Voll auf der Höhe

TEXT Maximilian Gerl

FOTOS Manfred Jarisch

In Tirol gibt es Abertausende Kletterrouten. Eigentlich ist da für jeden etwas dabei. Doch unser Autor hat ein Problem: Er ist nicht schwindelfrei.

Ich habe Todesangst. So etwas behauptet man natürlich schnell, ich weiß. In der Kantine, auf einer Party, wenn man eigentlich nur erzählen will, dass einen der Chef zu sich ins Zimmer gerufen hat oder dass einem beim Joggen dieser Dackel hinterhergebellt hat. Das hier aber ist anders. Ich fürchte wirklich um mein Leben. Mein rechtes Bein zittert. Wobei Zittern gar nicht das richtige Wort ist. Mein rechter Fuß schlägt so schnell gegen den Boden wie die Nadel einer Nähmaschine. Ich kann die Bewegung nicht kontrollieren, nicht einmal, wenn ich mit der Hand mein Knie festhalte. Mein Hirn feuert wahllos Gedanken ab, die ich nicht zu greifen bekomme.

Ich schaue nach vorne. Ein paar Schritte vor mir hört der Boden auf zu existieren. Es ist nichts mehr da, nichts, gar nichts. Nur 90 Meter freier Fall, eine tiefe Felsenschlucht bei Zirl. Ich schaue an mir herunter. Um meine Hüfte trage ich einen dünnen Klettergurt. An ihm ist ein dünnes Seil befestigt. Der Knoten wirkt lausig. Ich sehe nach oben. Pechschwarze Wolken haben sich am Himmel zusammengezogen, ich höre den Donner, ein dicker Tropfen zerplatzt in meinem Gesicht. Das Gewitter ist da. Mit einem letzten Rest von Rationalität wäge ich meine Überlebenschancen: vom Blitz erschlagen werden oder lieber in den Tod stürzen? Irgendwer sagt: „Okay, bringen wir’s hinter uns.“ Es ist nicht die Stimme von Matthias, meinem Kletterlehrer, mit dem ich hier oben stehe. Ich muss das selbst gesagt haben.

Beim Sportklettern dürfen die in den Fels geschlagenen Haken nur zur Sicherung mit Expressschlingen verwendet werden. Festhalten darf man sich an ihnen eigentlich nicht.

Was danach kommt, verschwimmt. Entweder liegt es am Regen, der auf mich einprasselt, oder mein Gehirn weigert sich, das Geschehen als real zu betrachten. Irgendwie drehe ich mich um und gehe zur Kante, greife ins Seil, lehne mich langsam, ganz langsam zurück, stemme meine Füße gegen den Felsen, spüre, wie Matthias mich ablässt, Schritt für Schritt gehe ich die Wand hinunter und wandle gleichzeitig am Rand einer Panikattacke. Irgendwann passiere ich einen Überhang und baumle in der Luft. Kontrollverlust. Hängen und hoffen und beten. Es donnert. Oder ist das mein Herzschlag? Unter mir taucht ein Vorsprung auf. Das Seil reicht nur für die halbe Strecke, also müssen wir einen Zwischenstand einlegen. Ich soll das Seil einholen, ziehe und ziehe, bis es an uns vorbei in die Tiefe fällt, dabei rutscht es mir über den Arm. Den Schmerz spüre ich kaum.

Als ich durch die Baumwipfel breche, als ich festen Boden unter den Füßen habe, muss ich mich dringend setzen. Etwa 30 Minuten haben wir für die 90 Meter gebraucht, aber es hätten auch Stunden sein können. Matthias sagt: „Respekt, ohne zu zögern bist du über die Kante.“ Dabei habe ich eigentlich nichts gemacht. Meine einzige Leistung bestand darin, nicht ohnmächtig zu werden.

Fast wirkt es, als würde unser Autor den Blick nach unten genießen.

