübt. Er ist Rauchfangkehrer mit Leib und Seele. Und obendrein ein grundsympathischer Kerl. So einem öffnet man gerne die Haustür. „Es ist ja wichtig, dass uns die Leute ihr Vertrauen schenken können“, sagt er. Schließlich muss ein Kaminkehrer nicht nur aufs Dach, sondern in die Küche, den Heizungskeller und oft auch die gute Stube. Da hantiert er dann zwischen Familienfotos, Reiseandenken und geschnitzten Jesusfiguren, zwischen Steinkrügen, Plüschtieren, Fernbedienungen.

„Es ist wichtig, dass uns die Leute vertrauen.“

In den meisten Häusern reinigen der Kaminkehrer und seine Auszubildende erst den Holzherd und die Rohrverbindungen, dann den Holzvergaser im Untergeschoss, der für die Warmwassererzeugung genutzt wird. „Bei uns heroben heizen die meisten Leute noch mit Holz“, sagt Simon. „Die Landwirte haben ja in vielen Fällen selber Forst.“ Das sieht man an den Holzstapeln vor den Höfen. Während Kaminkehrer in der Stadt heutzutage hauptsächlich Anlagen überwachen, Messungen durchführen und Beratungsgespräche in Sachen Energie und Umwelt führen, machen sich Simon und seine Kollegen noch Tag für Tag Hände und Gesichter schmutzig und üben ein altes Handwerk aus. Holzgefeuerte Heizungen produzieren einfach mehr Rückstände als Öl oder Gas. Und diese müssen regelmäßig beseitigt werden. Dass der Kaminkehrer öfter vorbeikommt als anderswo, hat aber noch andere Gründe. „Die Leute in höheren und kälteren Regionen heizen einfach stärker und länger.“

In den Tiroler Tälern wird bis in den Sommer geheizt – mit Holz. Der Kaminkehrer kommt öfter als in der Stadt.

Hier oben muss auch im Sommer geheizt werden

Fast alle Kunden des Kaminkehrerbetriebs Henökl wohnen über 1.000 Meter Seehöhe. Im Oberen Wipptal muss manchmal noch in den Sommermonaten geheizt werden. Schnee kann hier auch im Juni oder sogar Juli fallen. Kein Wunder, dass Simon bei den meisten Hausbesitzern vier Mal im Jahr vorbeikommen muss. So sieht es der Gesetzgeber aus Brandschutzgründen vor.

Schwerstarbeit: „Die Leute in höheren Regionen heizen mehr und länger“, sagt Simon.

Dann fegen er und Elisa die Asche aus den Ritzen, kratzen, schaben und bürsten die schwarzen Rückstände aus den Stahlbehältern. Gleichzeitig kontrolliert Simon den Zustand und die Funktionsfähigkeit der Geräte. Nebenher erklärt er der Auszubildenden die Feinheiten der verschiedenen Anlagen. Etliche Modelle gibt es, und alle müssen unterschiedlich gewartet und geputzt werden. Oft mit vollem Körpereinsatz. „Unsere Arbeit kann sehr anstrengend sein“, sagt Simon: „Besonders die Knie werden dabei beansprucht.“ Seiner Begeisterung für das Handwerk tut das keinen Abbruch, und auch Elisa beklagt sich nicht. „Alle fragen mich immer, ob diese Arbeit nicht zu schwer ist für ein junges Mädchen“, sagt sie und lacht: „Aber für mich ist sie genau richtig“.

„Ich mag den Job: Wir verbringen viel Zeit draußen und treffen ganz verschiedene Menschen.“

Auszubildende Elisa wird oft gefragt, ob die Arbeit nicht zu schwer für sie sei. „Aber für mich ist es das Richtige.“

Die beiden erledigen ihre Aufgaben mit Ruhe und Gelassenheit. Auch wenn es nicht immer einfach ist. Schließlich muss auch bei Regen, Schnee oder Wind gearbeitet werden. Bei starkem Frost ist es auf den Dächern nicht ungefährlich. Trotzdem wird kaum geschimpft, man begegnet sich mit Respekt und Humor. „Der Job ist abwechslungsreich“, sagt Elisa, „wir verbringen viel Zeit draußen und treffen ganz viele verschiedene Menschen.“

Früher war es ein harter Job

Simon und Elisa sind gern gesehene Besucher. „Ich freu mich allweil, wenn die kommen“, sagt Erika Widmann. Die 83-Jährige kannte schon Simons Großvater. Viele Kaminkehrer sah sie kommen, kehren und gehen. „Simons Onkel hat manchmal mit einem Buch unter einem Baum gesessen, statt zu arbeiten“, erinnert sie sich. In früheren Zeiten, sagt die Bäuerin, seien die Kaminkehrer noch mit dem Postauto oder zu Fuß ins Tal gekommen. „Die Straße ist ja erst 1964 gebaut worden.“ Eine Woche lang klapperten sie dann die Häuser und Höfe ab. Übernachteten in Stadeln. Damals, als man noch durch enge Schlupfkamine kriechen musste, um sie von unten nach oben zu reinigen. „Ich bin mir nicht sicher“, sagt Simon, „ob ich das gepackt hätte.“

Alte Schule: Bei den alten Holzheizanlagen müssen sich die Kaminkehrer noch die Hände schmutzig machen.

