Zeitlos

OLIVER STOLLE

FRANK STOLLE

Wer die Wände Tirols durchsteigen will, kann einem dichten Routennetz folgen. Das war nicht immer so. Unterwegs mit einem, der bis heute lieber eigene Wege geht – nicht nur beim Klettern.

Die Granitplatten des Höhenwegs über dem Zillergrund klirren unter den Füßen, hart und kristallin. Darüber ragen Felsmauern hunderte Meter in den Himmel. Außer den eigenen Schritten ist nichts zu hören. Stille und Einsamkeit. Eine abweisende Szenerie. Für die meisten. Aber es gibt Menschen, die hier einen Spielplatz sehen. Man findet kaum Informationen über diese Wände oberhalb der Plauener Hütte in der Bergliteratur, den Foren im Netz. Auch wenn man den Steig verlässt, eine Dreiviertelstunde über wilde Geröllhalden hinauf bis an den Fuß einer Wand, die sich zu einem namenlosen Gipfel streckt: kein Hinweis, dass hier schon einmal jemand gewesen ist.

Klettern liegt im Trend. Es gibt unzählige Hallen mit bunten Kunstgriffen. Das Routennetz, das die Felsen draußen überzieht, wird immer dichter, Hakenreihe neben Hakenreihe, in Talnähe und oben am Berg, beschrieben, bewertet, bestens abgesichert. Auch in Tirol. Wie verändert der Hype den Sport? Gibt es noch den Abenteuergeist der Pioniere? Und was kann man von ihnen für das Klettern der Gegenwart lernen?

Am Wandfuß sortiert ein drahtiger Mann ein Doppelseil, bindet sich ein, belädt den Gurt: Bündel von Keilen und Klemmgeräten, Expressschlingen, Karabiner, Schlaghaken, ein Hammer an der Bandschlinge. Bevor er seinen Weg nach oben sucht, setzt er sich einen schwarzen Zylinder auf den Kopf. Spätestens jetzt ist er ganz bei sich: Darshano L. Rieser, 63 Jahre, Erstbegeher von rund 300 alpinen Routen bis zum zehnten Schwierigkeitsgrad. Im Tal ist er, wie es über ihn heißt: „Drogist, Ikonoklast, Mystiker.“ Ein letztes Mal prüft er die Knoten. Und es geht los.

Knapp 38 Jahre später als auf dem Titelbild, immer noch mit Zylinder: unterwegs im Zillertaler Granit mit Blick auf einen noch namenlosen Gipfel.

Der Zustieg zum Wandfuß führt über wilde Granithalden – und bietet immer wieder neue Perspektiven auf die geplante neue Linie in der Wand.

Darshano ist mit großer Wahrscheinlichkeit der erste Mensch, der Hand an dieses Gestein legt, das vor etwa 60 Millionen Jahren den Grund des Penninischen Ozeans bildete, bevor es von Erdplatten mehr als zehn Kilometer in die Tiefe gedrückt wurde und irgendwann gegen Ende des Oligozäns, also vor vielleicht 25 Millionen Jahren, in die dünne Luft dessen gehoben wurden, was man heute als österreichische Zentralalpen bezeichnet. Aber was bedeutet schon Zeit, wenn es ans Klettern geht?

Geboren wurde Darshano als Ludwig Rieser im Mai 1956 in Zell am Ziller. Die Mutter ist Drogistin. Der Vater arbeitet als Postdirektor, außerdem ist er Obmann der Alpenvereinssektion Zillertal und nimmt die Kinder mit in die Berge, bis zumindest dem „Luggi“ – so weit, so normal – „das Wandern irgendwann zu fad wird.“ Mit Freunden entdeckt er bei Skitouren den Reiz, eigene Wege auf dem Berg zu gehen. Und sucht ein Äquivalent für die Sommermonate. Klettern bietet sich an, Felsen gibt es genug vor der Haustür.