Höhenangst ist ja nichts Schlimmes, eigentlich hat jeder Mensch Höhenangst, der eine mehr, der andere weniger. Und es ist ja auch ganz sinnvoll, dass man nicht dazu neigt, auf dem Fensterbrett im 22. Stock Handstand zu machen. Aber mich nervt meine Panik. Sie schützt mich vor Gefahren, die es eigentlich gar nicht gibt. Wenn ich fremde Städte besuche, steige ich gern auf den höchsten Kirchturm, den Fotoapparat im Anschlag; doch auf halbem Weg nach oben bereue ich es schon und habe kein Auge fürs Panorama. Auch auf Balkonen fühle ich mich manchmal unwohl. Sobald sich jemand zu nah ans Geländer stellt, will ich aufspringen und ihn wegreißen. Meine Höhenangst macht mein Leben tatsächlich schlechter. Ich wohne in München. Meine Freunde und Kollegen gehen am Wochenende bergsteigen – und haben am Montag einen Sonnenbrand im Gesicht und ein Leuchten in den Augen. In den Zeitungen lese ich vom Kletterboom. Der Deutsche Alpenverein hat seine Mitgliederzahl von 680.000 im Jahr 2004 auf 1,2 Millionen im Jahr 2016 gesteigert, ein Drittel davon sind Sportkletterer. Der österreichische Alpenverein hatte 2005 300.000 Mitglieder. 2016 waren es 500.000. Verpasse ich etwas? Werde ich es irgendwann bereuen, mich nie getraut zu haben? Seinen Ängsten soll man ins Gesicht sehen, so heißt es doch immer. Ich entschließe mich zu einer Schocktherapie und buche einen Kletterkurs in Tirol.

An einem sonnigen Sommermorgen treffe ich Matthias Bader in Imst. Er ist 34, kräftig, lockig, dauergrinsend. Ein Foto von ihm könnte im Lexikon neben dem Artikel zum Thema „Naturbursche“ stehen. Zur Begrüßung zerquetscht er mir erst einmal die Hand. Matthias besteht darauf, dass ich ihn duze, und ist mein Lehrer für die nächsten drei Tage – und meine Lebensversicherung. Er zeigt mir auf dem Handy verschiedene Felswände, die er mit mir erklettern will. Genug Auswahl gibt es ja in Tirol. 5000 Kletterrouten sind offiziell gelistet, von einsteigerfreundlich bis extrem herausfordernd, Tirol ist eine der besten Sportkletterregionen weltweit. Die Touren, die mir Matthias zeigt, sehen mindestens ambitioniert aus. Mir wird flau im Magen. Matthias sagt: „Keine Angst, wir fangen ganz langsam an.“

„Die Touren tragen Namen wie „Babyleicht“ und „Bierbauch““

Anfänger glauben, dass es beim Klettern auf Hände und Arme ankommt. Tatsächlich ist die Fußarbeit viel wichtiger

Wir fahren nach Walchenbach bei Tarrenz in einen Klettergarten. Die Touren dort tragen meinem Niveau angemessene Namen wie „Babyleicht“, „Bierbauch“ oder „Putzelchen“. Ich starte mit „Kurz und bündig“, Schwierigkeitsgrad 3, 6 Meter hoch. 3 ist, wie ich lerne, am unteren Ende der Kletterskala, die schwierigsten Touren werden derzeit mit einer 12 bewertet, Matthias ist im 10. Grad unterwegs. Bevor es an die Wand geht, zwänge ich mich in die Kletterschuhe, die ich mir in München von einem Freund geliehen habe. Hüftgurt und Helm hat mir Matthias mitgebracht. Er zeigt mir auch, wie ich das Seil mit einem doppelten Achterknoten an meinem Gurt befestige. Dann knotet er sich ans andere Ende und steigt die Route vor, während ich unten stehe und ihm so viel Seil gebe, wie er gerade braucht. Alle paar Meter sind Metallösen in die Wand geschlagen, die Kletterer nennen sie Haken. An sie hängt Matthias das Seil. Dafür nutzt er eine sogenannte Expressschlinge – zwei Karabiner, die mit einer Schlaufe verbunden sind. Im Fall eines Sturzes würde Matthias das Doppelte der Distanz fallen, die zwischen ihm und der letzten Zwischensicherung liegt. Dazu kommt dann noch die Seildehnung. Aber nicht meine Reaktionszeit. Mein Sicherungsgerät blockiert automatisch, sobald scharfer Zug ausgeübt wird.

Mithilfe der sogenannten Expressschlingen (zwei Karabiner, die mit einer Schlinge verbunden sind), wird das Seil in die Haken im Fels gehängt.

