Deixl eini!

TEXT Paul-Phillipp Hanske

FOTOS Oliver Soulas

In Tirol gibt es so viele unterschiedliche Dialekte, wie es Tiroler gibt. Die Mundart ist lebendig – und entwickelt sich immer weiter.

Zum Beispiel der Alpensalamander. Rund um Kitzbühel spricht man vom „Wegnarr“, im äußersten Westen Tirols von der „Wegnorgge“. In beiden Begriffen steckt letztlich der lateinische Name „orcus“ für „Unterwelt“, in der früher der harmlose Schwanzlurch verortet wurde. Der „Regenstorzer“ oder das „Regenmännlein“ in Osttirol erinnert daran, dass das kleine schwarze Tier vor allem nach Regen besonders aktiv ist. Nicht geklärt sind die Salamander-Synonyme „Tattermandl“ rund um Innsbruck und „Quatterpätsch“ ganz im Westen Tirols. Aber schön sind die beiden Begriffe doch. Verglichen mit diesem Überfluss an Wortformen wirkt der eine Name, den es im Standarddeutschen gibt, schrecklich banal und langweilig.

Oder aber: landschaftliche Bezeichnungen. Der Tiroler Dialekt erfasst die räumliche Umgebung mit viel Akribie. Als „Kar“ wird eine Mulde zwischen zwei Berggipfeln bezeichnet. Vor einigen Jahrhunderten meinte „Kar“ aber eine Schüssel. Und für ansteigende Wiesen gibt es gleich mehrere Wörter: Die „Rua“ steigt gemächlich an, die „Laite“ ist richtig steil.

Elena Gremer
12 Jahre, Rum
Was ist ein typischer Tiroler Fluch? Deixl eini!
Verwendung: Deixl eine! Wieso geaht denn des iatz nit?!
Übersetzung: Verflixt, wieso funktioniert das nicht?

Kaum jemand kennt die vielen unterschiedlichen Begriffe und ihre Herkunft so gut wie Yvonne Kathrein, die Leiterin des Tiroler Dialektarchivs an der Universität Innsbruck. In Dutzenden Kartonordnern lagert hier ein sprachgeschichtlicher Schatz. Seit den frühen 1970er-Jahren nahmen sogenannte „Exploratoren“ die dialektale Vielfalt zwischen Kufstein im Norden und Brixen im Süden, zwischen Ischgl im Westen und Lienz im Osten auf und kartografierten sie. Das taten sie mit einem Katalog von etwa 2.200 Fragen, die die spezielle Lebenswelt Tirols abbildeten. Viele von ihnen haben mit der Landwirtschaft zu tun – in diesem Bereich ist die Tiroler Sprache besonders differenziert. So gab es einen eigenen Ruf für Schweine, die kommen sollten. Im Tiroler Westen schmetterte man den Tieren ein „Notsch, notsch!“ entgegen, im Tiroler Unterland im Osten ein „Hodsaä, hodsaä!“.

Kathrein hat nicht nur einen wissenschaftlichen Bezug zu dem, was sie erforscht. Tiroler Mundart ist die „Sprache“, mit der sie aufwuchs. Sie spricht damit das, was Sprachwissenschaftler als „alemannisch beeinflusstes Südbairisch“ bezeichnen. Es ist die Sprache, die Fremde oft kaum oder nur mit größter Schwierigkeit verstehen. Aber doch macht genau auch diese Fremdheit einen Teil des Reisevergnügens aus: Neben dem Sightseeing gibt es ja auch eine Art „Sighthearing“. Das, was Laien als typisch tirolerisch wahrnehmen, sind die k- und ch-Laute: Sie werden vor allem am hinteren Gaumen gebildet und klingen so rau wie die Karstlandschaft im Hochgebirge. Eine weitere Besonderheit des Tirolerischen ist die Ausdifferenzierung in zahlreiche Unterdialekte. Kathrein sagt: „Es gibt in Tirol so viele Dialekte, wie es Sprecher und Sprecherinnen gibt.“

Franz Rendl
82 Jahre, Brixlegg
Was ist ein typischer Tiroler Fluch? Verfluachts Sauviech!
Erklärung: So bezeichne ich eine Kuh, die nicht das tut, was ich will. Meistens wirkt der Fluch.