Innerhalb weniger Jahre werden einige dieser jungen Leute, die sich die Knoten zunächst von Bergsteigern im Tal beibringen lassen und alles weitere im Selbstversuch erarbeiten, zu alpinen Spitzenkletterern. Klettergärten und -kurse gab es nicht, das Zusammenfinden der Gruppe betrachtet Darshano im Rückblick als glücklichen Zufall. „Wir waren einfach irre schnell“, sagt er. „Und hatten auch kein Bedürfnis, mehr zu sichern, als uns das notwendig erschien. Und das war spärlich. Gleichzeitig war die Herangehensweise an den Berg damals viel entspannter. Oder verspielter. Nicht das bärtige Nordwandgesicht, das sich durch eine Wand kämpft.“

In seinem Haus in Brandberg, einem Bergdorf am Rand des Zillergrunds, sind an eine Zimmerwand ein paar Plastikgriffe geschraubt, an denen seine Kinder auf eine Empore klettern können. In den Regalen die Erinnerungen der Jahrzehnte: Diakisten, nach Jahren und Gebieten sortiert, meterweise Fotoalben und Tourenbücher, handgeschrieben – „ein Schatz“, wie Darshano sagt, ein persönliches alpines Archiv, in dem er detailgenau nachschlagen kann, wie die vielen Erstbegehungen gelaufen sind. Darunter auch Bilder und Beschreibungen von Touren, bei deren Beschreibung in modernen Kletterführern sich dem heutigen Sportkletterer die Nackenhaare aufstellen: „sehr ernste Kletterei“, „nicht immer gut absicherbar“, „bisher nur wenige Wiederholungen“.

Blick auf die Spatenwand vom Gipfel der neuen Route.

Darshano unterwegs im Rofan.

Tourenbuch mit einer Zeichnung von Hannes Schmalzl.

Schnelle Topo-Skizze nach einer Erstbegehung.

„Mephisto“ heißt sein erstes Meisterstück, die erste bohrhakenfreie Erstbegehung der Alpen im achten Grad, mit Anfang zwanzig gemeinsam mit Reinhard Schiestl begangen am Heiligkreuzkofel. „Odyssee“ das zweite, eine furchterregende Kletterei in der Fleischbankostwand im Wilden Kaiser, der erste bohrhakenfreie Neuner, erstbegangen mit Freund Wolfgang Müller. Bis hin zum weltweit ersten alpinen Zehner, ebenfalls ohne Bohrhaken: „Steps across the border/Senkrecht ins Tao“, 1995 mit Ingo Knapp. Der junge Tiroler Kletterstar Hansjörg Auer, der im vergangenen Jahr tödlich in Kanada verunglückte, war einer der wenigen Wiederholer und bezeichnete die Tour in diesem Stil als die „Grenze des im Kalk Machbaren“. Es ist eine verwinkelte Linie, die von jenen Bergsteigern, die die höchsten Gipfel erstmals bestiegen, zu den Sportkletterern führt, die sich heute auf ganz einfachem oder sportlich höchstem Niveau von Bohrhaken zu Bohrhaken hangeln. Aber man muss die Ansprüche und Selbstverständlichkeiten der verschiedenen Epochen gar nicht im Detail nachvollziehen, um zu verstehen, dass Darshanos Erstbegehungen die Idee des Kletterns in Reinform verkörpern: eher ein Spiel als ein Kampf, das unterscheidet ihn von den heroischen Bezwingern der letzten Nordwände. Mit Respekt vor den eigenen Grenzen. Das wiederum vermisst Darshano manchmal, wenn heutige Profikletterer modernes Sportklettern mit Bohrhaken in hohe Wände übertragen.

Auf seinem Weg durch die Wand folgt er einem über Jahrzehnte verinnerlichten Rhythmus, als stünde ihm neben den allen zugänglichen Fortbewegungsarten – Gehen, Kriechen, Steigen – ganz selbstverständlich noch ein weiterer Modus zur Verfügung. Darshano klettert behänd und strahlt gleichzeitig eine große Ruhe aus. Kurze Pausen, wenn er eine Zwischensicherung legt, mit gezielten Griffen an den Gurt. Dann ein Blick nach oben und eine konzentrierte Folge von Kletterzügen, bis er an der nächstmöglichen Sicherungsstelle ankommt. Und schließlich an dem von ihm bestimmten Standplatz. Die frühen „Eroberungskletterer“ zogen sich oft an ihren Haken hoch, um irgendwie auf den Gipfel zu kommen. Freikletterer bewegen sich nur mit Hilfe von Händen und Füßen an den im Fels vorhandenen Griffen und Tritten. Und anders als bei den heutigen Stars des Sports, die einen, fast zwei Schwierigkeitsgrade über dem zehnten unterwegs sind, wegen der Bohrhaken einen Sturz aber nicht fürchten müssen, ist Freiklettern, wie es Darshano vertritt, ein Abenteuer. Vom Wandfuß ins Ungewisse, gesichert wird mit Keilen, die man in Löcher schiebt, Klemmgeräten, die sich in Rissen verspreizen, gelegentlich geschlagenen Haken, die aber vom nachsteigenden Kletterer schadlos entfernt werden können.