Zum Glück muss ich selbst nicht vorsteigen. Matthias hat das Seil in den obersten Haken eingehängt und sichert mich vom Boden aus. Das Seil kommt also von oben und ist ganz straff, weil Matthias es bei jeder meiner Bewegungen einzieht. Am Vormittag klettere ich mehrmals die  „Kurz und bündig“, später andere Routen. Die meisten davon würden auch Kleinkinder beim ersten Versuch schaffen. Am Nachmittag ziehen wir in den Klettergarten Oetz im vorderen Ötztal um. Für Außenstehende müssen wir ein komisches Duo abgeben: Matthias steigt manchmal in Flipflops vor, um das Seil in der Wand einzuhängen. Ich dagegen hänge wie ein nasser Sack herum, finde trotz Kletterschuhen selten Halt für die Füße, patsche panisch gegen die Wand, um irgendeinen Griff für meine Hände zu finden. Dabei bin ich als Kind eigentlich gern gekraxelt, auf Bäume, Baustellengerüste. Damals fiel mir das natürlich leicht. Jetzt, als Erwachsener, denke ich zu viel nach. Die meiste Arbeit müssen die Beine machen, hat mir Matthias erklärt. Langsam lerne ich, meinen Füßen zu vertrauen, mich nur auf Zehenspitzen voranzuschieben, kleine Löcher und Vorsprünge zu nutzen und an glatten Stellen sogar nur auf die Reibung zu setzen, also so, dass die Sohle meines Kletterschuhs, wenn ich mit dem Fuß richtig ansteige, gewissermaßen an der Wand kleben bleibt.

Am Ende des Tages bin ich 15 Routen geklettert. Ich bin zufrieden. Als Erwachsener ist man ja ganz schön gefangen in seinen Routinen, man kennt sich ungefähr aus im Job, kann Fahrrad fahren und ein paar Sätze Englisch. Komplett neue Herausforderungen aber gibt es im Grunde gar nicht mehr. An diesem Tag beim Klettern habe ich mir aber tatsächlich ganz neue Bewegungen antrainiert, als hätte ich noch einmal Laufen gelernt.

Am nächsten Morgen geht es nach Nassereith. Der Zustieg zum Klettergarten Tiefental führt über ein steiles Geröllfeld. Die Wände ringsherum sind hoch und wenig einladend. Ich versuche, nicht zu viel nachzudenken, macht nur Angst. Matthias erklärt mir, was ich wann zu tun habe. Er plant eine Mehrseillängentour mit mir, das heißt, die Seillänge – in unserem Fall 60 Meter – ist zu kurz, um die ganze Route zu klettern. Matthias muss vorsteigen, mich dann nachholen und dann weiter vorsteigen.

Mit Schlingen und Karabinern baut man den sogenannten „Stand“, eine Zwischenstation in der Wand. Von hier aus wird die nächste Seillänge in Angriff genommen.

Wie immer sieht das Klettern bei Matthias kinderleicht aus. Er kommt auf einem Vorsprung 30 Meter über mir an und ruft: „Stand!“ Ich sehe nur seinen Kopf über die Kante lugen. Es dauert eine Weile, bis er uns gesichert hat, dann zerrt das Seil an mir. Jetzt ich. Tatsächlich lässt sich der Anfang gut an, die Wand ist etwas geneigt und rissig. Bald habe ich die erste Seillänge geschafft und blicke nach unten. Matthias wirft mir einen fragenden Blick zu. „Durch die Neigung der Wand merkt man die Höhe nicht so“, sage ich. Trotzdem gefällt mir unser derzeitiger Aufenthaltsort nicht. Er ist ungemütlich schmal. Damit Matthias Platz hat, muss ich mich rückwärts ins Freie setzen, nur gehalten von Gurt und Seil. Ich ruckele ein-, zwei-, dreimal probehalber am Seil. Überraschung: hält. Endlich kann ich mich überwinden und lehne mit dem Hintern im Nichts.

Matthias bereitet derweil den Aufstieg für die zweite Etappe vor. Die fordert mich deutlich mehr. Vor mir liegt zunächst ein senkrechter Abschnitt. Ich muss seitlich einsteigen – ich schaue geradewegs in die Tiefe. Die Höhenangst meldet sich. Was nachvollziehbar ist, wäre ich ungesichert, wäre jeder weitere Schritt lebensmüde. Kurz fühle ich mich bewegungsunfähig. Erst im dritten Anlauf traue ich mich über den Abschnitt hinweg. Und dann geht es irgendwie weiter. Und irgendwann bin ich dann bei Matthias angelangt.