Kathrein interessiert sich für die Übergänge zwischen den regionalen Varianten des Tirolerischen. Sie interessiert sich aber auch für die historischen Entwicklungen und für die Frage, wie sich aus uralten, uns mittlerweile völlig fremden Sprachen das formte, was heute in Innsbruck, Kufstein und Brixen gesprochen wird. „Man könnte ja meinen, dass das Gebirge eine Barriere ist, dass hier Sprachen getrennt werden“, sagt Kathrein, „aber das Gegenteil ist der Fall. Tirol ist seit Tausenden von Jahren eine Transitregion. Hier mischten sich etliche Sprachen, lagerten sich übereinander. Das merkt man bis heute.“

Die älteste Sprache im Tiroler Raum, von der wir heute noch wissen, ist das Vorindogermanische. Dabei handelt es sich um eine Sprache, die vor der Ankunft der Indogermanen und erst recht vor der Ankunft der Römer gesprochen wurde. Heute wissen wir nur mehr sehr wenig über sie, aber es gibt noch lebendige Überreste in Tirol, und zwar die Namen „Alpen“ und „Tauern“. Schließlich ließen die Römer dann im Alpenraum ihr Vulgärlatein zurück, woraus sich Sprachen wie das heute noch in der Schweiz gesprochene Rätoromanisch entwickelten oder das in den Dolomiten gesprochene Ladinisch. Eine ganz ähnliche Sprache wurde lange Zeit auch in Tirol gesprochen, bevor ungefähr im fünften, sechsten Jahrhundert nach Christus im heutigen Raum Osttirol slawische und etwa zeitgleich im restlichen Tirol bajuwarische Stämme aus dem nördlichen Alpenvorland einwanderten. Letztere sprachen eine Form des Althochdeutschen – also einen Vorläufer des heute gesprochenen Tirolerisch. Yvonne Kathrein erklärt: „Die Einwanderung wird sicher nicht überall komplett friedlich vonstattengegangen sein. Aber die Tatsache, dass viele Wörter aus der romanischen Sprache übernommen wurden und bis heute existieren, weist darauf hin, dass man doch auch kulturellen und damit sprachlichen Austausch pflegte.“ Das zeigt etwa der Bergname „Serles“ . Er leitet sich von der alpenromanischen Bezeichnung für ein Weidezaungatter ab. Anscheinend stand auf der Wiese am Fuß des Berges einmal ein besonders wichtiges. Aber auch die „Watschn“, die nicht nur in Tirol, sondern im ganzen bairischen Sprachgebiet gern ausgeteilt wird, geht auf römisches Erbe zurück, steckt in ihr doch das lateinische „battere“– „schlagen“.

Helene Wolf
23 Jahre, Navis
Welches Tiroler Wort ist unübersetzbar? Woadl!
Verwendung: I gea mal woadl da ummi.
Übersetzung: Ich gehe mal kurz da rüber.

Ein besonders urtümliches Tirolerisch wird in einigen etwas abseits gelegenen Tälern beziehungsweise Talabschnitten gesprochen, unter anderem im mittleren Ötztal. Der Dialekt dort ist zum Beispiel bestimmt durch die sogenannte Mittelgaumigkeit. O wird hier zu ö, ue zu üe. Ötztaler trinken etwa ein Cöca-Cöla und tragen an den Füßen Schüache. Das klingt dann ein bisschen wie das Deutsch, das in Sachsen sen gesprochen wird, hat damit sprachgeschichtlich aber gar nichts zu tun. Diese Mittelgaumigkeit ist ein Relikt aus dem Mittelhochdeutschen. Da war sie weit verbreitet, verschwand aber dann durch komplexe Mechanismen. Hier war es tatsächlich die lange räumliche Abgeschiedenheit des Ötztals, die als Sprachkühlschrank wirkte, in dem eine alte lautliche Ausformung bis heute frisch gehalten wurde.

Auch Flüsse konnten Dialektgrenzen bilden, sogenannte Isoglossen. Eine der wichtigsten davon läuft längs durch Tirol. Sie trennt das westliche und das östliche Tirolerisch. Der Dialekt des Westens, vor allem der des Oberlandes, ist beeinflusst vom Alemannischen, das in der Schweiz, in Vorarlberg und Schwaben gesprochen wird. Im östlichen Tirol hingegen wird „reineres“ Bairisch gesprochen. Die Situation ist verworren, wie das oben genannte Beispiel des Alpensalamanders zeigt. „Aber etwas vereinfachend kann man sagen, dass viele Isoglossen sich dort bündeln, wo der Fluss Ziller in den Inn fließt“, erklärt Kathrein. „Dafür gibt es auch historische Gründe, der Ziller war lange Zeit die Grenze zwischen dem Erzbistum Salzburg und dem Bistum Brixen und markierte so zwei unterschiedliche Einflussgebiete.“ Westlich des Zillers spricht man viele Laute etwas härter aus, etwa das Wort Wetter, das als „Wettr“ realisiert wird, östlich heißt es „Weda“. Im Westen heißen Gletscher „Ferner“, worin „fert“ (das dialektale Wort für „letztes Jahr“) steckt – denn auf dem Gletscher liegt auch im Sommer der Schnee vom letzten Jahr. Im Tiroler Osten wiederum heißt ein Gletscher „Kees“. Das Hemd heißt im Westen „Hemat“, im Osten hingegen „Pfoat“, was auf ein gotisches Wort zurückgeht.

David Gschösser
29 Jahre, Alpbach
Tirolerisch wird von Fremden oft als hart und krächzig empfunden – was haben Sie für eine Erwiderung? So a Kchlischee.
Übersetzung: So ein Klischee.