Bald prasselt das Feuer in Erika Widmanns frisch gereinigtem Ofen. „Jetzt zieht er wieder“, sagt sie und freut sich. „Ohne Wärme kann der Mensch halt nicht leben. Schon gar nicht hier heroben.“ Zeit für die Mittagspause. Zusammen mit zwei Kollegen und Simons Vater Konrad kehren die beiden in der Alten Post in Gries ein. Von der Wirtin bekommen die rußverschmierten Kaminkehrer Zeitungspapier zum Draufsetzen. Aber nicht nur die Kleidung der Handwerker, auch ihre Hände sind schmutzig. „Wenn wir das jedes Mal abbürsten wollten“, sagt Simon, „würden wir unsere Haut ruinieren.“ Geschrubbt wird erst abends in der Dusche. Mittags essen die Kaminkehrer eben mit schwarzen Fingern. Das Schnitzel und die Schlutzkrapfen stört es nicht. Noch ein Espresso, und dann geht es weiter.

Händewaschen lohnt sich erst ganz am Ende der Arbeitsschicht.

Im Kehrbuch verzeichnen die Schornsteinfeger jeden Besuch – sie kommen bis zu vier Mal im Jahr.

Der Kaminkehrer als Umweltberater

Von Hof zu Hof, von Haus zu Haus. Mal kraxeln die beiden Rauchfangkehrer auf neu gedeckte, mal auf jahrhundertealte Dächer. Mal scheint die Sonne, mal herrscht Schneegestöber. In manchen Häusern zwängen sich Elisa und Simon durch enge Luken, dann klettern sie über die Brüstung einer Traktorenauffahrt auf das Dach. Und immer steigen sie in die Heizungskeller hinab, knien neben Skistiefeln, Holzscheiten, Plastikeimern. Leuchten mit den Magnetstablampen ins Innere der Kaminschächte und Kessel. Unermüdlich läuft dabei der Staubsauger. Die Asche wird später draußen verstreut. „Das ist guter Dünger“, erklärt Simon: „Biodünger“.

„Unsere Arbeit kann sehr anstrengend sein“, gibt Simon zu. „Besonders die Knie werden dabei beansprucht.“

Der Kaminkehrer kennt sich aus. Schließlich wurde er auch als Umwelt- und Energieberater ausgebildet. Simon weiß also, wie man seinen Ofen am besten schüren sollte, warum eine Hackschnitzelheizung in einer Region, in der fast jeder Holz hat, zum Minikraftwerk wird und wieso Ölheizungen in Tirol nicht mehr in Neubauten installiert werden dürfen. „Für uns Kaminkehrer, sagt Simon, „sind ökologische Gesichtspunkte immer wichtiger geworden.“ Immerhin geht es bei seiner Tätigkeit nicht nur um Sicherheit, sondern auch um Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Weil in den Alpentälern der berüchtigte Feinstaub keine Rolle spielt und es unwirtschaftlich wäre, Gasleitungen zu verlegen, ist die traditionelle Heizmethode zukunftsfähig.

Am Ende des Arbeitstages, draußen rieselt der Schnee, klopfen Simon und Elisa dann am Michlerhof. Über 500 Jahre alt ist das Haus, 89 Jahre alt sein Besitzer. Alfred Larcher ist eine kuriose Verbindung aus Filzhut, Rauschebart und Bluejeans. Während die Kaminkehrer sich in seiner Küche zu schaffen machen, schneidet er Käse und Speck auf und holt eine Zweiliterflasche Limonade aus der Speisekammer. „Setzt euch“, sagt der Landwirt und freut sich, dass später auch noch Simons Vater bei ihm auftaucht. Und dann wird erzählt und viel gelacht. Kaminkehrer ist eben nicht nur ein altes Handwerk, sondern auch ein sozialer Beruf. Nachdem man Simon und Elisa einen Tag lang begleitet hat, würde es einen nicht wundern, wenn die beiden tatsächlich Glück bringen würden.

Kaminkehrer Simon Henökl überprüft die Heizung bei seinem Kunden Alfred Larcher.

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