„Mit dem ersten Griff an die Wand lässt man den Alltag hinter sich“

In diesen Moment verstehe ich zum ersten Mal, was der Reiz des Kletterns sein könnte. Der senkrechte Fels ist kein natürlicher Lebensraum des Menschen. Mit dem ersten Griff an die Wand lässt man den Alltag weit hinter sich (an die Steuererklärung oder meinen Zahnarzttermin habe ich die letzten drei Stunden jedenfalls nicht gedacht). Man lernt seine Grenzen kennen. Man lernt aber auch, wie man seine Grenzen verschiebt. Habe ich vielleicht doch das Zeug zum Kletterer?

Unser Autor blickt nicht nur hinab in die Schlucht. Sondern auch in die Tiefen der eigenen Seele. Wohl kein anderer Sport kann die menschliche Psyche so sehr beanspruchen wie das Klettern.

Viel besser als jede Dusche: der eiskalte Bergbach.

Das kleine bisschen Selbstbewusstsein, dass ich mir aufgebaut habe, verliere ich am Nachmittag desselben Tags, als mich Matthias im Regen und im heraufziehenden Gewitter in die 90 Meter tiefe Schlucht abseilt. Das Erlebnis beschäftigt mich noch den ganzen Abend (ich werde sogar davon träumen). Was genau hat mich eigentlich daran so schockiert? Es war ja noch nicht einmal das erste Mal, dass Matthias mich abgeseilt hat. Klar, es war steiler und tiefer, aber es macht keinen Unterschied, ob man 30 Meter eine sanft geneigte Wand hinunterstürzt oder 90 Meter im freien Fall unter einen Überhang. Tot ist man so oder so. Und warum dachte ich überhaupt, dass ich fallen würde? Theoretisch wusste ich doch, dass alles sicher ist, dass ich den besten Seilpartner habe, den ich mir wünschen kann, dass Seil, Knoten und Gurt halten würden? Wie kein anderer Sport konfrontiert uns das Klettern mit tief sitzenden Ängsten und rätselhaften Gefühlen. Wieso tut man sich das überhaupt an? Im April 1336 schrieb der Dichter Francesco Petrarca einen langen Brief an einen  Freund mit dem Titel „Von meinen persönlichen Problemen“. Darin berichtet er auch von der Besteigung des 1912 Meter hohen Mont Ventoux, die er mit seinem Bruder unternommen habe. Obwohl noch nicht einmal sicher ist, dass Petrarca wirklich den Gipfel erreicht hat, gilt seine Tour – oder eigentlich eher: der Tourbericht – als Geburtsstunde des Alpinismus. Im Jahr 1800 wurde der Großglockner, der höchste Berg Österreichs, erstmals bestiegen. Kletterschuhe und Gurt gab es damals noch nicht, die Bergsteiger sicherten sich mit Hanfseilen, die sie sich um den Körper banden, und trugen grobe Stiefel.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich dann das Sportklettern als eine eigenständige Disziplin. Manchmal bezwingt man nach wie vor einen Gipfel, manchmal auch nur eine 15 Meter hohe Wand. In jedem Fall ist hier der möglichst schwere Weg das Ziel. Beim Sportklettern im freien Stil, dem auch Matthias folgt, dürfen Haken und Seil nur zum Sichern verwendet werden, sie sind keine Hilfsmittel, um sich die Wand hochzuziehen. Tirol hat übrigens eine wichtige Rolle in der Geschichte des Sportkletterns gespielt. 1977 wurde zum Beispiel im Wilden Kaiser mit den 300 Meter langen Pumprissen die erste alpine Route im 7. Schwierigkeitsgrad durchstiegen. Als ich mir die Bilder der senkrechten endlosen Risse anschaue, wird mir flau im Magen. „Angst hat jeder Mensch“, sagt der Innsbrucker David Lama, einer der besten Kletterer der Welt. Und vielleicht ist ja ein Reiz des Bergsteigens und des Kletterns, diese Angst zu überwinden, so denke ich zumindest kurz vor dem Einschlafen. Wäre es möglich, dass man nicht klettert, obwohl man Angst hat, sondern weil man Angst hat?

Für den letzten Tag hat sich Matthias etwas Besonderes ausgedacht. Über vier Seillängen will er mit mir bis zu einem Vorgipfel des Hochiss aufsteigen, mit fast 2300 Metern einer der höchsten Punkte im Rofangebirge. Die Bergkette ist Teil der Brandenberger Alpen und wird vom Achensee begrenzt, Tirols größtem Freibad. Mit der Seilbahn fahren wir vom Achensee weit hinauf in den Bergkessel. Zwischen Kühen, Steinen und Gebüsch suchen wir uns einen Weg – der Zustieg ist nicht ausgeschildert, aber malerisch. Als wir nach anderthalb Stunden am Fuß der Wand stehen, hat es sich ausgemalert. 135 Meter ist sie hoch.

