Der Anfang vom Lied

TEXT Jens-Christian Rabe

Menschen aus Tirol haben mit dem Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ Licht in aller Welt verbreitet. Jetzt wird der Klassiker 200 Jahre alt.

Das Lied ist ein Hit, keine Frage. Hört man es nur ein einziges Mal, bekommt man die Melodie nicht mehr aus dem Kopf. Ein Ohrwurm also, wie ihn wohl nur die besten Produzenten hinbekommen. Und tatsächlich hat „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ viel mit einem Popsong gemein. Anders als man meinen könnte, anders als viele andere berühmte Weihnachtslieder wie „O Tannenbaum“ oder „O du fröhliche“, ist es kein traditionelles Lied, also nicht das Ergebnis einer oft jahrhundertelangen, anonymen Überlieferung. Stattdessen hat „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ zwei eindeutig identifizierbare Songwriter und eine echte Premiere: Weihnachten 1818, also vor genau 200 Jahren. An diesem Abend führten der Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber und der Hilfspfarrer Joseph Mohr in der Schifferkirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg das Lied erstmals auf. Mohr hatte den Text von „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ als Gedicht verfasst und Gruber um eine Melodie gebeten. Begleitet wurde das Lied bei seiner Premiere wohl nicht, wie für Kirchenmusik üblich, von der Orgel. Die war möglicherweise kaputt. Sondern von einer Gitarre – eine weitere Parallele zum Pop, dessen wichtigstes Instrument ja die Gitarre ist.

„Ein Hit ist aber natürlich kein Hit wenn er sich nicht in der weiten Welt verbreitet“

Natürlich ist eine Gitarre auch besinnlicher als eine dröhnende Orgel. Das könnte zur überwältigenden Wirkung des Liedes schon bei seiner ersten Aufführung beigetragen haben. Es war eine dunkle Zeit. Europa litt unter den Folgen der napoleonischen Kriege. Der Grenzort Oberndorf wurde mal Österreich und mal Bayern zugeschlagen, die Ernten waren schlecht. In dieser Dunkelheit gab „Stille Nacht! Heilige Nacht!“den Menschen Hoffnung. Franz Xaver Gruber erinnerte sich später: „Die Ergriffenheit derer, die an der Messe teilgenommen haben, war eine echte.“ Ein Hit ist natürlich erst ein Hit, wenn er auf der ganzen Welt die Menschen ergreift. Dafür sorgten nicht die beiden Schöpfer, sondern der aus dem Zillertaler Ort Fügen stammende Orgelbaumeister Karl Mauracher. Er hatte „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ gehört, als er Mitte der 1820er-Jahre die Orgel von St. Nikola reparierte – und nahm das Lied mit zurück ins Zillertal. Dort hörten es die Geschwister Anna, Joseph, Amalie und Caroline Strasser, die zusammen die Gesangsgruppe „Geschwister Strasser“ bildeten, eine Art Band, bevor es Bands gab. An Weihnachten 1831 traten die Geschwister Strasser in Leipzig auf. Der Auftritt wurde zum Stadtgespräch.

Geburtstagslied

„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Ein Zentrum der Jubiläumsfeiern zum 200. Geburtstag ist das Zillertal. So ist im Schloss Fügen bis 3. Februar 2019 eine Sonderschau zu sehen. Das Heimatmuseum Fügen zeigt die weltgrößte „Stille Nacht“-Plattensammlung. Das Musiktheater „Mauracher & Mohr“ beschäftigt sich mit den Personen hinter dem Lied. Es wird von 14. bis 16. Dezember in der Festhalle Fügen aufgeführt. Am Achensee zeigt der Sixenhof bis Ende 2018 eine Sonderausstellung zu Ludwig Rainer, der das Lied in alle Welt trug. www.kultur.tirol

Eine Zeitung schrieb: „Man hatte nämlich in der Pause die drey liebenswürdigen Töchter und einen Sohn der Familie Strasser aus dem Zillerthale so lange gebeten, bis sie der vollen Versammlung die Freude gewährten, einige Tyroler Nationallieder so allerliebst vorzutragen, dass der Saal von stürmischem Beyfalle widerhallte.“ Der erste berühmte Fan war schließlich der preußische König Friedrich Wilhelm IV., der nach den wahren Urhebern des Liedes suchen ließ und dafür sorgte, dass Gruber und Mohr bis heute bekannt sind. International hat dann die Familie Rainer das Lied verbreitet. Wie die Strassers traten auch die Rainers seit Mitte der 1820er in ganz Europa auf. Der britische König George IV. lud die Familie Rainer an seinen Hof ein. Inspiriert vom Erfolg der ersten Rainer-Generation brach dann 1939 der erst 18 Jahre alte Ludwig Rainer mit seiner Cousine Helene und zwei Sängern, die für die Konzertreise engagiert wurden, nach New York auf. Dort sangen sie am Weihnachtsabend 1839 zum vermutlich ersten Mal „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in der neuen Welt. Die USA-Tour der „Rainer Family“ dauerte vier Jahre, führte sie auch nach Boston, St. Louis und Philadelphia und war ein voller Erfolg. Das Lied verbreitete sich in der englischen Fassung „Silent Night“ so schnell in den Vereinigten Staaten, dass es bis heute von den meisten US-Bürgern für ein amerikanisches Volkslied gehalten wird. In mehr als 300 Sprachen und Dialekte wurde das Lied übersetzt. Die berühmte Aufnahme von Bing Crosby aus dem Jahr 1935 ist mit circa 30 Millionen Exemplaren die dritterfolgreichste Single aller Zeiten.

Wer kennt die Bedeutung dieser Worte?

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab’ im lockigten Haar,
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn! O! wie lacht
Lieb’ aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund’.
Jesus! in deiner Geburt!
Jesus! in deiner Geburt!

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n
Uns der Gnade Fülle läßt seh’n
Jesum in Menschengestalt!
Jesum in Menschengestalt!

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoß
Und als Bruder huldvoll umschloß
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreyt,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß!
Aller Welt Schonung verhieß!

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel „Halleluja!“
Tönt es laut bey Ferne und Nah:
„Jesus der Retter ist da!“
„Jesus der Retter ist da!“

1. Hold

Die Formulierung „holder Knabe“ bedeutet hier nicht „schöner Knabe“, wie viele behaupten, sondern „den Menschen zugeneigter Knabe“ (so wie einem heute noch das Glück hold sein kann), was zum feierlichen Anlass natürlich besser passt als die bloße Schönheit.

2. Jesum

„Jesum“ ist die wie im Lateinischen deklinierte Akkusativ-Singular-Form von Jesus.

3. Grimme

Mit „Grimme“ ist im Lied nicht, wie heute üblich, ein unterdrückter Zorn gemeint, sondern ein besonders starker Zorn.

4. Urgrau

Mit „In der Väter urgrauer Zeit“ ist keine irgendwie dunkle, sondern viel neutraler, einfach die vorchristliche Zeit gemeint.

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