Ein Teil von Kathreins Arbeit ist es, diese Übergänge, diese Sprachgrenzen nachzuzeichnen. Sie und ihre beiden Mitarbeiter, Julia Schönnach und David Gschösser, verkörpern als Sprecher einen Teil der dialektalen Vielfalt Tirols. Während Kathrein und Schönnach aus dem Westen Tirols stammen, kommt Gschösser aus Alpbach in der Nähe von Wörgl, also aus dem „weicher“ sprechenden Unterland. Wenn die drei gemeinsam aus dem Fenster des Universitätsturms auf die nahe gelegene Pfriemeswand schauen, um dabei auf verschiedene Bezeichnungen für Gebirgsformationen zu kommen, sagt Gschösser lachend: „Das Westtirolerische klingt wie eine Krankheit.“ Lokalpatriotismus gibt es eben auch auf kleinstem Raum.

Aber sie werden weniger. „Ein Ergebnis unser Forschungen ist, dass es zu einer Angleichung der verschiedenen Tiroler Dialekte kommt“, sagt Kathrein. „Das ist eine ganz normale Entwicklung. Daran gibt es nichts zu bedauern, die Sprache ist eben immer auch Abbild von sozialem Verhalten – und wenn die Menschen heute mobiler, medial vernetzt und international orientiert sind, dann ist das nichts, was wir bewerten. Wir beschreiben und dokumentieren lediglich die Auswirkungen auf unsere Dialektlandschaft.“

Hilde Karner
76 Jahre, Innsbruck
Was ist Ihr Tiroler Lieblingsreim? Je gleimer, desto feiner.
Verwendung: Wenn man zum Beispiel mit vielen Leuten um den Tisch herum sitzt.
Übersetzung: Je enger, desto gemütlicher.

Außerdem entstammen viele Dinge, Verhaltensweisen oder Sachverhalte, die der Dialekt äußerst präzise benennt, der bäuerlichen Welt, die den Alltag von immer weniger Menschen prägt. Zum Beispiel die Grommel, das Wort für ein Objekt, mit dem man den Flachs gebrochen hat. Die Benennung hatte also eine ganz praktische, den Alltag strukturierende Bedeutung. Kathrein erklärt: „Viele der Dinge, die mit dem Fragebogen der Exploratoren erfasst wurden, waren Gegenstände, die wir heute nur noch von Bildern kennen, etwa verschiedene Arten von Holzeimern, die alle eine eigene Bezeichnung hatten. Diese Dinge sind aus unserem Leben verschwunden und damit auch die Wörter.“

Aber in dem Maß, in dem der Dialekt nicht mehr eine gegebene und damit auch unreflektierte Selbstverständlichkeit ist, wird er auch sichtbarer. Der Bauer, der vor fünfzig Jahren seine Schweine mit „Notsch, notsch“ rief, machte sich wahrscheinlich keine Gedanken darüber, wie er spricht. Erst vor dem Hintergrund einer Standardsprache wird die Poesie, die Detailgenauigkeit und der Humor der Mundart deutlich. Und erst wenn Sprecher die Wahl haben, entweder Dialekt oder Hochdeutsch zu sprechen, bedeutet es etwas, wenn sie das Tirolerische wählen. Kathrein, Schönnach und Gschösser beobachten, dass Tirolerisch seit ein paar Jahren eine andere, wenn man so will: moderne Verwendungsweise hat. „Auf einmal werden SMS und Whatsapp-Nachrichten im Dialekt geschrieben“, sagt Gschösser. Es werden manchmal sogar explizit moderne Techniken auf Dialekt wiedergegeben. Aus dem Mobiltelefon wird dann der „Wischer“ und downloaden heißt „Oalodn“. Geht es dabei um Heimatverbundenheit? Um Abgrenzung von den Touristen? Oder ganz einfach um die Freude an der Sprache?

Yvonne Kathrein
37 Jahre, Mathon/Ischgl
Welches Tiroler Wort ist unübersetzbar? Vrzua.
Verwendung: Olli grad ausfahre. Dann kimmt vrzua a Kreizung.
Übersetzung: Geradeaus fahren. Und dann kommt irgendwann eine Kreuzung.

Rückwärtsgewandt scheint der Trend jedenfalls nicht zu sein. Die Band Rebel Musig, die einen Reggae-infizierten Hip-Hop spielt, singt auf Tirolerisch und hat damit in ganz Österreich und auch in Süddeutschland großen Erfolg. In dem Hit „As Lem in de Berg“ bezeichnet sich der Sänger als sympathischen, aber etwas trägen Hänger, erzählt von seinem Job als Bügelgeber am Skilift und nennt sich selbst einen „Liftinger“. Das ist ein Tiroler Wort, das vor 100 Jahren nicht verstanden worden wäre – weil es keine Lifte gab.

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