Matthias klettert wieder voraus. Zwei Etappen lang geht unser Aufstieg überraschend gut voran. Auch diese Wand ist geneigt, als Tritthilfe nutze ich vor allem tiefe Rillen, die der Regen über Tausende von Jahren in den Fels gespült hat. Erst mit der dritten Seillänge ändern sich Gestein und Gefälle, alles wird glatter und steiler, die Rillen weniger. An einigen Stellen finde ich keinen rechten Halt, bekomme Angst. Ich versuche, schneller zu klettern, was zu noch mehr Reibungsverlust und Angst führt. „Kleine Schritte“, mahnt Matthias von oben. „Klettern ist zu 70 Prozent Kopfsache.“ Ach ja? Eher 100 Prozent Nervensache.

Je schwieriger es wird, einen sicheren Halt zu finden, desto mehr spüre ich meine Angst vor der Höhe. Ein paarmal bin ich kurz vorm Abrutschen. Aber irgendwie stehe ich es durch. Die vierte und letzte Seillänge versuche ich so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Meine Angst ist nicht so schlimm wie beim Abseilen, aber groß genug, um meine Gedanken zu vernebeln. Ich konzentriere mich auf den nächsten Schritt. Klettern wie im Tunnel, nichts sehen, nichts denken, nichts hören, nur weiter. Und für einen kurzen Moment fühlt es sich plötzlich so an, als ob mein Körper automatisch kletterte, als ob alle Bewegungen ganz natürlich und daher auch ganz richtig wären.

Die Kante. Die Rettung. Mit einer letzten Anstrengung wuchte ich mich hinüber. Matthias gratuliert. Ich weiß wenig zu antworten, weil meiner Lunge der Atem und meinem Kopf die Worte fehlen. Kurzes Verschnaufen, dann laufen wir die letzten Meter über eine steile Bergwiese hinauf zum Gipfel. Ich mache mich vom Seil los und falle ins grüne Gras. Neben mir blühen Edelweiße. Wie kitschig. Ich bin schweigsam, fühle mich seltsam leer. Glücksgefühle wollen sich nicht einstellen. Stimmt irgendwas nicht mit mir? War die Angst so groß, dass neben ihr das Gipfelglück ganz klein ist?

„Wenn ich es geschaft habe, schafft es jeder“

Der Stolz kommt dann erst Tage später. Ich habe keinen Rückzieher gemacht, ich habe bis zum Schluss durchgehalten, war mutig. Aber fürs Erste habe ich mir genug bewiesen. Zum Klettermaxe werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr. (Aber ich will niemanden davon abhalten, es selbst mit dem Klettern zu probieren. Wenn ich es geschafft habe, dann schafft es jeder.)

Vor meiner Klettertour hatte ich gehofft, meine Höhenangst könnte durch die Schocktherapie besser werden. Nach meinem Abseil-Albtraum glaubte ich, sie hätte sich verschlimmert. Aber auch das stimmt nicht. Tatsächlich ist alles wie zuvor. Umsonst war es aber nicht, ganz im Gegenteil. Statt auf meine Angst konzentriere ich mich jetzt lieber auf den Ausblick oder meinen Fotoapparat. Ich habe etwas verstanden. Ich muss meine Höhenangst nicht besiegen, ich kann sie aushalten. Ich habe gelernt, keine Angst vor der Angst zu haben.

 

VERANSTALTUNGSTIPP: IFSC Kletter-WM 2018

Wer sich selbst nicht in die Wand wagen will, kann den besten Kletterern der Welt auch einfach zuschauen: Nach 25 Jahren hat Innsbruck erneut die Ehre, Gastgeber der Kletter-Weltmeisterschaft zu sein. Die WM 2018 wird vom 6. bis 16. September im neuen Kletterzentrum am Innsbrucker Sillufer und in der Olympiaworld ausgetragen. Auf dem Programm stehen Wettbewerbe im Vorstiegsklettern, Bouldern, Speedklettern und Paraclimbing.

Mehr Informationen unter: www.sport.tirol

 

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