Frühe Genusskletterei, im gelben Frack, aber ausnahmsweise ohne Zylinder (Originalfoto von der Innsbrucker Kletterlegende Egon Wurm).

Aktuelle Genusskletterei in der mit dem Autor erstbegangenen Route im Zillergrund. Gesichert wird wie immer mit Keilen und Klemmgeräten.

„Wenn ein Aufbegehren in unserem Stil lag, dann am ehesten gegen das technische Klettern“, erinnert er sich. „Dass man ein Hakl nach dem anderen einschlägt, sich mit Trittleitern daran hochbewegt, das war uns total suspekt.“ Reinhold Messner rief 1968 mit einem Aufsatz über den „Mord am Unmöglichen“ zum Verzicht auf technische Hilfsmittel beim Klettern auf und setzte diesen Anspruch auch später an den 8000ern im Himalaya um. Bei Messners Expedition an die Nordwestwand der Annapurna 1985 war Darshano auch dabei. Er realisierte die Idee aber hauptsächlich an den Wänden Tirols. Am Beginn seiner Sturm- und Drangzeit mit einem Freundeskreis, den ein Journalist mal als „Beatles des Alpinismus“ bezeichnete: Heinz Mariacher mit Nickelbrille und langem Haar in der Rolle des John Lennon, seine Freundin Luisa Iovane als Yoko Ono, Reinhard Schiestl als Ringo Starr, Peter Brandstätter als George Harrison und Darshano selbst mit Zylinder und einem zum Kletterfrack umgeschnittenen Overall, dessen Schöße frei über dem Abgrund schlackerten, als Paul McCartney. „Es war die Zeit der Flower-Power, des Easy Going“, sagt er heute, die Aufbruchstimmung und Experimentierfreudigkeit spiegeln sich auch in den Namen seiner Routen wieder, von der „Morgenlandfahrt“ bis zu den „Ewigen Jagdgründen“, die er später bei Ginzling im Zillertal mit Gerhard Hörhager erschließt.

Ein Sortiment Schlaghaken.

So funktioniert mobile Zwischensicherung mit einem Klemmgerät.

Das Material für die Erstbegehung.

Parallel zur Kletterei experimentiert Darshano mit den ersten Flugdrachen und wird auch in dieser Sportart zum Pionier, fliegt Streckenrekorde und als Erster echte Loopings. Und wie die Beatles verschlägt es ihn nach Indien, wo er eine Spiritualität entdeckt und erlebt, die ihn bis heute prägt – „Darshano“ ist dem Sanskrit entlehnt. Man gerät unweigerlich ins Philosophieren mit ihm. Die „eigene Spur legen“, sei unmöglich, hat er geschrieben auf die Anfrage, ob man ihn treffen könne, um gemeinsam ins Unbekannte aufzubrechen. Weil es nichts „Eigenes“ gibt? Eine Zeit lang hat sich in seinem Haus eine Gruppe von Meditierenden um ihn geschart.

Darshano ist nicht unumstritten im Zillertal – und auch nicht in der Klettergemeinde. Man kann sich tief in die Feinheiten der Kletterethik begeben mit ihm. Warum er es etwa bedenklich findet, wenn Kletterer sogenannte Cliffs benutzen, mit denen sie sich an schmalsten Felsschuppen entlasten, aber nicht, um Sicherungen anzubringen, sondern um Stellen zu überwinden, die für sie frei zu schwierig sind. Doch er ist sich bewusst, dass solche Fragen nur Spezialisten betreffen. Den vielen Spielarten, die das Klettern heute bietet, vom Bouldern bis zum alpinen Plaisir, begegnet er gelassen. Am Berg ist Platz für alle: „Wer einen langen Zustieg in Kauf nimmt, findet genug Spielraum“, sagt er. „Auch hier in den Zillertalern. Da muss ich noch nicht mal klettern – sobald ich die Wege verlasse, finde ich Raum für Stille.“

Die Kletterschwierigkeit interessiert ihn heute, mit Anfang 60, ohnehin nicht mehr besonders. Trotzdem hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Wände vor seiner Haustür erstbegangen, meist gemeinsam mit Hanspeter „Jesus“ Schrattenthaler, Anderl, Uwe oder „Tschak“. „Heute genügt es mir, wenn ich Fünfer, Sechser, Siebener gehe. Weil du beim Erstbegehungserlebnis kaum etwas verlierst: Ich finde eine Wand. Ich realisiere eine Linie, ich gebe der Route einen Namen, ich zeichne ein Topo, schreibe eine Geschichte. Das ist für mich ein Gesamtwerk, das mein kreatives Bedürfnis erfüllt.“

Darshanos Bildarchiv.

Bronzeskulptur von Darshanos Cousin Johannes Rieser.

Aufstieg zur Plauener Hütte im Zillergrund. Durch die Reichenspitzsüdwand in der Bildmitte führt Darshanos Route „Adlerverschneidung“.

Die letzte Seillänge unserer heutigen Neutour führt über eine ausgesetzte Kante. Luftig, aber technisch, physisch und mental ein Spaziergang für ihn. Und doch bleibt er konzentriert, ist dabei ganz bei sich, setzt die Füße präzise, prüft, ob die Griffe fest sind. Dann ist er oben, auf den Berg getanzt. Ein paar Minuten genießen wir den Ausblick, dann geht es auch schon ans Abseilen. Durch eine Verschneidung. Dort ist er kürzlich gemeinsam mit der Münchner Künstlerin Christiane Fleissner durchgestiegen. Es ist sein Beitrag zu einem Forschungsprojekt, das Fleissner mit der Kuratorin Annika Schoemann umsetzen will: „About a moment“ hinterfragt die Linearität der Zeit, um die Grenzen von Kunst und Wissenschaft geht es, um Edmund Husserls Fluss-Metapher und die Illusion der Ich-Wahrnehmung. Klettern, Kunst und Philosophie – ein perfektes Projekt für Darshano.

Ein paar Wochen nach unserem Tag im Zillertaler Granit schickt er ein Foto mit den eingezeichneten Routen. „Ewigkeit für Anfänger“ nennt er die erstbegangene Linie durch die Verschneidung. „Entgrenzung für Fortgeschrittene“ die unsere. Und der so lange unbenannte Gipfel hat nun auch einen Namen bekommen: die „Hier-Jetzt-Spitze“.

Die Wand mit den jüngsten Erstbegehungen am Hohenaukar. In Blau die Route „Entgrenzung für Fortgeschrittene“, in Rot „Ewigkeit für Anfänger“.

Darshano L. Rieser

Darshano L. Rieser ist bekannt für mehr als 300 bohrhakenfreie alpine Erstbegehungen im achten, neunten und zehnten Grad. Kletterern, die sich an seinen heute nicht mehr selbstverständlichen Stil – ohne Bohrhaken, mit mobilen Sicherungsmitteln – herantasten wollen, empfiehlt er die von ihm als „Easy Trad“ erschlossene Spiegelwand im Zillertaler Granit oberhalb des Schlegeisstausees. In den Freikletterrouten vom oberen sechsten bis zum unteren neunten Grad wurden die nötigen Normalhaken hinterlassen.

Nachsteigen

Welcher Kletterstil passt zu euch? Einen kurzen Guide, der die verschiedenen Spielarten des Kletterns beleuchtet, findet ihr hier. Auf den Spuren von Darshano, seinen Kletterfreunden und weiteren Kletter- Koryphäen begeben wir uns in einer Sammlung von historischen Mehrseilllängentouren.

 

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